Wir übertreiben nicht, wenn wir Marina Abramović als eine der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen überhaupt bezeichnen. Performances wie Rhythm 0 oder The Artist Is Present haben die serbische Künstlerin weit über die Grenzen der Kunst weltberühmt gemacht. Sie blickt auf Jahrzehnte des künstlerischen Schaffens zurück, und selbstverständlich ist ein Ende nicht in Sicht, denn für die Künstlerin gehören Leben und künstlerisches Schaffen untrennbar zusammen. Das Leben von Marina Abramović auf wenige Aspekte herunterzubrechen ist eigentlich unmöglich. Wir haben es trotzdem getan und zehn außergewöhnliche Stationen ihres Lebens ausgewählt, mit denen wir der Ausnahmekünstlerin näherkommen wollen.

Aufwachsen zwischen Disziplin, Gewalt und Spiritualität

Absolut nichts deutet am 30. November 1946 darauf hin, dass Marina Abramović - Tochter zweier Nationalheld:innen im kommunistischen Jugoslawien – unter der Führung Josip Broz Titos – Jahrzehnte später eine der größten Künstler:innen unserer Zeit werden würde. Abramović selbst beschreibt ihre Kindheit als geprägt von Disziplin, Härte und Gewalt, ausgeübt vor allem durch ihre Mutter Danica. Zuflucht findet sie bei der Großmutter, bei der sie die ersten Lebensjahre verbringt, eine gläubige, spirituelle Frau, die Träume deutete und in Kaffeesätzen Bedeutung fand. Beide Erziehungsweisen beeinflussten Abramovićs Charakter und Kunst ein Leben lang.

Von der Malerei zur Performancekunst

Was sie mit Mutter Danica verbindet, ist die Liebe zur Kunst. Früh beginnt Marina Abramović mit der Malerei, trifft mit 14 auf den serbischen Künstler Filo Filipović, bei dem sie ihre erste Malstunde nimmt. Eine zutiefst prägende Begegnung, die Abramović wie folgt beschreibt: „Er schnitt ein Stück Leinwand aus und legte es auf den Boden. Er öffnete eine Dose Klebstoff und schüttete die Flüssigkeit auf die Leinwand, fügte ein wenig Sand, gelbes, rotes sowie schwarzes Pigment hinzu. Dann goss er etwa einen halben Liter Benzin darüber, zündete ein Streichholz an, und alles explodierte. ‚Das ist ein Sonnenuntergang‘, sagte er mir. Dann ging er.“ (1) Was übrig blieb, war Asche. In Abramović reift die Erkenntnis: Der Prozess ist wichtiger als das Ergebnis.

Auf der Suche nach grenzenloser Freiheit

Nach mehreren Performances mit der studentischen Bewegung „Group 70“ tritt Marina Abramović 1973 in Edinburgh, Schottland, erstmals in das Bewusstsein einer breiteren, internationalen Öffentlichkeit. Rhythm 10 ist angelehnt an ein Trinkspiel russischer und jugoslawischer Bauern. Die Regeln sind simpel: Eine Person platziert ihre Hand mit gespreizten Fingern auf einem Holztisch, und sticht mit einem Messer schnell in die Zwischenräume. Jedes Mal, wenn sich die Person verletzt, wird getrunken. Je häufiger sie sich verletzt, desto mehr wird getrunken, desto häufiger verletzt sie sich. Abramović performt das Ritual mehrere Runden, zeichnet Sound auf, performt erneut, synchron zu der zuvor aufgenommenen Audiospur. Mit der Performance reift die Erkenntnis: „Sobald ich den Peformanceraum betrete, bin ich nicht mehr ich selbst, sondern jemand ganz anderes.“ (2) Ein Gefühl absoluter Freiheit, ohne Grenzen, eines, das Marina Abramović ab diesem Zeitpunkt immer wieder aufsuchen wird.

Die Verbindung zwischen Künstler:in und Publikum

Als Folge der öffentlichen Aufmerksamkeit wird Abramović zunehmend für ihre Performances kritisiert, vor allem in ihrer Heimat Belgrad. Der Vorwurf: Ihre Performances seien keine Kunst, sondern lediglich das Werk einer Exhibitionistin und Masochistin. Ihre Reaktion: Nichts tun. In Rhythm 0 soll die Aktion allein vom Publikum ausgehen. In einem Zeitraum von sechs Stunden bedient sich das Publikum aus 72 auf einem Tisch liegenden Objekten, darunter etwa eine Tageszeitung, eine Feder und Polaroidkamera; direkt daneben Nadeln, Messer, eine Säge und eine Pistole mit einer Kugel. Abramović verharrt, ist regungslos, lässt alles mit sich machen, wonach dem Publikum beliebt. In dieser Performance zeigt sich die intensive Beziehung der Performancekünstlerin Abramović mit dem Publikum: Sie lässt es in ihr tiefstes Inneres sehen. In Rhythm 0 entledigt sie sich der Angst vor Schmerz, vor dem Tod, und fungiert so als Spiegel für das Publikum. Was folgt, ist Katharsis: „Wenn ich es konnte, dann können sie [das Publikum] es auch.“ (3)

  • Detailaufnahme aus Marina Abramovićs Performance „Rhythm 0“: Die Künstlerin steht passiv da, während ihr ein Besucher eine Pistole in die Hand drückt und diese auf sie richtet.
    Marina Abramović: Rhythm 0, Performance, 6 hours, Studio Morra, Naples, 1974 © Courtesy of the Marina Abramović Archive
  • Menschen stehen vor einem Tisch mit verschiedenen Objekten. Die Aufnahme entstand während Marina Abramovićs Performance „Rhythm 0“.
    Marina Abramović: Rhythm 0, Performance, 6 hours, Studio Morra, Naples, 1974 © Courtesy of the Marina Abramović Archive

Ulay

Zwischen 1976 und 1988 entstehen zahlreiche Arbeiten in Kollaboration mit ihrem Lebensgefährten Ulay, mit dem sie über zwölf Jahre ein nomadisches Leben verbringt. Darin verhandeln sie ihre eigene Beziehung in teils extremen Performances, die sich mit Themen wie Liebe, Vertrauen, Konflikt und Verletzlichkeit befassen. Die wohl bekannteste Performance, die Abramović als „ultimatives Portrait des Vertrauens“ bezeichnet, ist Rest Energy (1980). In dieser hält Abramović einen Bogen, während Ulay die Sehne spannt und den Pfeil hält, der auf ihr Herz gerichtet ist. 

Marina Abramović und Ulay stehen sich gegenüber; Ulay hält den Bogen mit gespannter Sehne, der Pfeil auf Marina Abramović gerichtet.
Ulay/Marina Abramović: Rest Energy, Performance for Video, 4 minutes, ROSC' 80, Dublin, 1980 © Ulay/Marina Abramović, Courtesy of the Marina Abramović Archives

1982 geben Abramović und Ulay die ultimative Zusammenarbeit bekannt: In The Lovers würden beide jeweils an einem Ende der Chinesischen Mauer loslaufen, sich in der Mitte treffen und heiraten. Erst 1988 – nach zähen Verhandlungen mit der chinesischen Regierung – sollte der beschwerliche Marsch über teils unzugängliches Gelände schlussendlich gelingen. Nach 90 Tagen und jeweils rund 2.000 km zurückgelegter Strecke trafen die beiden in der Mitte einer Brücke in Shenmu aufeinander. Was folgte, war nicht die ersehnte Hochzeit, sondern der Abschied, und damit das Ende ihrer Kollaboration und Beziehung. 

Weite Landschaftsaufnahme der Chinesischen Mauer im Gebirge, Teil der Performance „The Lovers“, in der Marina Abramović und Ulay getrennt aufeinander zugehen, um sich einmal zu begegnen.
Marina Abramović/Ulay: The Lovers/ Great Wall Walk, Performance, 90 days, The Great Wall of China, March-June, 1988 © Marina Abramović and Ulay, Courtesy of the Marina Abramović Archive

Willenskraft, Entschlossenheit und Durchhaltevermögen

Viele von Abramovićs Performances gelten als „durational performances“, in denen sie immer wieder die Grenzen der eigenen Willenskraft auslotet. In der australischen Wüste erreicht Abramović nach Monaten des gemeinsamen Zusammenlebens mit den Aborigines in den Jahren 1980/1981 einen bisher unbekannten mentalen Zustand, der nonverbale Kommunikation ermöglicht. Aus den Erfahrungen des Nicht-Bewegens, Nicht-Essens und Nicht-Sprechens basieren – werden zur Grundlage von Gold Found By The Artists (später Nightsea Crossing): 16 Tage lang sitzt die Künstlerin ihrem damaligen Partner Ulay entgegen, acht Stunden täglich, immer mit der Frage im Hinterkopf: Würde sich ein neuer Bewusstseinszustand einstellen? Wäre es gar möglich, telepathisch zu kommunizieren? Aller körperlichen Schmerzen und mentalen Herausforderungen zum Trotz performt sie die Arbeit bis zum Schluss. Zwischen 1981-1987 performen sie die Arbeit Nightsea Crossing 22-mal an 19 Orten weltweit.

Goldener Löwe in Venedig für „Balkan Baroque“

Auf Einladung von Petar Cuković, Direktor des Nationalmuseums Montenregro, soll Marina Abramović Serbien und Montenegro 1997 bei der Venedig Biennale repräsentieren. Balkan Baroque ist ihre Reaktion auf den Balkankrieg und steht stellvertretend für alle auf der Welt geführten Kriege. Über vier Tage putzt sie abertausende blutige Rinderknochen, eine Referenz auf die ethnische Säuberung, die in 1990er Jahren im Balkan stattgefunden hat. Ihre blutverschmierten Hände ein Beweis dafür, dass Kriegsverbrechen nicht von ihrer Schuld reingewaschen werden können. Die Ankündigung endet im Eklat: Montenegros Kulturminister Goran Rakocevic diffamiert Abramović, die ihre Teilnahme daraufhin aus Protest zurücknimmt. Stattdessen performt sie Balkan Baroque, auf Einladung des damaligen Kurators Germano Celant, im Keller des internationalen Pavillons in Giardini – und wird mit dem Goldenen Löwen als beste Künstlerin ausgezeichnet.

Starstatus mit „The Artist Is Present”

Mit The Artist Is Present beweist Abramović erneut, dass alle Hindernisse, ob körperlich oder mental, überwunden werden können. Im Rahmen ihrer Jahrzehnte umspannenden Retrospektive im Museum of Modern Art (MoMA) in New York performt sie ihre wohl bekannteste Arbeit. In The Artist is Present (2010) sitzt Abramović, wie bereits in Gold Found By Artists / Nightsea Crossing bewegungslos auf einem Stuhl. Waren es in diesen Performances noch 16 Tage, jeweils 8 Stunden täglich, in denen Abramovićc ihrem ehemaligen Partner Ulay gegenübersaß, sollten es nun drei Monate werden, jeweils acht bis zehn Stunden täglich. Diesmal jedoch war es das Publikum, das die Arbeit komplettierte und den freien Stuhl gegenüber von Abramović einnehmen sollte. Nach 736,5 Stunden, über 750.000 Besucher:innen, von denen 1.500 Menschen auf dem Stuhl Platz nahmen, endete die Performance am 31. Mai 2010. Marina Abramović hatte den Olymp der Kunstwelt endgültig erklommen und Performancekunst aus ihrem Nischendasein befreit. 

Marina Abramović sitzt regungslos an einem Tisch und blickt einer Besucherin gegenüber, während ein Publikum im Museum zusieht. Die Performance „The Artist Is Present“ basiert auf stiller Begegnung und Präsenz.
Marina Abramović: The Artist is Present, Performance, 3 months, The Museum of Modern Art, New York, NY, 2010 © Photography by Marco Anelli, Courtesy of the Marina Abramović Archives

Die Abramović-Methode

Marina Abramović hat im Laufe ihres Lebens immer wieder Orte der Spiritualität aufgesucht, häufig über mehrere Monate lang, die unserer heutigen Welt der permanenten Erreichbarkeit, konstanten Ablenkung und andauernden Reizüberflutung fundamental gegenüberstehen, darunter Bodhgaya, den Ort, an dem Buddha die Erleuchtung fand, die Tushita-Klöster in den Hügeln des Himalayas, oder die große Victoria-Wüste in Australien. Die dort gemachten Erfahrungen münzt die Künstlerin in eine Reihe von Praktiken und Übungen, die sie die „Abramović-Methode“ nennt. Stille, repetitive Abläufe, ohne äußerliche Reize und Ablenkungen, ermöglichen die Verbindung zu uns selbst, zu anderen, und erlauben es, wieder im Moment selbst zu leben. In der Ausstellung 512 Hours findet die Methode ihren ersten Höhepunkt, lässt die Besuchenden die transformative Kraft performativer Kunst selbst sehen und erfahren. Für Marina Abramović markiert die Ausstellung eine Zeitenwende: „Ich verstand, dass es an der Zeit war, meine eigenen Erfahrungen an andere weiterzugeben.” (4)

Teilnehmende sitzen an einem langen Tisch und zählen Reiskörner und Linsen während Marina Abramovićs Werk „Counting the Rice“.
Counting the Rice, 2015, Marina Abramović at Museum of Old and New, Tasmania © Courtesy of the Marina Abramović Institute

The Life and Death of Marina Abramović

Der Tod spielt eine permanente Rolle in Abramovićs Performances, die die Vorstellung eines „ewigen Lebens“ vollständig ablehnt. Vielmehr hält sie die Idee, den Tod in das eigene Leben zu integrieren, für fundamental wichtig. Und so überrascht es weder, dass Abramović den Tod als letztes künstlerisches Werk begreift, noch, dass ihre eigene Beerdigung bis ins kleinste Detail durchdacht ist: „I want to have three Marinas. Of course, one is real and two fake because you can’t have three bodies. But I want these three Marinas buried in the three cities which I’ve lived [in] the longest, which is Belgrade, Amsterdam and New York.” (5) Die Songauswahl für die Beerdigung schon fast eine Selbstverständlichkeit: My Way – in der Version von Nina Simone, gesungen von Ahnohni.

Termine und Tickets
September
Do 3.9.2026
19 Uhr Performance Kraftzentrale, Landschaftspark Duisburg-Nord
Fr 4.9.2026
19 Uhr Performance Kraftzentrale, Landschaftspark Duisburg-Nord
Sa 5.9.2026
15 Uhr Performance Kraftzentrale, Landschaftspark Duisburg-Nord
So 6.9.2026
15 Uhr Performance Kraftzentrale, Landschaftspark Duisburg-Nord
Di 8.9.2026
19 Uhr Performance Kraftzentrale, Landschaftspark Duisburg-Nord
Mi 9.9.2026
19 Uhr Performance Kraftzentrale, Landschaftspark Duisburg-Nord
Do 10.9.2026
19 Uhr Performance Kraftzentrale, Landschaftspark Duisburg-Nord
Fr 11.9.2026
19 Uhr Performance Kraftzentrale, Landschaftspark Duisburg-Nord

Autor: | 28.4.2026