
Dystopia in your shopping cart
Visiting the performance “Waste Me”
Urwald-Geräusche, durchdrungen von verzerrten Vogelstimmen. Eine Müllkippe, aus der Haushaltsgegenstände herausragen, ein Sofa, eine Waschmaschine. Eine eingesunkene Matratze. Überall liegen Kleidungsstücke herum und ein leichter Nebel wabert über die Bühne, als würde diese Halde selbst leise atmen.
Aus diesem scheinbar leblosen Durcheinander formieren sich seltsame Wesen: Ein Stuhl wird zum Mensch, ein Körper aus vollgepackten Müllsäcken tritt hervor, Kuscheltiere formen sich zu einem rollenden Geschöpf, sie alle schleichen umher. Der Müllberg knistert, raschelt, bewegt sich kaum sichtbar – als hätte er beschlossen, nicht länger still zu sein. Irgendwo zwischen Jurassic Park und Stranger Things spüre ich ein leichtes Unbehagen, denn das hier ist irgendwie dystopisch und gleichzeitig doch gar nicht so weit weg, denke ich.
„Irgendwo zwischen Jurassic Park und Stranger Things spüre ich ein leichtes Unbehagen, denn das hier ist irgendwie dystopisch und gleichzeitig doch gar nicht so weit weg.“
Die fünf Darstellenden kommunizieren mit seltsamen Lauten, sie leben scheinbar in diesem Müllberg und ihr ganzes Menschsein hat sich diesem Ort angepasst. Im Laufe der nächsten Stunde erlebe ich sie als Sammler: Sie horten Gegenständen, suchen sich panisch und getrieben Kleidung und Dinge zusammen, die sie in ihre Höhlen zerren. Auf den Fernseh-Bildschirmen auf der Bühne flackert ein Rauschen.
Menschen konsumieren. Immer und ständig, bewusst und unbewusst. Und es ist so einfach wie nie, in der digitalisierten Welt von heute per Klick eine komplett neue Garderobe zu shoppen, seinen Haushalt einzurichten. Ich bin schließlich, was ich besitze! Zumindest ist es das, was die Werbeindustrie mir weismachen möchte. Die Darstellenden in Waste Me fangen an zu zittern, zu beben, aufgeregt mit den Augen zu strahlen, wenn sie von dem nächsten Einkauf träumen, wenn sie sich das Gefühl in Erinnerung rufen, wie es ist, die Verpackung einer neuen Lieferung aufzureißen! Und so gibt es auch in der Produktion eine Fashion-Show, es ist laut, bunt, begeistert. Pure Ekstase!
„Nach der Ekstase kommt plötzlich der Zusammenbruch. Aus laut wird leise, aus bunt wird einfarbig. Ist es das also, was Überkonsum mit uns macht?“
Ich wippe mit, als zu den Klängen einer Drum und rhythmischem Gesang die Darstellenden die bekanntesten Fashion-Brands in Szene setzen. Mir fällt fast gar nicht auf, dass alle nur um sich kreisen, es geht ständig um die eigene Darstellung, das eigene Aussehen, den neusten Look. Ich denke kurz darüber nach, wann ich die letzte Online-Bestellung aufgegeben habe. Letzte Woche, das ist ja noch gar nicht lange her.
Nach der Ekstase kommt plötzlich der Zusammenbruch. Aus laut wird leise, aus bunt wird einfarbig. Ist es das also, was Überkonsum mit uns macht? Uns die Farbe aus der Seele saugen? Ich sehe, wie die Darstellenden in absoluter Erschöpfung versuchen, miteinander in Kontakt zu gehen. Es gibt aber keine Kraft mehr dafür. Alles ist plötzlich so entfremdet, leer. Waste Me. Wirf mich weg!
Am Ende stehen sie an der Bühnenkante und singen. Das Licht geht aus und das Gefühl in mir vom Anfang ist wieder da: Das leichte Unbehagen, denn das hier war irgendwie dystopisch und doch gar nicht so weit weg. Ich denke wieder über meine Online-Bestellung nach und wie ich mich fühlen werde, wenn ich das Paket aufmache. Die Vorfreude darauf ist immer noch da, aber es ist die Frage dazugekommen, ob ich das Bestellte wirklich brauche. In meinem Kopf singt eine verzerrte Vogelstimme.
About the author
Britta Schünemann is the Ruhrtriennale's head dramaturge and responsible for mediating the Junge Triennale projects. After completing a Master's degree in Music and Latin at the University of Osnabrück, she undertook stage management training at the Berlin State Opera, specialising in the scenic interpretation of music theatre. She then completed a two-year university course in music theatre education at the Mozarteum in Salzburg. She then held positions at the Nuremberg State Theatre and the Stuttgart Young Opera, followed by a teaching position. From 2017 to 2022, she developed educational programmes for young people in her role as a music theatre educator at Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen.
