
Brel durch Bewegung entdecken
Marc Blanchet im Gespräch mit Anne Teresa De Keersmaeker und Solal Mariotte
Marc Blanchet: Wie kam es zu der Idee für einen Abend, der auf Liedern von Jacques Brel basiert?
Anne Teresa De Keersmaeker: Noch bevor wir mit der Arbeit an EXIT ABOVE begannen, die wir 2023 beim Festival d’Avignon präsentierten und in der Solal tanzt, hatten wir Gelegenheit, über unsere gemeinsame Faszination für Jacques Brel zu sprechen – als Sänger, als Autor und aufgrund seiner außergewöhnlichen Bühnenpräsenz. Wir beide bewundern seine Energie, auch wenn uns zwei Generationen trennen. Außerdem ist Solal Franzose, während ich flämische Belgierin bin. Jacques Brel war schon immer Teil meiner persönlichen Geschichte. Er spielte eine Rolle in meiner Erziehung sowie beim Erlernen der französischen Sprache. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass er Teil des kulturellen Erbes der Welt ist. Als ich 15 war, musste ich für meinen Französischunterricht ein Lied analysieren. Ich entschied mich für Le Plat pays, bewegt von der Musik als auch vom Text, der Poesie, mit der Jacques Brel die flämische Landschaft „liest“. Ich erinnere mich auch an Kontroversen um sein Lied Les Flamingants (...), in dem er die damalige Verfechtung der flämischen Kultur anprangert.
Solal Mariotte: Ich habe ihn in meiner Jugend, vor weniger als einem Jahrzehnt, durch YouTube-Videos entdeckt. Was mich neben der Qualität der Lieder faszinierte, war seine frenetische Art aufzutreten und immer hundert Prozent zu geben. Bevor ich zu P.A.R.T.S., der Schule von Anne Teresa kam, wusste ich schon ein wenig über Belgien, obwohl ich noch nie da war. Ich glaube, Jacques Brel hier in Brüssel zu hören, hat ihn für mich umso faszinierender gemacht. Er berührt mich, auch wenn er von einer vergangenen Zeit erzählt und oft altmodische Ausdrücke verwendet, was für mich beinahe kitschig wirkt. Ich kann seine Lieder schätzen, ohne mich persönlich mit vielen von ihnen identifizieren zu müssen. Manche sind zeitlos, andere hingegen erscheinen mir völlig veraltet!
„Jacques Brel war schon immer Teil meiner persönlichen Geschichte [...] Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass er Teil des kulturellen Erbes der Welt ist.“
MB: Solal, du kommst aus dem Breakdance. Dein Tanz mit seinen Rhythmen und Synkopen scheint weit entfernt von der Welt Jacques Brels zu sein. Was bei dir, Anne Teresa, offenbar nicht der Fall ist …
SM: Was meine Beziehung zum Tanz angeht, ist klar: Jacques Brels Lieder animieren weder mich noch andere Menschen zum Tanzen! Meine prägenden Jahre verbrachte ich fernab dieser Art von Musik. Brels Lieder sind so vielschichtig, dass man sich fragen könnte, ob es überhaupt nötig ist, sie mit Tanz zu ergänzen. Aber wenn ich beim Hören seiner Lieder die Augen schließe, habe ich Bilder im Kopf, eine ganze Welt entfaltet sich. Meine Verbindung zu Brel entsteht auch durch die Auseinandersetzung mit den Schnittstellen zwischen Tanz und Text. Als Student der P.A.R.T.S. musste ich vor allen anderen Studierenden ein erstes Projekt präsentieren: ein Solostück. Ich entschied mich für La Valse à mille temps. Damals hatte ich noch keine Pläne für ein Duo mit Anne Teresa. Ich tat es spontan und arbeitete am Crescendo des Liedes, ganz ohne Breakdance-Bewegungen! Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass der Tanz an sich minimalistisch war. (...) Am meisten interessierte mich die Auseinandersetzung mit den Ideen von Beschleunigung, Drehen, Rausch – und vor allem mit dem Potenzial, das in den poetischen Bildern des Liedes steckt.
ATDK: Sowohl in musikalischer als auch in bildlicher Hinsicht ist meine Erfahrung eine andere, denn 2001 schuf ich die Choreografie Once, die auf Joan Baez’ Album In Concert, Part 2 basiert. Ihre Musik ist seit meiner Kindheit ein Teil meines Lebens. Ich habe verschiedene Ansätze im Zusammenspiel von Musik und Tanz erprobt. Auch meine Verbindung zum Text ist nicht neu. Ich habe mit poetischen Texten gearbeitet, darunter Gedichte von Rainer Maria Rilke oder – eher im Hintergrund – von Shakespeare. Außerdem habe ich Opernlibretti verwendet. Was unsere jeweiligen Erfahrungen mit dem Tanz angeht, ist Solal Autodidakt, während ich mich mit der Unmöglichkeit abfinden musste, dem klassischen Ballett nachzugehen, bevor ich zeitgenössische Tänzerin und Choreografin wurde …
„Die Herausforderung für uns bestand darin, eine Zusammenarbeit zwischen uns dreien [...] zu schaffen, um innerhalb eines zeitgenössischen Ansatzes ein Gleichgewicht zu finden.“
MB: Die Idee ist also, „Jacques Brel zu tanzen“ – sowohl seine Lieder als auch seine Persönlichkeit?
SM: Mein Anspruch an diesen Abend, inspiriert von Jacques Brels kraftvoller Bühnenpräsenz, ist es, mich voll und ganz auf den performativen Aspekt einzulassen. Anne Teresa und ich haben eine gemeinsame Basis gefunden, um uns einem „persönlichen“ Brel zu nähern. Ohne einander nachzuahmen, wurden wir von dem Wunsch getrieben, eine Qualität des Tanzes zu erreichen, die sich zugleich persönlich und gemeinsam anfühlt. Breakdancer:innen sehen mich als zeitgenössischen Tänzer, während zeitgenössische Tänzer:innen mich als Breakdancer sehen! Aber in Anne Teresas Tanz, in dem, was sie seit Jahren als Choreografin entwickelt, gibt es Elemente, die stark mit dem Breakdance mitschwingen. Einige der vertikalen Konzepte, die sie verwendet, können durchaus innerhalb der Horizontalität meines Tanzes existieren.
ATDK: Unser Ziel war es, diese Schnittstelle zu finden. Es geht nicht darum, sich Jacques Brel „anzueignen“, sondern vielmehr darum, wie man ihn verkörpern kann, wie man diese Energie kanalisieren kann. Wir haben seiner Sichtweise auf die Welt, soziale Gerechtigkeit, Liebe, Beziehungen, Frauen, das Alter, die Kindheit, Familie, Freundschaft und Verbundenheit große Aufmerksamkeit geschenkt – ebenso wie den Dingen, die er ablehnte, wie etwa die Gewalt, über die er oft sang. Seine Lieder beschäftigen sich mit Themen wie Identität, der Beziehung zum eigenen Land, aber auch mit der Vater-Sohn-Beziehung und Tradition. Wir haben darauf geachtet, uns mit diesen Themen auseinanderzusetzen und eine notwendige Distanz zu wahren, um zu sehen, wie seine Lieder – ohne vor Kontroversen zurückzuschrecken – bedeutungsvolle Fragen aufwerfen können.
MB: Französische Zuschauer:innen werden die Texte von Jacques Brels Liedern sofort verstehen. Direkt entstehen Bilder im Kopf …
ATDK: In diesem Sinne ist unsere Choreografie eine echte Herausforderung! Bei Liedern auf Englisch verstehen manche den Text vielleicht vollständig, andere stellenweise und wieder andere gar nicht. Unser Ziel ist es, nicht nur illustrativ zu sein. Dennoch müssen wir uns auch bewusst sein, dass Brels Musik, egal wie energiegeladen sie auch sein mag, ob orchestriert oder nicht, wenig mit dem Beat des Breakdance zu tun hat. Unabhängig von den Arrangements bewegen sich seine Lieder irgendwo zwischen bal musette, Walzer und dem Erbe von Debussy und Ravel – auch wenn er selbst eher ein Bewunderer von Bach und Beethoven war.
SM: Auch wenn Jacques Brel in erster Linie für die Tiefe seiner Texte bekannt ist und wir eine rein illustrative Herangehensweise vermeiden wollten, dürfen wir nicht vergessen, dass Brel tiefgründige Reflexionen über das Menschsein und das Leben in dieser Welt anstellt. Die Herausforderung für uns bestand darin, eine Zusammenarbeit zwischen uns dreien – Brel, De Keersmaeker und mir – zu schaffen, um innerhalb eines zeitgenössischen Ansatzes ein Gleichgewicht zu finden.
ATDK: Ich sammle gerade erst Erfahrungen mit Musik, die auf den ersten Blick nicht zum Tanzen geeignet erscheint. Mir gefällt die Idee, diese Art von Musik durch den Körper fließen zu lassen, anstatt sie als etwas Heiliges zu betrachten. Unser choreografischer Ansatz wurde durch die erstaunliche Fülle an Dokumenten bereichert, die uns dank seiner Tochter France über die Fondation Jacques Brel zur Verfügung gestellt wurden. Es kommt selten vor, dass man Zugang zu einem so reichen musikalischen Erbe aus dieser Zeit hat, mit vielen Berichten aus erster Hand. Und es ist faszinierend, ihn in diesen Filmen aus nächster Nähe oder durch einen Vorhang vom Orchester getrennt zu sehen, im Licht eines Verfolgerscheinwerfers. (...)
Das Interview wurde von Marc Blanchet im Januar 2025 anlässlich des 79. Festival d’Avignon geführt. © Festival d’Avignon