Als ich eine Stunde vor Vorstellungsbeginn am Nowy Teatr ankomme, ist das Foyer bereits voll. In kleinen Gruppen wird leise gesprochen, andere stehen an der Bar und versuchen noch schnell, etwas zu essen zu bekommen, bevor es losgeht. Die Vorstellungen von Europa sind seit Wochen ausverkauft. Die kontroversen Kritiken haben das Publikum nicht abgeschreckt, im Gegenteil: Sie scheinen die Neugier eher noch verstärkt zu haben. 

Vor der Vorstellung treffe ich die Dramaturg:innen Carolin Losch und Piotr Gruszczyński . Leicht amüsiert erwähnen sie, das Stück sei als „Tragödie mit der Struktur einer Telenovela“ beschrieben worden. Das bleibt mir im Kopf und ergibt umso mehr Sinn, je länger ich darüber nachdenke:  vielleicht eine Geschichte, die einem sofort vertraut vorkommt – sie dreht sich um Familie und Offenbarung – und findet doch keine Auslösung.

Wir sprechen über den Probenprozess. Der Autor von Europa, Wajdi Mouawad, erlaube gewöhnlich für einige Zeit nach der Fertigstellung keine Veränderungen an seinen Texten. Hier sei das anders gewesen – aufgrund des langjährigen Vertrauens zwischen ihm und Krzysztof Warlikowski konnten Szenen gekürzt, andere leicht überarbeitet und zusätzliche Fragmente eingefügt werden, die aus Mouawads eigenem Schreiben stammen, sowohl aus seinen Theatertexten als auch aus essayistischen Arbeiten. 

„Gewalt bleibt nicht in dem Moment eingeschlossen, in dem sie geschieht. Sie setzt sich fort, oft unsichtbar, in den Leben, die folgen.“
Teresa Bernauer

Ich muss gestehen: Ich hatte noch nie eine Arbeit von Krzysztof Warlikowski live gesehen. Meine Erwartungen waren geprägt von dem, was ich gelesen und gehört hatte. Mit seinem Stück Die Franzosen bei der Ruhrtriennale 2015 hat er bei meinen Ruhrtriennale Kolleg:innen bereits eine bestimmte Vorstellung von Maßstab und Ambition etabliert: große Ensemble-Strukturen, lange Dauer und eine Art, literarisches Material in komplexe, vielschichtige Bühnenkompositionen zu verweben. 

Eine Kollegin sagte einmal halb im Scherz, ein Warlikowski-Abend verlange Ausdauer. Und angesichts der Themen des Stücks Europa – Gewalt, vererbtes Trauma, Kompliz:innenschaft – erwarte ich eine gewisse Intensität.  Ein Werk, das sich aufschichtet, statt sich aufzulösen, das Aufmerksamkeit fordert, statt Erleichterung zu bieten. Im Zentrum der Geschichte steht eine Frau Namens Europa, die im Alter versucht, über etwas lange Vergangenes zu sprechen, dass ihr Leben und indirekt das ihrer Töchter geprägt hat.  

Mein Verständnis des Stoffes speist sich vor allem aus Wajdi Mouawad selbst: In seinen Schriften und öffentlichen Gesprächen kehrt er immer wieder zu der Vorstellung zurück, dass Gewalt nicht in dem Moment eingeschlossen bleibt, in dem sie geschieht. Sie setzt sich fort, oft unsichtbar, in den Leben, die folgen – sie prägt Beziehungen, Entscheidungen und Schweigen. Übertragen wird nicht nur Erinnerung, sondern etwas schwer Greifbares: etwas, das fortbesteht, selbst wenn es nicht benannt wird. Wichtig ist hier, dass Mouawad die Perspektive verschiebt. Die Frage ist nicht nur, was uns angetan wurde, sondern auch, was wir anderen angetan haben. Diese Verschiebung verkompliziert die vertrauten Positionen von Opfer und Täter:innen und führt eine Form von Verantwortung ein, die nicht mit der handelnden Generation endet. 

„Theater wird zu einem Raum, in dem dieser Versuch erprobt wird: wie man sich dem schwer Erträglichen nähert, ohne es zu verkürzen, oder zu vereinfachen.“
Teresa Bernauer

In diesem Zusammenhang wird Sprache prekär. Mouawad kehrt immer wieder zu dem Versuch zurück, Gewalt durch Worte zu ersetzen – und dazu, wie fragil dieser Versuch ist. Theater wird zu einem Raum, in dem dieser Versuch erprobt wird: wie man sich dem schwer Erträglichen nähert, ohne es zu verkürzen, oder zu vereinfachen. 

Was mich dann überrascht, ist nicht das Gewicht des Stückes. Es ist da, unverkennbar, aber es ist nicht erdrückend. Die Intensität bleibt in Bewegung, getragen von einem Ensemble, das sich festen Identitätszuschreibungen entzieht. Besonders die weiblichen Figuren bleiben offen, wandelbar und verweigern sich vertrauten Narrativen von Frausein oder psychologischer Eindeutigkeit. Eine Figur – ein junges Mädchen, so etwas wie eine jüngere Version von Europa – durchquert die Szenen, ohne zu sprechen. An einer Stelle schreibt sie auf eine Tafel ein Geständnis oder dessen Spur. All die zurückgehaltene Emotionalität der Erwachsenen scheint sie körperlich ausdrücken zu können. 

Und doch gibt es Momente unerwarteter Leichtigkeit, besonders in den Begegnungen zwischen den drei Töchtern. Sie haben sich nie zuvor getroffen und kommen aus völlig unterschiedlichen Kontexten, sind nun aber einer Situation ausgeliefert, die eine Form von Verbindung verlangt. Ihr Widerstand dagegen – die Unbeholfenheit, die Reibung – erzeugt eine Art von Humor, der neben den tragischen Umständen bestehen kann. 

Nach der Vorstellung liegt Sprachlosigkeit in der Luft – und das Bedürfnis, das Gesehene zu verarbeiten. Gespräche beginnen zögerlich im Foyer. Es gibt keinen schnellen Konsens, keine sofortige Zusammenfassung. Erst jetzt beginnt der Titel sich aufzudrängen: Europa. Was als Familiengeschichte beginnt, geht über diesen Rahmen hinaus. 

Europa, ein Kontinent, der nicht nur von vergangener Gewalt geprägt ist, sondern auch von der Schwierigkeit, sich ihr zu stellen. Von der Art und Weise, wie Geschichten ungesagt bleiben, verschoben oder nur teilweise anerkannt werden. Von der Beharrlichkeit dessen, was nicht aufgearbeitet ist. Ist dies die Parabel unserer Zeit? Eine Verdichtung von Spannungen, die weithin spürbar sind: zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen privater Erfahrung und historischer Realität, zwischen dem Wunsch zu sprechen und der Schwierigkeit, dies zu tun. 

Für Mouawad ist die Tragödie als gemeinsamer Rahmen für solche Auseinandersetzungen im heutigen Europa weitgehend verschwunden. Geblieben sind fragmentierte Perspektiven und voneinander isolierte Erzählungen. Zur Tragödie zurückzukehren ist daher nicht nur eine formale Entscheidung. Es ist ein Beharren darauf, dass bestimmte Konflikte sich nicht auf individuelle Geschichten reduzieren lassen – dass sie über persönliche Erfahrung hinausgehen und einen Raum benötigen, in dem sie gemeinsam verhandelt werden können, auch wenn sie sich nicht auflösen lassen. Europa löst sie nicht auf. Aber es schafft die Bedingungen, unter denen sie – wenn auch nur für einen Moment, wenn auch unvollständig – gemeinsam betrachtet werden können. 

Über die Autorin

Teresa Bernauer ist deutsch-portugiesische Dramaturgin und Kuratorin. Sie ist Schauspiel-Dramaturgin bei der Ruhrtriennale 2024–26. Zuvor arbeitete sie am Künstler*innenhaus Mousonturm, war Mitbegründerin vom Nocturnal Unrest Festival und koordinierte das Outreach-Projekt Places to See am MMK Frankfurt.

Portrait von Ruhrtriennale-Dramaturgin Teresa Bernauer
© Daniel Sadrowski
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Autor: Teresa Bernauer | 28.4.2026