Urwald-Geräusche, durchdrungen von verzerrten Vogelstimmen. Eine Müllkippe, aus der Haushaltsgegenstände herausragen, ein Sofa, eine Waschmaschine. Eine eingesunkene Matratze. Überall liegen Kleidungsstücke herum und ein leichter Nebel wabert über die Bühne, als würde diese Halde selbst leise atmen.

Aus diesem scheinbar leblosen Durcheinander formieren sich seltsame Wesen: Ein Stuhl wird zum Mensch, ein Körper aus vollgepackten Müllsäcken tritt hervor, Kuscheltiere formen sich zu einem rollenden Geschöpf, sie alle schleichen umher. Der Müllberg knistert, raschelt, bewegt sich kaum sichtbar – als hätte er beschlossen, nicht länger still zu sein. Irgendwo zwischen Jurassic Park und Stranger Things spüre ich ein leichtes Unbehagen, denn das hier ist irgendwie dystopisch und gleichzeitig doch gar nicht so weit weg, denke ich.

„Irgendwo zwischen Jurassic Park und Stranger Things spüre ich ein leichtes Unbehagen, denn das hier ist irgendwie dystopisch und gleichzeitig doch gar nicht so weit weg.“
Britta Schünemann

Die fünf Darstellenden kommunizieren mit seltsamen Lauten, sie leben scheinbar in diesem Müllberg und ihr ganzes Menschsein hat sich diesem Ort angepasst. Im Laufe der nächsten Stunde erlebe ich sie als Sammler: Sie horten Gegenständen, suchen sich panisch und getrieben Kleidung und Dinge zusammen, die sie in ihre Höhlen zerren. Auf den Fernseh-Bildschirmen auf der Bühne flackert ein Rauschen.

Menschen konsumieren. Immer und ständig, bewusst und unbewusst. Und es ist so einfach wie nie, in der digitalisierten Welt von heute per Klick eine komplett neue Garderobe zu shoppen, seinen Haushalt einzurichten. Ich bin schließlich, was ich besitze! Zumindest ist es das, was die Werbeindustrie mir weismachen möchte. Die Darstellenden in Waste Me fangen an zu zittern, zu beben, aufgeregt mit den Augen zu strahlen, wenn sie von dem nächsten Einkauf träumen, wenn sie sich das Gefühl in Erinnerung rufen, wie es ist, die Verpackung einer neuen Lieferung aufzureißen! Und so gibt es auch in der Produktion eine Fashion-Show, es ist laut, bunt, begeistert. Pure Ekstase!

„Nach der Ekstase kommt plötzlich der Zusammenbruch. Aus laut wird leise, aus bunt wird einfarbig. Ist es das also, was Überkonsum mit uns macht?“
Britta Schünemann

Ich wippe mit, als zu den Klängen einer Drum und rhythmischem Gesang die Darstellenden die bekanntesten Fashion-Brands in Szene setzen. Mir fällt fast gar nicht auf, dass alle nur um sich kreisen, es geht ständig um die eigene Darstellung, das eigene Aussehen, den neusten Look. Ich denke kurz darüber nach, wann ich die letzte Online-Bestellung aufgegeben habe. Letzte Woche, das ist ja noch gar nicht lange her.

Nach der Ekstase kommt plötzlich der Zusammenbruch. Aus laut wird leise, aus bunt wird einfarbig. Ist es das also, was Überkonsum mit uns macht? Uns die Farbe aus der Seele saugen? Ich sehe, wie die Darstellenden in absoluter Erschöpfung versuchen, miteinander in Kontakt zu gehen. Es gibt aber keine Kraft mehr dafür. Alles ist plötzlich so entfremdet, leer. Waste Me. Wirf mich weg! 

Am Ende stehen sie an der Bühnenkante und singen. Das Licht geht aus und das Gefühl in mir vom Anfang ist wieder da: Das leichte Unbehagen, denn das hier war irgendwie dystopisch und doch gar nicht so weit weg. Ich denke wieder über meine Online-Bestellung nach und wie ich mich fühlen werde, wenn ich das Paket aufmache. Die Vorfreude darauf ist immer noch da, aber es ist die Frage dazugekommen, ob ich das Bestellte wirklich brauche. In meinem Kopf singt eine verzerrte Vogelstimme.

Über die Autorin

Britta Schünemann ist leitende Dramaturgin der Ruhrtriennale und für die Vermittlung für die Projekte der Jungen Triennale verantwortlich. Nach ihrem Master in Musik und Latein an der Universität Osnabrück folgten eine Ausbildung an der Berliner Staatsoper zur Spielleiterin für szenische Interpretation von Musiktheater sowie ein zweijähriger Universitätslehrgang der Musiktheatervermittlung am Mozarteum in Salzburg. Stationen am Staatstheater Nürnberg, der Jungen Oper Stuttgart und eine anschließende schulische Lehrtätigkeit folgten. Von 2017 bis 2022 entwickelte sie als Musiktheaterpädagogin am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen Vermittlungsangebote für junge Menschen.

Portrait von Britta Schünemann, leitende Dramaturgin der Ruhrtriennale
© Daniel Sadrowski
Termine und Tickets
September
Do 17.9.2026
11 Uhr Junge Triennale PACT Zollverein
Fr 18.9.2026
Sa 19.9.2026
19 Uhr Junge Triennale PACT Zollverein
So 20.9.2026
15 Uhr Junge Triennale PACT Zollverein

Autor: Britta Schünemann | 28.4.2026