
Siddhartha neu erzählt
Interview mit Lisaboa Houbrechts
Durch Zufall hatte Lisaboa Houbrechts auf ihrer Reise nach Indien Hermann Hesses Siddhartha im Gepäck. Als sie wieder nach Hause kam, fand sie wider Erwarten die Worte für ihre eigene Reise in dem kurzen Buch von 1922 sowie Erkenntnisse, genauso bitter wie befreiend. Was der Roman ihr genau über ihre Identität und über universelle Wahrheiten erzählt hat und wie ihre ganz persönliche Vision von Siddhartha entstanden ist, teilt Lisaboa Houbrechts im Gespräch mit der Dramaturgin Anna Chernomordik.
Anna Chernomordik: Du beginnst viele deiner Recherchephasen mit Reisen. Dass du in Indien gelandet und auf Siddhartha gestoßen bist, ha sich aber durch Zufall ergeben. Wie bist du ihm begegnet?
Lisaboa Houbrechts: Als 2020 die Corona-Pandemie ausgebrochen ist, habe ich mit dem Komponisten Fabrizio Cassol an einer Produktion mit der berühmten Tänzerin Shantala Shivalingappa gearbeitet. Wegen der Pandemie konnten wir nicht mehr mit ihr in Europa arbeiten. Es war aber möglich, dass ich zu ihr nach Chennai reise, um mit ihr dort zu arbeiten. Ich war zum ersten Mal in Indien. Es war ganz anders, als die Klischees, die mir von Indien erzählt wurden. Es gab keine Masse von Menschen, in der man sich ganz klein fühlen würde. Die Tempel und die Straßen waren leer. Aber die Priester haben weiterhin Riten durchgeführt.
In meiner Zeit dort habe ich viele Gespräch mit Shantala geführt, über mein Leben, meine Intersexualität und wie schwierig es war, mich damit abzufinden. Ich hatte vorher Angst, darüber zu sprechen, darüber wie schwer es ist, zu definieren, was Intersexualität ist, was diese maskuline Seite sein soll, mit der ich geboren wurde, die sich aber nie entwickelt hat, und auch meine ganze medizinische Reise. Es war interessant, eine indische Sicht darauf zu bekommen.
„[...] Jede Zeile, die ich gelesen hatte, brachte mich zum Weinen. Das Buch gab mir Worte für meine Erfahrung.“
AC: Und wie kam Siddhartha ins Spiel?
LH: Ich habe den Roman mit 15, 16 Jahren gekauft, aber nie gelesen. Und dann am Abend vor dem Flug in den Koffer gelegt, ich weiß nicht warum. Aber ich habe ihn zum ersten Mal gelesen, als ich wieder zurück in Brüssel war. Zu der Zeit war ich sehr aufgewühlt und hatte gehofft, dass der Roman mir dabei helfen könnte, gedanklich wieder nach Indien zurückzureisen oder das Erlebte zu verarbeiten. Und jede Zeile, die ich gelesen hatte, brachte mich zum Weinen. Das Buch gab mir Worte für meine Erfahrung. Ich war zu dem Zeitpunkt blockiert. Aber als ich Hesse gelesen habe, hatte ich das Gefühl, dass er einen Weg gefunden hat, genau diese Erfahrung, die ich gemacht habe, zu beschreiben. Dabei war Hesse nie in Indien. Sein Vater war Missionar, er ist mit seinen Geschichten aufgewachsen. Hesse ist nach Südostasien gefahren, aber war nie in dem Land, was wir heute als Indien kennen.
AC: Was genau hat bei dir Anklang gefunden?
LH: Er beschreibt zum Beispiel den Prozess, Frieden mit sich zu finden, durch die tiefsten Tiefen zu gehen, durch Selbstmordgedanken, um dadurch Gnade, Anmut, Freiheit und Lebensfreude zu finden. Es sprach auch darüber, wie es ist, ein Mensch zu sein, was es heißt, man selbst zu sein und sich selbst in die Augen zu schauen.
AC: Heutzutage sprechen wir in kulturellen Kontexten oft über Aneignung, wer darf über was wie sprechen. Auf der einen Seite ist hesse niemals in Indien gewesen, auf der anderen Seite war seine fiktionale Geschichte entlang der Biografie des Buddha Siddhartha Gautama auch in Indien populär und wurde in mehrere Sprachen des indischen Subkontinents übersetzt. Und mehrere Jahrzehnte später findest du ein Echo, ein Amalgam deiner eigenen Erfahrungen in Indien in diesem Buch. Als du das Libretto für deinen SIDDHARTHA geschrieben hast – wie war das für dich, durch die Worte eines anderen zu sprechen?
LH: Das Buch hat in mir viel ausgelöst, aber gleichzeitig wusste ich, dass ich das so nicht auf die Bühne stellen kann, das wäre dann nicht ich. Ich habe viele große Einschnitte gemacht. Die Geschlechter der Hauptrollen habe ich zum Beispiel umgekehrt. In Hesses Geschichte ist Siddhartha eindeutig ein Mann und die meisten Schlüsselfiguren, die ihm auf seinem Weg begegnet sind, sind auch Männer. In meinem Leben, und auch in Indien, waren das aber Frauen, die Tänzerin Shantala Shivalingappa, ihre Mutter Savitry Nair, – eine bekannte Tänzerin, die einen Schlaganfall erlitten hat und jetzt mit diesem Schicksal umgehen musste. Aber auch andere Menschen, die ich in meiner Karriere getroffen habe, waren meistens weibliche Figuren, die einen großen Einfluss auf meinen Weg haten. Also habe ich beschlossen, diese Frauen, die ich im Kopf hatte, zusammenzubringen und sie Schlüsselrollen spielen zu lassen.
„In Hesses Geschichte ist Siddhartha eindeutig ein Mann und die meisten Schlüsselfiguren, die ihm auf seinem Weg begegnet sind, sind auch Männer. In meinem Leben, und auch in Indien, waren das aber Frauen.“
AC: Darunter ist auch die Sufi-Sängerin Zila Khan, die die Rolle des Buddha spielen wird und die Opernsängerin Claron MacFadden in der Rolle von Siddharthas Mutter.
LH: Außerdem ist Siddhartha in meiner Version non-binär, aber weiblich gelesen, gespielt von der Singer-Songwriterin Meskerem Mees, die ich in einer Performance von Anne Teresa de Keersmaeker erlebt habe. Die Art, wie sie ihre Lieder singt, haben mich neugierig werden lassen, wie sie mit dieser Sensibilität den Text von Siddhartha interpretieren wird. Außerdem habe ich in meinem Libretto auch zwei so genannte Stimmen der Seele hinzugefügt – gesungen von Casper Clausen von der Band Efterklang, um die Figur etwas weniger arrogant zu machen. Denn wenn man sich das Original durchliest, ist Siddhartha sehr von sich selbst überzeugt. In meiner Version ist Siddhartha eine Suchende, die mit ihrer Rolle hadert und auch mit ihrem Geschlecht. Und so versuche ich Hesses Geschichte mit Themen zu verbinden, die mich selbst beschäftigen. Dafür schaffe ich Raum, Szenen neu zu schreiben und neuen Text hinzuzufügen, allerdings aus dem Stück heraus, nicht als Lisaboa die Regisseurin.
AC: Wie meinst du das genau?
LH: Es gibt viel Metatheater heutzutage, das ich sehr interessant finde, zum Beispiel das Werk von Carolina Bianchi oder Samira Elagoz. Das finde ich toll, aber hier versuche ich eher, in meine Figuren einige Geheimnisse hineinzuschreiben, ohne zu sagen, dass es meine wären, wie eine Art Zuflucht, so wie das Buch für mich eine Zuflucht war. Die neuen Gedanken entstehen aus den Figuren heraus. Ich konnte neuen Text einfließen lassen, in denen Siddhartha kein Mann ist, der die Erleuchtung gefunden hat, sondern eine Frau, die vielleicht auch intersexuell ist, die selbst Buddha werden muss, um ihr Leid zu überwinden. Und das war eine sehr persönliche Geschichte. Nach der Überschreibung wusste ich nicht mehr, wo meine eigenen Worte anfangen und wo Hesse aufhört und anders herum. Aber ich habe festgestellt, je mehr und mehr ich mich in meine eigene Stimme reingelehnt habe, desto näher bin ich dem gekommen, was Hesse gesagt hat.
„Siddhartha ist ein sehr rätselhaftes Buch, es spricht über unterschiedliche Zustände der Seele, über Exerzitien, die es braucht, um eine Beziehung zur Seele herzustellen. Kurze Zeilen werden manchmal zum Spiegel der ganzen Welt.“
AC: Also hat sich auch deine Lesart von Siddhartha im Laufe des Prozesses verändert?
LH: Manchmal, wenn man etwas zum ersten Mal liest, projiziert man eher seine eigenen Gedanken hinein. Man kann sich das Buch nie objektiv anschauen. Aber wenn man so viel Zeit damit verbracht hat und Teile immer und immer wieder liest, und gedanklich zurückreist – manchmal wollte ich etwas hinzufügen, weil ich dachte, dass es nicht um Buch sei, aber es war schon von der ersten Seite an da.
Am Anfang habe ich Hesse ein bisschen verurteilt, beispielsweise gibt es nur eine Frau in seinem Buch und sie ist eine Sexarbeiterin und was sie über Sexualität sagt, war für mich typisch für einen Mann, der über eine Frau schreibt. Und dann ist sie auch noch die Einzige, die sterben muss. Während ich aber daran gearbeitet und das Stück visualisiert habe, bin ich Hesse nähergekommen, als ich je gedacht hätte.
AC: Und was waren die Herausforderungen beim Schreiben des Librettos?
LH: Siddhartha ist ein sehr rätselhaftes Buch, es spricht über unterschiedliche Zustände der Seele, über Exerzitien, die es braucht, um eine Beziehung zur Seele herzustellen. Kurze Zeilen werden manchmal zum Spiegel der ganzen Welt. Du bekommst sie nie zu fassen, sie entwischen und entfliehen immer, so, dass ich immer noch das Gefühl habe, dass mir etwas aus diesem kleinen Buch – es hat nur knapp 120 Seiten – entgangen ist. Das Libretto zu schreiben war ein sehr persönlicher aber auch ein pragmatischer Prozess. Wie viele Stimmen will ich haben, wie kann ich den 24-köpfigen Chor einsetzen. Wie können sie eine sich von Akt zu Akt verändernde Gesellschaft zeigen, von Familienmitgliedern, zu Mönchen, von Mönchen zu Stadtbewohner:innen, von Stadtmenschen zu den Stimmen des Flusses. Denn Hermann Hesse beschreibt sie nicht richtig, sie haben keinen Text, es gibt nur einzelne Figuren. Und an anderer Stelle sind es viele kleine Entscheidungen – soll ich ein klares Statement setzen und sehr deutlich werden und zum Beispiel sagen, dass Siddhartha seine beiden Geschlechter akzeptiert? Aber indem man es zeigt und nicht sagt, kann es griffiger, nachvollziehbarer werden, ohne dass man alles erzählen muss. Es ist schön, neue Enigmen einem bereits enigmatischen Buch hinzufügen.
„Und so sagte sie [Shantala Shivalingappa ] mir – wenn du wirklich wissen willst, was die Geschichte bedeutet, musst du dich dem Tod nähern.“
AC: Neben den angesprochenen Themen wie z. B. die Besetzung – worin unterscheidet sich dein Siddhartha von Hesses?
LH: Ich glaube, das müssen wir noch formen, Meskerem Mees und ich, sodass es auch ihr Siddhartha werden kann. Er wird auf jeden Fall anders sein. Shantala Shivalingappa hatte mir geraten, dieselben Stationen zu durchleben. Damit wollte sie auf die Geschichte von Siddhartha Gautama, der Buddha geworden ist, hinaus, anders als in Hesses Geschichte, wo Siddhartha dem Buddha begegnet. Siddhartha wurde in der Geschichte mit drei unterschiedlichen Seiten des Leids konfrontiert, dem Tod, der Krankheit und dem Alter. Daraufhin verlässt er seine Familie und wandert vom Süden Nepals zum Norden Indiens. Und so sagte sie mir – wenn du wirklich wissen willst, was die Geschichte bedeutet, musst du dich dem Tod nähern. Das ist zwar nicht im Kern von Hesses Buch, aber ich bin dann nach Varanasi gereist, der Stadt des Todes, wo viele Menschen hingehen, um zu sterben. Das war eine sehr tiefgreifende Erfahrung, tote Menschen am Straßenrand zu sehen und die Beerdigungsstätten, wo Familien, alle in weiß gekleidet, ihre Geliebten verbrennen. Den tief verwurzelten Glauben der Menschen mitzuerleben, war etwas beängstigend. Und diese Tiefe, auch die Tiefe der Natur hat mich auch auf eine Art verstehen lassen, warum Siddhartha nach etwas Tiefergehendem sucht.
Sagen wir mal, die von Menschen geschaffene Welt ist ein Ort, den wir meistern können. Aber es gibt auch einen anderen Weg, wenn man in die spirituelle Tiefe blickt, dann kann man jahrelang in Stille meditieren, an seiner Energie, an seiner Seele arbeiten. Die jahrelange meditative Suche hat ihn aus dem Leid herausgeholt. Die Begegnung mit dem historischen Siddhartha und mit seinem Weg, hat meinen Blick auf Siddhartha verändert. Hesses Siddhartha ist sehr anders. Er hat da mehr seinen eigenen Lebensweg verewigt. Siddhartha ist ja quasi ein junger Schriftsteller, der Verse und Gedichte schreibt und am Ende zu dem Schluss kommt, dass Liebe alles sei. Und ich denke, Hesse spricht auch am Ende über die Beziehung zu seinen Kindern. Ich kann keine Kinder bekommen und ich glaube, der ursprüngliche Siddhartha vertieft sich auch nicht weiter im Familienleben, er verabschiedet sich von all dem und wählt den mystischen Weg. Ich habe mich mehr für den mystischen Weg interessiert, für den Weg, mit dem ich mich mehr verbunden gefühlt habe, der gleichzeitig weit weg von mir ist. In Hesses Geschichte trifft Siddhartha den Buddha und folgt ihm nicht. In meiner Geschichte wird er zu seinem eigenen Buddha, seinem eigenen Meister. Das sind einzelne Veränderung, aber wir werden im Prozess noch mehr entdecken.
AC: Du bist nicht nur Regisseurin und Autorin von SIDDHARTHA, sondern wirst in einigen Vorstellungen auch die Rolle der Kamala, von Siddharthas Geliebten, übernehmen.
LH: Ich werde sie mir mit Milēna Miškēviča teilen, einer Schauspielerin aus dem Dailes Theatre in Riga, mit dem wir für das Stück kooperieren. Und da Kamala irgendwann schwanger wird, wird unser Kostümdesigner Oumar Dicko einen durchsichtigen Babybauch entwerfen, was für mich eine große Bedeutung hat, da ich selbst keine Kinder bekommen kann. So komme ich dem Gefühl, Kinder zu haben, am nächsten – durch genau dieses Kostüm, für dessen Entwurf er so viel Präzision aufwendet.
„Ich muss immer mehr als 200 Prozent geben, sonst fällt es mir schwer zu verstehen, warum ich es tue.“
AC: Dabei bringt das Projekt so viele andere Herausforderungen: Du arbeitest mit unterschiedlichsten Kunstformen, mit Menschen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten, die in kürzester Zeit zusammengebracht werden. Du machst dich auf vielen Ebenen so verletzlich. Warum tust du dir das an?
LH: Ich muss immer mehr als 200 Prozent geben, sonst fällt es mir schwer zu verstehen, warum ich es tue. Vielleicht macht es Siddhartha auch so, er gibt alles. Ich mag den harten Weg. Ich mag die großen ästhetischen Schocke. Aber es gibt so viele andere Künstlerinnen, die extremer sind, z. B. Marina Abramović, die ja auch Teil des Festivals sein wird oder Florentina Holzinger. Es gibt viele Frauen in der Kunst, die keine Angst haben, ihren ganzen Körper in ihre Arbeit zu geben. Das finde ich faszinierend. Manchmal ist weibliche Kunst brutal.
AC: Der Probenprozess erstreckt sich über unterschiedliche Phasen, mehrere Wochen in Antwerpen, dann in Riga und dann wieder in Antwerpen.
LH: Wir haben fünf Tage vor der Premiere in Gladbeck, wo alle das erste gemeinsam auf der Bühne stehen, auch der Lettische Rundfunkchor.
AC: Sechs Jahre Vorbereitung für fünf Tage Probenzeit. Es kommen unterschiedliche Künstler:innen aus unterschiedlichen Disziplinen und Kulturkreisen zusammen, Sänger:innen, Tänzer:innen, Schauspieler:innen. Du arbeitest oft und gern interdisziplinär. Wie unterscheidet sich dieser Prozess von deinem gewohnten Vorgehen?
LH: Ich muss zugeben, dass das sehr herausfordernd ist. Ich habe vorher mit einem kleinen Team interdisziplinär gearbeitet. Aber das schwierigste hier ist nicht einmal die Dimension. Es ist eine heilige spirituelle Erfahrung, die in Siddhartha beschrieben wird. Wie bringt man so etwas auf die Bühne? Als Theatermacherin weiß ich, wie man unterschiedliche künstlerische Welten praktisch und technisch zusammenbringt. Ich bin auch sehr glücklich mit meinem musikalischen Leiter Christian Balvig, der mir dabei hilft, die Welten musikalisch zusammenzubringen. Es gibt so viele Menschen, denen ich danken muss. Ein weiterer Faktor ist aber tatsächlich, dass hier Menschen zusammenkommen werden, die unterschiedliche Sprachen sprechen, aus unterschiedlichen Disziplinen kommen. Dieser Prozess braucht viel Vertrauen. Sechs Jahr für fünf Tage, das stimmt schon, aber ich will auch nicht den Druck dieser sechs Jahre reingeben. Manchmal muss man darauf vertrauen, dass es zu dieser Begegnung geführt hat und dass man nicht immer in jedem Moment auf alles vorbereitet sein muss, sondern einfach zulassen sollte, dass sich Menschen begegnen und sich die Zeit von selbst entfaltet.
