Komponist Kevin Puts hat für das erstaunliche Streichtrio Time for Three und die Ausnahme-Sängerin Joyce DiDonato komponiert.

Die wahnsinnige Energie dieses erstaunlichen Ensembles springt einen gleich in der ersten Sekunde an. Nick Kendall streicht den Bogen in einem irren Tempo über die Saiten seiner Geige, als wolle er sie damit zersägen, Charles Yang gesellt sich mit starken Akzenten an der zweiten Geige dazu und Ranaan Meyer grundiert am gestrichenen Kontrabass. Zusammen bilden sie das erstaunliche Ensemble Time for Three und für das erstaunliche Projekt Emily – No Prisoner Be, das im Programm der Ruhrtriennale Deutschlandpremiere feiert, haben sie sich mit einer der größten Opernsängerinnen der Gegenwart zusammengetan, Joyce DiDonato, um eine der wichtigsten Dichterinnen der Literaturgeschichte zu ehren: Emily Dickinson. Ein Abend der Superlative also.

Dass man etwas von der Energie, die ihr Konzert mit Gedichtvertonungen versprüht, schon spüren kann, liegt daran, dass Ausschnitte aus dem Konzert schon als Video im Internet zu finden sind. Wenn man sie sieht, ist sofort klar, dass man diesen Abend live erleben möchte – weil hier so viele tolle Faktoren zusammenkommen und sich gegenseitig verstärken.

Zum einen ist da natürlich die ungebrochene Begeisterung für Emily Dickinson, die heute auch als queere Ikone wiederentdeckt wird, weil ihre Korrespondenzen wohl den Schluss erlauben, dass sie lesbisch gewesen ist. Das wäre aber nur ein Puzzleteil einer faszinierenden Existenz: Zu Lebzeiten bekam sie kaum Ansehen als Dichterin. Sie verließ fast nie die US-amerikanische Provinz um Amherst herum, eine Kleinstadt im Bundesstaat Massachusetts. Dort wurde sie 1830 geboren – und dort verstarb sie gut 55 Jahren später. Mit knapp dreißig Jahren zog sie sich in ihr Kinderzimmer zurück – aus Selbstschutz, so heißt es, und um das große Bedürfnis nach dem ungestörten Schreiben zu stillen.

Obwohl sie sich als Autorin verstand, erschienen zu Lebzeiten nur sieben der rund 1800 Gedichte, die sie verfasste. Ihr Vater, ein Rechtsanwalt und Politiker, bot seiner Tochter zwar ein sorgenfreies Familienleben. Der Veröffentlichung ihrer Verse, die gesellschaftskritisch, manchmal düster oder so verwinkelt sind, dass sie sich dem einfachen Verständnis widersetzen (wie alle gute Literatur), stand er im Weg. 

„Ihr Werk schreit förmlich danach, gesungen zu werden. Es steckt Musik in jeder Zeile, in jedem Wort und in den Zwischenräumen.“
Kevin Puts über die Gedichte von Emily Dickinson

Fan von Dickinsons Lyrik ist auch der Komponist und Pulitzer-Preisträger Kevin Puts. Er hat im Auftrag der Bregenzer Festspiele eine Reihe von Vertonungen ihrer Gedichte für Time for Three und die Sopranistin Joyce DiDonato geschrieben. Puts selbst betont, dass er damit keinesfalls der erste sei. Seiner Kenntnis nach gebe es über 3000 musikalische Bearbeitungen ihrer Texte. Aber warum nicht nochmal neu herangehen? „Ihr Werk schreit förmlich danach, gesungen zu werden. Es steckt Musik in jeder Zeile, in jedem Wort und in den Zwischenräumen. Es inspiriert Rhythmus, Harmonie, Melodie, musikalische Atmosphäre – es springt einen förmlich von der Seite an, so dass Komponisten ihm nicht widerstehen können.“

„Ich habe keine Sekunde gezögert, den Liederzyklus zu singen“, hat Joyce DiDonato im Interview über das Projekt gesagt. „Meine allererste Solo-CD, die ich vor über 20 Jahren aufgenommen habe, enthielt die Twelve Poems of Emily Dickinson von Aaron Copland. Als ich Dickinson damals entdeckte, erschloss sich für mich eine ganz neue Welt! Das Projekt zusammen mit Kevin war für mich die Gelegenheit, sie neu zu erkunden.“ 

Der Zyklus enthält 24 Gedichte, genau wie Franz Schuberts Winterreise. Jedes davon beschreibt ein „eigenes Universum“, sagt DiDonato. Die Musik setzt mal impulsive Akzente, wie im oben beschriebenen Eröffnungsstück They shut me up in Prose. Mal wirkt sie zerbrechlich oder schwermütig, wie in I was the slightest in the house. Das Trio Time for Three kann aber auch Rock oder Country – und vor allem auch Gesang. So sind sie ein toller Backgroundchor für die Sängerin. Ein weiterer besonderer Faktor in einem besonderen Abend.

 

Dieser Beitrag ist im Ruhrtriennale Special der kultur.west erschienen.

Über den Autor

Max Florian Kühlem ist in Bergneustadt geboren und aufgewachsen, schwerpunktmäßig in NRW als freier Kulturjournalist, Autor und Songwriter aktiv, veranstaltet auch Lesungen oder die Reihe Songs & Lyrics by… am Schauspielhaus Bochum. Auftraggeber:innen sind neben kultur.west unter anderem die Süddeutsche Zeitung, taz, Rheinische Post, Nachtkritik.de oder Magazine wie RollingStone und BODO.

Max Florian Kühlem steht zwischen hohen Pflanzen und blickt in die Ferne.
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Autor: Max Florian Kühlem | 7.8.2026