
Unruhig wandern
von Bernd Isele
In der neuesten Theaterarbeit von Christopher Rüping begegnet eine Tochter ihrem Vater. Sie hat viele Fragen an ihn, findet aber keine Antworten, denn der Vater hat vergessen, woher er kommt und wer er ist. In einem Herbst, in dem in Deutschland das große Vergessen um sich greift, nimmt der Theaterabend diese Begegnung zum Anlass, um von der Orientierungslosigkeit der Gegenwart zu erzählen: vom Ende gemeinsamer Erzählungen, aber auch von möglichen Utopien, die sich hinter diesem Ende auftun. Dafür legen Christopher Rüping und sein Ensemble das Ohr an die deutsche Geschichte. Und erzählen aus der deutschen Romantik, aus den Kriegen und Ruinen der Vergangenheit heraus von der deutschesten aller Jahreszeiten und vom Schwindel unserer Tage.
Nirgendwo fällt mehr Laub vom Baum als in der deutschen Romantik. „An den Bäumen, welk und matt / schwebt des Laubes letzte Neige / Niedertaumelt Blatt für Blatt / Und verhüllt die Waldessteige“, schreibt der Dichter Nikolaus Lenau. Auch bei Novalis, Chamisso, Eichendorff und Brentano fällt, sinkt, kreiselt und treibt im „ersten Winterwind“, was der Herbstwald wirbelnd von den Zweigen entlässt. Das taumelnde Blatt hat es den deutschen Dichtern angetan – für sie ist es Bild des Übergangs und gültige Metapher für die Unruhe, die den Herbstmenschen in der deutschesten aller Jahreszeiten ergreift. Noch Rilke sah den deutschen Melancholiker in seinem berühmten Gedicht bekanntermaßen „unruhig wandern, wenn die Blätter treiben“.
Die Unruhe, die Rilke seinem Waldgänger attestiert, ist dem Herbstgefühl des Jahres 2026 nicht unverwandt. „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr“. Denn glaubt man den Umfragen, liegt in diesem Herbst besonders viel Endzeit in der Luft. Eine Partei, die offen mit Naziparolen agitiert, ist stärkste Kraft im Bund und könnte bald ein Bundesland regieren. Die AfD nutzt Verunsicherung, spricht von Transformation als Bedrohung und verspricht Ordnung im Chaos. In einer Welt, die viele Menschen als krisenhaft erfahren, schlagen Rechtsextreme Profit aus einer Angst, die den Prozess der Moderne seit jeher begleitet. Dabei ist die grassierende Orientierungslosigkeit einerseits wörtlich zu verstehen: In den Routinedaten der Arztpraxen und Krankenkassen nehmen Schwindeldiagnosen in den vergangenen Jahren sprunghaft zu. Viele Menschen leben im Gefühl der Drehung, des Kippens, der Bewegung, wo keine Bewegung ist. Andererseits ist dieser Schwindel nicht nur Diagnostik: Was uns als physiologische Störung begegnet – das Schwanken beim Blick in die Tiefe, der Drehschwindel, der Verlust der Balance – ist das Symptom einer tieferliegenden Erfahrung, die mit schwindenden Koordinaten zu tun hat. Der Mensch wird unruhig, „wenn die Blätter treiben“.
Der französische Schriftsteller und Künstler Camille de Toledo hat der Geschichte des Schwindels kürzlich ein Buch gewidmet. Für ihn ist der Schwindel nicht irgendein Unbehagen unserer Zeit, keine vorübergehende Schwäche des modernen Bewusstseins. Toledo sieht im Schwindel eine elementare Erfahrung, in der sich unsere Gegenwart selbst erkennt. Schwindel ist kein Unfall, kein Ausrutscher auf dem Weg des Fortschritts, sondern ein Zeichen dafür, dass die Welt ins Schwanken geraten ist. Die alten Sicherheiten tragen nicht mehr. Die Vorstellung vom Menschen als souveränem Subjekt, das trennt, ordnet und beherrscht, hat seine Selbstverständlichkeit verloren.
Dabei hat der Schwindel zwei Gesichter: Der Blick in den Abgrund kann locken, aber auch erschrecken. Der Schwindel steht für den Verlust von Orientierung, für die Angst vor Kontrollverlust, für die Auflösung, aber eben auch für die Erfahrung von Grenzenlosigkeit, für die Faszination des Abgrunds und für die Begegnung mit dem Unendlichen. Schwindel ist ein Gefühl von Weite, von Zeitlosigkeit, von Zugehörigkeit zu etwas, das größer ist als jede individuelle Form. Doch diese Weite ist nicht nur tröstlich. Sie trägt eine Unruhe in sich, eine Bedrohung: Denn wo das Ich sich ausdehnt, droht es immer auch zu verschwinden.
Viele Romantiker kennen diesen Zwiespalt. Caspar David Friedrich zum Beispiel – heute Malerfürst, damals eine als düster und melancholisch taxierte Randfigur der Branche – malt im Wissen darum, dass die Hingabe an das Grenzenlose in das Verschwinden des Subjekts umschlagen kann. Seine Gemälde sind Naturfantasien, auf denen kleine Menschen in jäh aufgerissene Wolkenbilder oder in unvorstellbare Tiefen blicken. Es sind Gemälde des Schwindels und der Entgrenzung, der Weite, der Unruhe – auch Zeugnisse einer Selbstaufgabe, die den Maler schon früh in Suizidversuche treibt und die ihn lebenslang auf die Grenze zwischen Selbstverlust und Entfesselung bindet. Caspar David Friedrichs Schwindel ist trügerisch. Er kann als Ekstase erscheinen, als Aufgehen in einer umfassenden Einheit, als Trost. Gleichzeitig kann er als Auflösung erlebt werden, als Verlust von Orientierung, als ein Versinken in Unbestimmtheit. Der Schwindel markiert diesen Übergang – den Punkt, an dem das Subjekt sich nicht mehr sicher ist, wo es beginnt und wo es endet.
Die Besucher:innen der Berliner Akademieausstellung des Jahres 1810 reagieren verwirrt und verstört, als sie die beiden dort ausgestellten Bilder von Caspar David Friedrich sehen. Es wird gespottet. Nur einer wird stumm beim Anblick der Abtei im Eichwald und vor dem Bild Der Mönch am Meer. Es ist der 15-jährige Kronprinz Friedrich Wilhelm. Er hat wenige Monate zuvor seine Mutter verloren. Seine Augen sind noch rot vor Tränen. Deshalb bittet er seinen Vater, den König von Preußen, darum, ihm beide Bilder zu kaufen. Die Trauer, die er in den beiden Bildern erkennt, ist seine eigene.
Weniger Trost und mehr Bedrohung erkennt ein anderer Betrachter: Heinrich von Kleist. Er sieht den Mönch am Meer und schreibt, es sei, „als ob einem die Augenlider weggeschnitten wären“. Das ist Kleists Ausdruck für die Unruhe. Er erkennt in dem Gemälde die andere Seite des Schwindels; statt des Trostes sieht er die Entgrenzung, den Wegfall von Orientierung, das Altarbild der Moderne. Das Bild liege „wie die Apokalypse da“, schreibt Heinrich von Kleist vieldeutig. Was er im Bild erkennt, ist eine Ausweglosigkeit, die ihn selbst in den Abgrund reißt. Wenige Monate später – im Herbst 1811 – beendet er den Taumel in seinem Kopf, am Wasser sitzend wie der Mönch, durch einen Schuss in den Mund.
Ein anderes Referenzsystem, eine ähnliche Diagnose: In einem kürzlich gegründeten künstlerischen Forschungsverbund mit dem Namen On Dizziness untersucht eine internationale Gruppe von bildenden Künstler den Taumel. Auch hier erscheint das Phänomen als paradigmatische Denkfigur einer Gegenwart, die uns Menschen räumlich, sozial, emotional oder politisch aus dem Gleichgewicht bringt. Um dieser Zeit einen Namen zu geben, hat die Künstler den Namen Iliggocene gefunden. Iliggos ist griechisch für „Wirbel, Strudel, Schwindel“, Iliggocene bezeichnet das „Zeitalter des Schwindels“, in dem wir leben.
Für die Gründer des Dizziness-Projekts ist Schwindel kein bloßes Symptom, sondern eine Sprache. Dizziness beschreibt eine Welt in Bewegung. Der kippende Körper ist Ausdruck einer Zeit, in der der Boden nachgibt. Aber auch hier ist Schwindel nicht nur Verlust, sondern auch Öffnung. Wer taumelt, ist auf andere Körper und soziale Gefüge angewiesen. Orientierung ist deshalb keine autonome Leistung, sondern immer eine kollektive Praxis. Das macht den Schwindel so politisch: Statt auf Autonomie und Souveränität verweist er auf Abhängigkeit und Bezogenheit. Wenn Sicherheiten zerfallen, werden Beziehungen sichtbar. Im Moment des Schwankens entstehen andere Formen des Sehens, des Sprechens, der Kunst. Der Taumel wird zu einem Zwischenraum – fragil, instabil und voller Möglichkeiten.
Historisch gesehen reagiert jede Epoche anders auf den Schwindel und die Bedrohung. Was in vormodernen Kontexten als Annäherung an das Absolute gelesen werden konnte, wird in der Moderne zunehmend als psychische, ja pathologische Erfahrung interpretiert. Im Jahr 1786 liefert Marcus Herz – Arzt, Philosoph und enger Vertrauter von Immanuel Kant – mit seinem Versuch über den Schwindel eine 300 Seiten starke Abhandlung, in der er das psycho-physische Grenzphänomen des Schwindels als „Zustand der Verwirrung“ definiert, „in welchem die Seele wegen der zu schnellen Folge der Vorstellungen sich befindet“. Auf die Spur des Gleichgewichtsorgans im Innenohr begibt sich die Forschung dann ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Mit der Entdeckung des sogenannten Vestibularapparats wird Schwindel medizinisch beschreibbar. Und doch kehrt das Gefühl der Verunsicherung immer wieder, Phasen der Sicherheit kippen in Zeitalter der Unsicherheit, in jeweils neuen Formen, unter den jeweils veränderten Bedingungen einer Welt, die sich immer wieder neu entgrenzt, um aus dem Taumel in Phasen des Stillstands zurückzufallen.
In einer solchen „Stunde Null“, im Herbst 1946, reist ein junger schwedischer Autor durch Deutschland. In seiner Heimat ist Stig Dagerman ein Shootingstar; für die Tageszeitung Expressen besucht er Berlin, Hamburg, das Ruhrgebiet: Städte und Regionen, die in Elend, Hunger und Ruinen liegen. Den literarischen Reisebericht, in den er seine politischen Analysen kleidet, nennt Dagerman Deutscher Herbst. Es regnet unaufhörlich, die Herbstblätter fallen – und der junge Schwede, der wenige Jahre später an seiner eigenen Dunkelheit zugrunde geht, bewegt sich dabei auch entlang der Frage: Ist dieses ihm fremde Land, das so zerbrechlich zwischen Ende und Anfang taumelt, zur Freiheit bereit? Oder wird es stolpernd untergehen?
Seit dem Herbst 1946 sind genau achtzig Jahre vergangen. Die Herbstdeutschen, die Stig Dagerman zwischen den Ruinen getroffen hat, werden bald nicht mehr da sein oder sind es schon jetzt nicht mehr. Und doch sind die Fragen geblieben und wieder sehr präsent. Ist dieses Land zur Freiheit bereit? Der Herbstmensch des Jahres 2026 lebt im Gefühl der Fragmentierung, in der Erfahrung der Krise, an einem Endpunkt gemeinsamer Erzählungen. Gleichzeitig lebt er in der Suche nach Verbundenheit und in der Sehnsucht nach Trost. Das Theater kann eine gute Adresse dafür sein – und der Herbst eine gute Zeit.
Der Herbst beginnt kalendarisch am 23. September und endet Ende Dezember. Wie der Schwindel hat er ein dunkles, aber auch ein goldenes Gesicht. „Der Herbst macht die Welt durchsichtig“, schreibt Karl Krolow in seiner Biographie des Herbstes. Er sei die Jahreszeit der Entäußerung, in der alle Dinge „ihre Dingfestigkeit einbüßen“ und in Bewegung geraten. Der Herbst bedeute „Hochdruck-Klarheit, eine heitere Zeit, aus leuchtendem Flugstaub gemacht, gehoben aus der Fläche des Lichts“. Herbst sei die Beteuerung, dass alles mit allem verbunden bleibe. Herbst bedeutet den lichten Wechsel der Zustände.
Der Herbst bietet beides: ein mögliches Ende und die Chance zur Verwandlung. Form und Zusammenhang verschieben sich. Das lässt den Wanderer, von dem Rilke schreibt, unruhig werden. Un-ruhe als die Abwesenheit von Ruhe. Unruhe als das, was Donna Haraway in ihrem berühmten Buch Unruhig bleiben zur Kernaufgabe des modernen Menschen erklärt. Donna Haraways Buch ist ein Plädoyer dafür, der Dezentrierung Raum zu geben. Unruhig bleiben meint, im Schwindel zu bleiben und den Taumel nicht zu pathologisieren, sondern ihn als Bedingung einer anderen Form von Gegenwart zu begreifen. Herbst und Taumel markieren das Zerbrechen einer großen Trennung. Der moderne Mensch hat sich lange als isoliertes Zentrum gedacht, als ein Ich, das sich der Welt gegenüber zu behaupten hat. Der Schwindel beginnt dort, wo diese Trennung porös wird und in den aufbrechenden Ritzen ein anderes Wissen aufscheint: das Wissen, dass wir nicht außerhalb der Welt stehen, nicht über ihr, nicht von ihr getrennt. Der Schwindel zwingt uns, auf diese Einsicht zuzugehen. Dann zeigt sich, dass das Heute untrennbar am Vergangenen hängt, dass das Leben der anderen nicht von uns getrennt ist. Alles greift ineinander. Alles antwortet aufeinander. Über die Zeiten und über die Herbste hinweg. Was wir als wirbelnde Blätter erleben, als Unruhe und Schwindel, ist das Gefühl dieser Verflechtung.
Bernd Isele
Bernd Isele arbeitet seit seinem Studium und einer Promotion im Fach Alte Geschichte als Festivalleiter und Dramaturg, meist im Schauspiel und immer wieder auch im Musiktheater. Seine Zusammenarbeit mit dem Regisseur Christopher Rüping beginnt an den Staatstheatern Stuttgart: die dort entstandene Vinterberg-Adaption Das Fest wird 2015 zum Theatertreffen eingeladen. Von 2018 bis 2025 leitet Bernd Isele mit den Autor*innentheatertagen das am Deutschen Theater Berlin beheimatete Festival für Neue Dramatik. Als Dramaturg betreut er Uraufführungen von Elfriede Jelinek, René Pollesch, Peter Handke, Rosa von Praunheim und vielen jüngeren Autor*innen. Seit 2025 ist er Chefdramaturg und stellvertretender Intendant des Deutschen Theaters.
