
Wind, Strom und Gesang
Das Konzertprogramm in der Turbinenhalle Bochum
Gemütlich ist vielleicht das letzte Adjektiv, mit dem man die industriell geprägten Spielorte der Ruhrtriennale schmücken würde. Die Böden sind kalte Mosaiken des Zufalls, vom Zahn der Zeit angenagte Fliesen eingefasst in Beton. Aus den Wänden ragen einsame, funktionslos gewordene Nägel und Scharniere, die von einer anderen Ära zeugen. Das Publikum darf die Hallen oft von spartanisch gepolsterten Sitzen auf schwindelerregend hohen Tribünengerüsten aus erleben. Das wird dieses Jahr zumindest an einem Ort anders. In der Bochumer Turbinenhalle, wo früher Wind und Strom erzeugt wurde, finden in diesem Jahr weitestgehend akustische, wenn auch nicht unverstärkte Konzerte statt. Gleichzeitig wird die Turbinenhalle zu einer einladenden Oase aus unterschiedlichen Sitzgelegenheiten, eingehüllt in musikalische Atmosphären, die wesensverwandt sind mit anderen Kreationen im Programm der diesjährigen Ruhrtriennale.
Meskerem Mees stellt sich vor der Premiere von SIDDHARTHA als als Singer-Songwriterin vor
Stichwort Verwandtschaftsverhältnisse: Als die Regisseurin Lisaboa Houbrechts (SIDDHARTHA) Meskerem Mees als Darstellerin in einer Produktion der Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker (BREL) erlebt hat, war das die Initialzündung. Sie war so beeindruckt von der einzigartigen Präsenz der jungen Sängerin, dass sie sie gebeten hat, die Hauptrolle in ihrer Uraufführung zu übernehmen.
Im August packt Meskerem Mees zwischen den Proben für das Musiktheater SIDDHARTHA ihre Gitarre in den Koffer und kommt für zwei Konzerte nach Bochum. Dort präsentiert sie das Programm, das Lisaboa Houbrechts einst für sie eingenommen hat – eine Hommage an den Walking Blues aus dem Tanzabend EXIT ABOVE, den sie gemeinsam mit dem Tänzer und Gitarristen Carlos Garbin performt.
Die Wurzeln von Meskerem Mees liegen im Pop, zumindest hat sie 2020 zum ersten Mal mit einfühlsamen Coverversionen im Radio auf sich aufmerksam gemacht. Seitdem ist die Karriere der mittlerweile 26-jährigen Belgierin unaufhaltsam. 2021 gewann sie beim Montreaux Jazz Festival den Talent-Award, wo man ihre Präsenz mit Nina Simone und Joni Mitchell verglichen hat. Ihre Diskografie füllen mehrere Alben und Singles, aber in letzter Zeit tourt sie durch Europa vor allem als inspirierende Mitstreiterin der derzeit größten lebenden flämischen Künstler:innen.
Die Musik, die sie für EXIT ABOVE gemeinsam mit Garbin und dem Produzenten Jean-Marie Aerts geschaffen hat, ist nun zu einem eigenständigen Programm geworden und widmet sich nicht nur so genannten Katastrophen-Liedern aus der Blues-Tradition, sondern auch dem Gehen und Wandern und der Musik, die sich damit auseinandergesetzt hat – auch Franz Schubert lässt grüßen.
Am Sonntag beim Relaxed Concert präsentiert sie dann ihr bisher unveröffentlichtes Solo-Material. In einer lauten Welt kreiert sie ungewöhnlich intime Musik, kunstfertig und dennoch anschlussfähig, scheinbar mühelos und doch mit großer emotionaler Wucht.
Le Mystère des Voix Bulgares repräsentiert die überwältigende Klangkraft bulgarischer Chöre
Bulgarischer Gesang ist eine Marke geworden. Und dieser Chor ist der Grund dafür: Das Ensemble Le Mystère des Voix Bulgares erschüttert mit seinem Klang. Dabei hat sich der Chor diesen Namen nicht selbst gegeben. Der Schweizer Musikethnologe Marcel Cellier hat 1975 unter diesem Titel Aufnahmen des bulgarischen Rundfunkchores jenseits des Eisernen Vorhangs zugänglich gemacht. Der Name betont das Mystische ihrer besonderen Gesangsweise, die zugleich archaisch wie komplex ist und in der Popkultur Kultstatus erreicht hat.
Ihre Musik erklang im Opening der 90er-Jahre-Serien Xena und Hercules, inspirierte den Soundtrack für den legendären Anime-Film Ghost in the Shell und wurde zur Klangkulisse der Hochzeit von Rockstar David Bowie und dem Model Iman Abdulmajid. Für die Performance-Künstlerin Marina Abramovic ist der spezielle Gesang Teil ihrer artistischen Balkan-Landschaft in ihrer großdimensionalen Performance Balkan Erotic Epic.
Hinter den ursprünglich und folkloristisch anmutenden Auftritten des Chores steckt eine seit Jahrzehnten gepflegte Talentschmiede mit unzähligen eigens dafür geschriebenen Werken und Arrangements. Einst aus den besten Stimmen bulgarischer Dörfer rekrutiert, interpretiert der bulgarische Frauenchor Traditionen und Volkslieder neu, sucht aber auch immer wieder die künstlerische Herausforderung. Bei der Ruhrtriennale zeigt Le Mystère des Voix Bulgares ein Programm bestehend aus a cappella Kompositionen und neuen Werken für Streichquartett und Chor.
Cute Community macht den Hofknicks für Queen-of-Grime Lady Leshurr
Das 21. Jahrhundert steckt voller Musikrichtungen, die ohne die Globalisierung, ohne das Internet, ohne historische Katastrophen und Zufälle nie entstanden wären. Auch „Grime“ ist erwachsen aus krummen Lebensläufen im viel beschworenen und am Ende wenig geförderten kulturellen Schmelztiegel in London der 00er Jahre. „Grime“, zu deutsch „Schmutz“, steht für schnelle Beats und aggressiven elektronischen Sound. Es steht aber auch für ein Lebensgefühl, dem Ausbrechen aus der Hoffnungslosigkeit proletarisch geprägter Vorhöfe von Überflussgesellschaften, erwachsen aus migrantischer Aufsteigermentalität und geprägt von englischen Akzenten, die man punktgenau geografisch zuordnen kann. Von den Turbinenhallenkonzerten ist das von Lady Leshurr aus Birmingham das lauteste. Schnelllebiger Freestyle-Rap ist die Spezialität der Rapperin. Die Künstlerin aus dem Vereinigten Königreich ist mit ihren Queen’s Speeches viral gegangen, startete in den letzten Jahren aber auch als Reality-TV-Star durch. Sie verbindet britischen Straßenrap mit afrokaribischen Einflüssen und Internetkultur und ist damit auch ein Paradebeispiel für den diasporischen Gedanken, für den das Cute Community Radio einsteht. Neben den Partys unter dem Wasserturm in der Reihe Down the Rabbit Hole lädt die Bochumer Initiative auch zu diesem Konzert ein.
Caroline Shaw lässt mit dem Attacca Quartett Raum und Zeit hinter sich
Caroline Shaw ist seit ihrem großen Erfolg mit der Partita for 8 voices, mit der sie im Jahr 2013 den Pulitzer-Preis gewonnen hat, die große Hoffnung der klassischen Musik. Die Bandbreite ihres Schaffens lässt sich nicht in Genregrenzen fassen. Ihre zeitlose, filigrane Musik steht für sich, wird aber auch gern als Soundtrack erfolgreicher Serien und Filme eingesetzt. Sie komponiert und produziert bahnbrechende Pop-Alben, zuletzt Rosalías Lux, aber auch die großen Namen der Klassik wie Renée Fleming zählen zu ihren künstlerischen Partnerschaften. Auch das Attacca Quartett fühlt sich an vorderster Front musikalischer Exzellenz wohl, und sowohl bei Franz Schubert wie bei Gyorgy Ligeti als auch bei Flying Lotus oder Becca Stevens zu Hause. Die Karriere von Caroline Shaw ist eng an das Attacca Quartet geknüpft, mit dem sie bereits zwei Grammy-Awards für unterschiedliche Alben gewonnen hat. Gerade die ätherische Verbindung aus Stimme und Streichern prägt den typischen Shaw-Sound. Bei Evergreen & Beyond präsentiert sich die Komponistin als Universalmusikerin. Der Abend geht aus von ihrem letzten gemeinsamen Album Evergreen mit musikalischen Essays, Liedern und einer Hommage an ein frühes Streichquartett von Beethoven. In Evergreen & Beyond taucht sie tiefer ein in ihre Befragungen der klanglichen Möglichkeiten des Quartetts.