„Ich liebe Theater, das einen Puls hat.“

Liebe Freund:innen, zukünftige Begleiter:innen und geschätzte Skeptiker:innen,

 

ich liebe Theater, das einen Puls hat. Das mich verführt, überrascht, im falschen Moment zum Lachen bringt – und mich manchmal mit der Frage zurücklässt, was um alles in der Welt da gerade passiert ist. 

 

Als neue Intendantin der Ruhrtriennale möchte ich zu genau solchen Erlebnissen einladen. Und ich möchte von ganzem Herzen eine gute Gastgeberin sein.

 

Es gibt einen Begriff, der mich bei der Planung unserer gemeinsamen Festivaljahre immer wieder beschäftigt: „The Fatness“. Ein schwer ins Deutsche übertragbares Wort, das für mich weit mehr meint als bloße Fülle. Es geht um Großzügigkeit, um einen unbändigen Appetit auf das Leben und die Kunst, um die Lust am Teilen und die Freude daran, immer noch ein bisschen mehr Platz zu schaffen. Ich denke an einen Tisch, an den immer noch ein Stuhl dazugestellt werden kann, an dem jemand etwas mitgebracht hat, das man noch nie probiert hat, und an dem die Gespräche auf herrliche Weise aus dem Ruder laufen können. Alle tragen etwas bei, niemand geht hungrig nach Hause.

 

Für mich sollte ein Festival genau diese Fatness besitzen. Es sollte überquellen vor Begegnungen, unterschiedlichen künstlerischen Sprachen und Menschen, die sonst vielleicht niemals im selben Raum zusammenfinden würden. Ich möchte eine ekstatische Vielstimmingkeit zur Ruhrtriennale bringen: Stimmen, Körper, Klänge, Geschichten und Temperamente, die aufeinanderprallen, unerwartete Allianzen eingehen und Funken schlagen. Es muss Platz geben für Zärtlichkeit und Ungezogenheit, für überwältigende Schönheit und ebenso überwältigenden Unsinn – und für die Überraschung, plötzlich Appetit auf etwas zu bekommen, von dem man gar nicht wusste, dass man es mögen könnte.

Zwei Frauen sitzen in farbenfrohen Ballkleidern nebeneinander auf hölzernen Kinostühlen.

Vielleicht ist es genau diese Lust am Unerwarteten, die mich als amerikanische Regisseurin nach Deutschland und immer wieder ins Theater geführt hat. Nach wie vor fasziniert mich, dass wir gemeinsam ganze Welten erschaffen können, nur um sie wenige Stunden später wieder verschwinden zu lassen. Diese Freude am Unmöglichen möchte ich mit euch teilen.

 

2027 wird die Ruhrtriennale 25 Jahre alt. Auch ein Vierteljahrhundert nach ihrer Gründung durch Gérard Mortier bewundere ich den Mut, mit dem hier die Grenzen zwischen den Künsten eingerissen und aus ehemaligen Industriehallen neue künstlerische Welten geschaffen wurden. Dieses Erbe wollen wir nicht nur feiern, sondern mit Neugier und Lust neue Wege erkunden.

 

Und könnte es für meinen Lieblingsbegriff der Fatness einen besseren Ort geben als dieses Festival?

 

Die Ruhrtriennale verfügt über Räume, die ein ganzes Opernhaus verschlucken könnten. Sie zeugen von Arbeit, Innovation, Erschöpfung und Umbrüchen. Ihre Geschichte verlangt unsere Aufmerksamkeit – ihre schiere Größe fordert uns geradezu auf, unbescheiden zu sein. Es sind Orte, an denen künstlerische Fantasien zu unvergesslichen Erlebnissen heranwachsen dürfen.

 

Hier Gastgeberin zu sein, bedeutet zugleich, selbst Gast zu sein: den Menschen zuzuhören, die diese Region kennen, ihren Rhythmus kennenzulernen und herauszufinden, was wir einander geben können. Das Ruhrgebiet ist bereits reich an Sprachen, Geschichten und Lebensentwürfen. Ich wünsche mir, dass unser Festival mit Begeisterung Teil dieser Vielfalt wird, Menschen einlädt, seine Schwellen zu überschreiten, und ihnen Gründe gibt, wiederzukommen.

 

Freut euch auf Kunst für den großen Hunger. Auf Musik, die unter die Haut geht. Auf Bilder, die einen bis nach Hause verfolgen. Auf Abende, über die wir leidenschaftlich streiten können. Auf das Gefühl, willkommen zu sein und bleiben zu wollen.

 

Um all das zu erleben, braucht es weder einen akademischen Abschluss noch einen Dresscode oder die richtige Meinung. Bringt eure Neugier mit. Bringt jemanden mit, der glaubt, Kulturveranstaltungen zu hassen. Bringt eure Zweifel mit – ich habe selbst ein paar.

 

Wir decken schonmal den Tisch. Ich kann es kaum erwarten, euch hier willkommen zu heißen.

 

Lydia Steier
Intendantin der Ruhrtriennale 2027–2029