In manchen Sprachen, so auch im Deutschen und Englischen, gibt es eine Zeitform, die nur selten verwendet wird, die jedoch eine besondere Perspektive auf Zeit und unser Verhältnis zu ihr eröffnet: das Futur II. Mit ihm drücken wir die Vermutung aus, dass eine Handlung zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft bereits abgeschlossen sein wird, und sprechen von Ereignissen, als seien sie bereits geschehen, auch wenn sie noch vor uns liegen. Wir sagen also nicht nur voraus, dass etwas passieren wird, sondern versetzen uns gedanklich an einen noch weiter entfernten Standpunkt in der Zukunft, um von dort zurückzublicken und uns eine vollendete Zukunft vorzustellen. So reisen wir gewissermaßen durch die Zeit und entwerfen eine zukünftige Vergangenheit, in der sich Erwartung und Erinnerung überlagern und miteinander verbinden.

Indem wir darüber nachdenken und darüber sprechen, wie etwas gewesen sein wird, erscheint die Zukunft dabei nicht länger als etwas, das uns einfach so widerfährt. Vielmehr wird sie zu etwas, das wir vorwegnehmen und selbst gestalten: Wir gehen davon aus, dass etwas so gewesen sein wird, wie wir es uns ausmalen. Denn nutzt man das Futur II, ist man sich in der Regel ziemlich sicher, dass das Gesagte tatsächlich eintreten wird: Wir formulieren Annahmen, schmieden Pläne, treffen Voraussagen und Entscheidungen. Damit machen wir das, was noch nicht ist, irgendwie (be)greifbar, schaffen Sicherheiten und verorten uns so wiederum im Hier und Jetzt.

Vielleicht ist das auch der Grund, wieso wir manche Dinge aufbewahren und manche nicht: Wir ahnen jetzt schon, wie wir eines Tages auf sie blicken werden, entscheiden, was wir in die Zukunft mitnehmen wollen, woran wir uns erinnern möchten und was wir lieber vergessen, meinen zu wissen was wichtig gewesen sein wird. Es sind Gegenstände, denen wir Bedeutung zuschreiben und die wir mit bestimmten Personen, Orten oder Momenten verbinden. Sie werden zu Erinnerungsträgern und Gedächtnisstützen, ohne die wir wohl kaum in der Lage wären, uns an etwas zurückzuerinnern. Dabei konkretisiert sich in ihnen nicht nur unsere Beziehung zur Vergangenheit, sondern auch unser Blick in die Zukunft: Mit ihnen bauen wir unsere Geschichte auf, formen unsere Identität und schreiben unsere Biografie weiter. 

Im Kleinen findet man sie in ganz persönlichen Sammlungen. Muscheln vom Strand, die wir von einer Reise mitbringen, eine Reihe von Konzerttickets, die als Andenken aufgehoben wurden, ein Fotoalbum, in dem mehrere Generationen einer Familie aufeinandertreffen, oder die Camera Roll eines Smartphones, in der sich erinnerungswürdige Snapshots neben scheinbar belanglosen visuellen Randnotizen und Kommunikationsfetzen des Alltags angesammelt haben. Sie erzählen von wichtigen Erlebnissen, Begegnungen oder Zäsuren des Lebens oder stehen in enger Verbindung mit Momenten und Zwischentönen, die kaum festzuhalten sind: Ein Geruch, ein Gefühl, ein kurzer Augenblick.

Im Großen verbergen sich diese Erinnerungsträger in der Regel hinter verschlossenen Türen: in Archiven, Bibliotheken, Museen oder anderen Institutionen, die materielle Zeugnisse und historische Überlieferungen ganzer Gesellschaften bewahren und so Teile ihres kulturellen Gedächtnisses für nachfolgende Generationen sichern. Es sind für die Ewigkeit gedachte und gebaute Speicher, monumental und irgendwie geheimnisvoll. Denn so richtig fassen, was sich darin befindet, kann man irgendwie nicht. Objekte, Dokumente oder Daten, die außerhalb vielleicht sogar wertlos wären oder uns gegenwärtig (noch) unnütz erscheinen, werden hier zusammengetragen, geordnet, kategorisiert, verpackt, verzeichnet und gelagert. Losgelöst von ihren ursprünglichen Zusammenhängen und Funktionen werden sie zu Zeitkapseln, die Vergangenheit konservieren und für eine unbekannte Zukunft verfügbar halten. 

„Das ‚Bewahren‘ wird als komplexer und politischer Akt erkennbar, der bestimmt, wer Teil der offiziellen Erinnerung ist und wer Zugang zu welchen Geschichten hat, welche Erzählungen überliefert und nach außen getragen werden und welche Spuren verblassen und sich verlieren.“
Daria Bona

Dabei treffen an diesen Orten nicht nur verschiedene Zeitschienen und vielfältige Sichtweisen auf Geschichte aufeinander. Es zeigt sich zugleich ein selektiver Blick, der sichtbar macht, dass diese Orte nicht alles aufbewahren, immer unvollständig und nie neutral sind. In ihm spiegeln sich die politischen und sozialen Strukturen, Hierarchien und Dynamiken wider, die darüber entscheiden, was zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort als bewahrenswert galt und aufgezeichnet wurde, und was nicht: historisch gewachsene patriarchale und koloniale Machtverhältnisse, die Erfahrungen marginalisierter Gruppen ausklammern oder nur bruchstückhaft dokumentieren; oder Ereignisse wie ideologische Umbrüche, Revolutionen, Regimewechsel und Kriege, die bestehende Geschichtsschreibungen destabilisiert, neu geordnet, umgedeutet oder sogar vernichtet und gelöscht haben. Das Bewahren wird als komplexer und politischer Akt erkennbar, der bestimmt, wer Teil der offiziellen Erinnerung ist und wer Zugang zu welchen Geschichten hat, welche Erzählungen überliefert und nach außen getragen werden und welche Spuren verblassen und sich verlieren. So zeigt sich das Archiv[1] nicht als statisches Depot, das Vergangenheit(en) lediglich anhäuft, stillstellt und einfriert. Vielmehr ist es ein lebendiger Ort, der Erinnerungen umschichtet und dabei Erfahrungen sicht- und unsichtbar macht. Damit wird es zu einem Ort, der stetig neu befragt und bewertet werden muss: Welche Stimmen und Perspektiven fehlen? Welche Lebensrealitäten sind nicht im Bild, wurden ausgeblendet – und warum? Was verschweigen uns die Archive?

Als dynamische Orte bergen sie zugleich das Potential, die Perspektive zu verändern und sich neu auszurichten. Sie erlauben, bestehende gesellschaftliche Narrative in Frage zu stellen und neue Versionen der Vergangenheit zu entwerfen. So kann Geschichte mithilfe von Zeitzeug*innenberichten, persönlichen Dokumenten oder Gegenarchiven „von unten“ geschrieben werden. Aber auch Fiktion und Spekulation können die Leerstellen undokumentierter Erfahrungen füllen: Was und wie hätte es sein können? fragt Saidiya Hartman in Bezug auf die Geschichte der versklavten Frau in der atlantischen Welt und entwirft ausgehend von lückenhaftem Archivmaterial eine Gegenerzählung, die Imagination und den Modus des Konjunktivs nutzt und in welcher so Sprache zum Instrument wird, um „spurlos“ verlaufenen Leben ein Gesicht zu geben.[2] Sie erlaubt, Wünsche und Möglichkeiten auszudrücken, (noch) unerzählte Geschichten zu imaginieren und sie damit greifbar zu machen. 

Mit Archiven zeichnen wir unsere Geschichte nach und bauen sie gleichzeitig auf, formen Identität und schreiben diese weiter – und produzieren so auch unsere Zukunft. Aufbauend auf gemeinsamen Erinnerungen und Erfahrungen sichern wir Werte und Wahrheiten, auf die wir uns geeinigt haben und die gleichzeitig kontinuierlich neu zu verhandeln sind. Gerade in einer Zeit, in der Inhalte durch künstliche Intelligenz zunehmend verschwimmen oder durch Fake News umgeschrieben werden, politische Propaganda und Geschichtsvergessenheit demokratische Grundwerte bedrohen, erscheint das Bewahren kollektiver Erinnerungen dabei wie eine unabdingbare Notwendigkeit und eine Verantwortung, gegen das Vergessen und die Verzerrung von Geschichte zu wirken. (Wie) wollen wir uns eine Zukunft ohne Erinnerung überhaupt vorstellen? Wie sähe eine Zukunft ohne Archive aus? 

Blicken wir auf unsere unmittelbare Zukunft, scheint die Frage danach, was dann von Bedeutung und bewahrenswert sein könnte, ziemlich diffus. Krisen, Kriege, Pandemien, wirtschaftliche Unsicherheiten und die unmittelbaren Auswirkungen des globalen Klimawandels machen Zukunftsängste und Sorgen mehr als allgegenwärtig: Wie können wir angesichts dessen nach vorne blicken? Was möchten wir in diese Zukunft mitnehmen? Was wird überhaupt wichtig gewesen sein? Vielleicht zeigt sich aber auch gerade angesichts dieser ungewissen und fragilen Zukunft einmal mehr die zentrale Bedeutung und Notwendigkeit darin, Erinnerungen zu speichern: Sie bieten uns die Möglichkeit, an dem festzuhalten, was uns wichtig erscheint; geben uns Halt und ein Versprechen. Sie lassen uns Visionen und Träume bewahren, Möglichkeitsräume bilden. Sie lassen uns glauben, über Raum und Zeit verfügen zu können und über das, was kommen mag, zu bestimmen. Woran möchten wir uns morgen erinnern und wie möchten wir in Erinnerung bleiben? Wie werden sich kollektive Erinnerungen zukünftig gestalten und wie sehen unsere gemeinsamen Archive der Zukunft aus?


 

[1] Im kultur- und medienwissenschaftlichen Verständnis hat sich der Begriff des Archivs mit dem poststrukturalistischem archival turn Anfang der 1990er Jahre erweitert. Dieser begreift das Archiv nicht nur als Institution, sondern auch als Konzept und fragt nach den Organisationsformen von Wissen und den Bedingungen seiner Überlieferung. Vgl. Knut Ebeling, Stephan Günzel (Hg.), Archivologie. Theorien des Archivs in Philosophie, Medien und Künsten, Berlin 2009.

[2] In ihrem Essay „Venus in Two Acts“ aus dem Jahr 2008 bezeichnet die Autorin ihre Methodik als „critical fabulation“ (kritische Fabulation), vgl. Saidiya Hartman, „Venus in Two Acts“, in: small axe 26 (2008), S. 1-14.

Termine und Tickets
September
Fr 4.9.2026
18 Uhr Outreach PACT Zollverein
Sa 5.9.2026
So 6.9.2026
Sa 12.9.2026
So 13.9.2026
Do 17.9.2026
Fr 18.9.2026
Sa 19.9.2026
So 20.9.2026

Autor: Daria Bona | 26.8.2026