Edu Haubensak

GROSSE STIMMUNG l – X (1989 – 2005) 175ʼ

Der Klavierzyklus umfasst zehn Kompositionen für Klavier solo in zehn verschiedenen Stimmungen. Anfänglich noch zögerlich und ohne Ahnung davon, einen größeren Zyklus zu schreiben, kam ich in einen immer stärkeren Sog von ungeahnten Möglichkeiten, veränderte Stimmungen am Klavier zu erforschen. Die Varianten sind beinahe unerschöpflich, da wir 241 Saiten vorfinden, die alle verändert stimmbar sind. Das mechanische Instrument mit seiner großen Vergangenheit klingt seit dem späten Barock in der temperierten Stimmung. Die äquidistante Struktur normierte alles, was in der westlichen Welt an Musik komponiert wurde. Dieser paradigmatischen Gleichschaltung der Intervalle wird nun mit einer Vervielfachung der Positionen von Frequenzen begegnet und durch eine weit verzweigte Harmonik ersetzt.

Die zehn Stimmungen unterscheiden sich zunächst in chorisch veränderte oder unveränderte Grundtypen und deren Mischungen. Sind die drei Saiten (Chor) einer Taste der Mittellage gespreizt gestimmt, hören wir einen kleinen Cluster, eine vibrierende Gestalt, ein (weich) schwingendes Klangobjekt. Sind alle 88 Tonhöhen (mit Ausnahme der tiefen Register) chorisch verändert, entfernen wir uns deutlich vom herkömmlichen Klavierklang (Spazio, Halo, Coro Nuovo). Es entstehen neue akustische Kammern in neuartigen Farben mit Assoziationen zu elektronischer Musik. Die kleinste chorische Skordatur (ital. scordare »umstimmen«, AdR.) ist 22 und die größte 360 Cent im Ambitus.

Es gibt also oftmals Überlappungen der Tonhöhen von benachbarten Tasten. Die X. Stimmung ist eine Mischstimmung, die weißen Tasten sind erhöht und erniedrigt in einem 11-Cent-Zyklus und die schwarzen Tasten werden chorisch ganz unterschiedlich skordiert.

Eine wichtige Entscheidung im Prozess des Erforschens von neuen Stimmungen ist die Wahl einer äquidistanten- oder nichtäquidistanten Skala. Die Austauschbarkeit und Modulierbarkeit der uniformen Intervallverhältnisse (bei regelmäßigen Abständen) ist gleichzeitig auch deren Verarmung. Bei der Veränderung aller 88 Tonhöhen (z.B. Gefärbte Variationen) wird die chromatische Skala unregelmäßig (nichtäquidistant), gleichzeitig ist sie aber auch reich an Möglichkeiten, neue harmonische und melodische Konstellationen zu bilden. Diese neu gewonnene Klanglichkeit erfordert ein verändertes kompositorisches Denken. Das Klavier mit seinem explosionsartigen (Hammer-) Schlag auf die Saiten und dem langsamen Verklingen des Tones ist widersprüchlich: Der Schlag ist perkussiv, der Nachklang aber weich verlöschend. Die neuen Stimmungen mit den neuen Harmonien bevorzugen den Nachklang, dort hören wir die Zusammenklänge, dort in der Langsamkeit sind die neu zusammengesetzten Schwingungen hörbar.

Die rhythmische Notation ist in diesem Klavierzyklus oft proportional gesetzt und nicht an ein Metrum gebunden. Diese auf einem Zeitfluss beruhende Rhythmik mit Dauerangaben pro Zeile, lässt die Musik sich frei entfalten ohne das obligate Raster oder den Puls, an dem rhythmische Spannung durch Aktion und Reaktion sich entzündet.
Edu Haubensak

l. Stimmung   Campi Colorati I – III (1989-92)  24’
nichtäquidistante, oktavrepetierende, sechstel- und dritteltönige Skordatur

Mit dem dreiteiligen Klavierstück Campi Colorati habe ich erstmals die Tonhöhen eines Klaviers verändert und während längerer Zeit auf einem schnell umstimmbaren Tasteninstrument nach neuen Möglichkeiten gesucht. Alles Suchen war darauf ausgerichtet, mit der neuen Stimmung auch wirklich komponieren zu können. Es war nicht meine Absicht, ein Tonhöhensystem zu erfinden, das nun genau der »Natur« entspräche oder darüber hinaus allgemeine Gültigkeit erlangen sollte. Vielmehr ging es mir um eine Veränderung des temperierten Systems. Das erste Resultat meiner Recherchen war eine ungleichstufige Skala:
Campi Colorati ist eine Mischung aus Sechstel-, Drittel- und Ganztönen, ohne reine Quinten und Quarten, aber mit konsonanten Naturseptimen und Oktaven.

 

ll. Stimmung   Spazio (1993/94)  14’     
äquidistante, chorisch veränderte Skordatur (33/66 Cent), oktavrepetierend

In dieser Stimmung wird der Klang des Konzertflügels entscheidend verändert und der erste Höreindruck lässt an ein fremdes, uns unbekanntes Instrument denken. Spazio meint Raum oder verhallte Reden. Ein Gespräch an einem halligen Ort lässt Stimmen vielfach reflektieren, gleichzeitig werden die Codes der Verständlichkeit verwischt. Diese Analogie erscheint in der clusterartigen Stimmung des Klaviers als melodisch vielfältige Mikrokurven. Jede Tonhöhe (Taste) der mittleren und hohen Lage des Klaviers wird räumlich gestimmt. Die drei Saiten jedes einzelnen Tones differieren um einen Sechstelton (33 Cent), nur die einzelnen Basssaiten bleiben unverändert. Mit dieser Skordatur sind dichte Cluster spielbar, die bei zehn gedrückten Tasten dreißig verschiedene Tonhöhen erklingen lassen. Wagen wir ein Wort: Geräuschkuben.

 

lll. Stimmung Veränderte Luft (1998)  11’
(Zehn Kugeln, Veränderte Luft, Achtundachtzig Punkte)
allveränderte Stimmung (1–44 Cent), nichtäquidistant, nichtoktavrepetierend

Die dreiteilige Komposition beruht auf einer Stimmung, in der sämtliche Tonhöhen des Klaviers leicht verändert werden. Die Mutationen der Frequenzen betragen 1–44 Cent höher oder tiefer (weniger als ein Viertelton) und ergeben eine Vielfalt von unterschiedlichen Intervallen. Das Resultat der Skordatur ist wie eine leichte Bewegung mit der Hand durch eine regelmäßig organisierte Struktur. Der Hauptteil beschäftigt sich mit den verrückten Quinten und Oktaven, die sich in größeren harmonischen Gebilden verbinden und wiederum lösen. Der langsame Prolog und der schnelle Epilog bestehen aus den 88 Tonhöhen des Klaviers, zuerst als »harmonische Kugeln« und zum Schluss als »additive Punktreihe« in einem raschen und kontinuierlichen Tempo.

 

lV. Stimmung Halo (2001)  20’
äquidistante, chorisch überlappende Skordatur (166/333 Cent), oktavrepetierend

Sämtliche Töne des Klaviers sind (mit Ausnahme des Bassregisters) chorisch verändert und um zweimal 166 Cent erweitert gestimmt. Ein Ton (Taste) ergibt einen »Dreiklang«, der im Ambitus etwas größer ist als eine kleine Terz (333 Cent). Dieser Klang ist das Material der Komposition mit dem Titel Halo, das einen Dunstkreis (um ein Objekt) einen Heiligenschein oder eine Schattierung bedeutet.

Wie schon in Spazio (dort chorisch zweimal 33 Cent) sind deutlich wahrnehmbare Tonhöhen nur im Bassbereich möglich, und in den mittleren und hohen Lagen sind die Melodien gestreut als Konglomerate wahrnehmbar. Die Klänge sind aber keineswegs nur harmonisch gedacht, das Perkussive, Trommelähnliche, meist Weiche oder Sanfte der Klänge ist oft mit harten (martellato) Anschlägen durchsetzt. Die Komposition erkundet in dieser vierten Stimmung erneut das mehrdimensionale eines Klanges und ist ein weiterer Versuch, das Klavier als ein anderes Instrument erscheinen zu lassen als wir es uns gewohnt sind.

 

V. Stimmung Gefärbte Variationen (2002)  14’
allveränderte Stimmung (1-89 Cent) nichtäquidistant, nichtoktavrepetierend

Die symmetrisch gebaute, veränderte Stimmung der 88 Tonhöhen ist verwandt mit der Skordatur in Veränderte Luft. Der Grad der Veränderungen hingegen ist verdoppelt worden und beträgt maximal 89 Cent.
Die möglichen Intervallkonstellationen sind äußerst vielfältig und in jeder Oktave wieder anders gefärbt. Die Variationen haben kein Thema im klassischen Sinne, sie verstehen sich eher permutativ kreisend. Die konsonanten Intervalle wie die Oktaven, Quinten oder Quarten, werden durch die Skordatur leicht verändert wahrgenommen und erhalten eine vibrierende Gestalt. Mittels Stimmkreuzungen sind die melodischen Wege mit dem Ohr immer wieder neu wählbar und die Kombinationen der Klänge sind symmetrisch oder additiv gereiht. Die gehäuften Töne am Schluss der Komposition verlieren sich allmählich in den tiefsten Registern und verklingen wie ein dunkler Schweif ...

 

Vl. Stimmung Fünf Zusammenhänge (2003)  21’
(Prolog, 20 Zeilen, 19 Zeilen, 37 Zeilen, Epilog)
zwei äquidistante Skalen (schwarze/weiße Tasten), oktavrepetierend

Fünf Zusammenhänge besteht aus fünf Sätzen, die teilweise fließend ineinander übergehend interpretiert und gespielt werden. Nach dem fanfarenartigen Prolog entwickeln sich längere Perioden von Aggregaten oder Tonhaufen, die geballt oder zerstreut wie Galaxien sich langsamer oder rascher im gesamten Tonraum bewegen. Mit einer einzigen Ausnahme werden alle Töne zeitlich nacheinander gespielt, und die Harmonien werden durch das sukzessive Mischen von Skalen und Melodien hörbar. Die Vl. Stimmung ist inspiriert durch die zwei verschiedenfarbig angeordneten schwarzen und weißen Tasten. Die beiden Skalen sind anders gebaut, diatonisch die weißen -, und pentatonisch die schwarzen Tasten. Diese ergeben zusammen die äquidistante chromatische Tonleiter. Die in Fünf Zusammenhänge neu entwickelte Stimmung besteht nun darin, die weißen Tasten (171,5 Cent) und die schwarzen Tasten (240 Cent) als eigenständige Skalen regelmäßig anzuordnen. Diese beiden äquidistanten Skalen ergeben kombiniert gespielt, vielfältige Intervalle und Klänge, die durch eine chiaroscuro (ital: »hell-dunkel«, AdR.)-Technik der dynamischen Werte, permanent harmonisch neu gemischt werden.

 

Vll. Stimmung Suite (2003/04)  22’
(Ostinato, Imitation, Fantasie, Abweichung, Monochrom, Einzeller)
nichtäquidistante, teilveränderte Stimmung (alle Quinten 700 Cent) nichtoktavrepetierend

Die Vll. Stimmung basiert auf der Idee, alle temperierten Quinten des Klaviers bestehen zu lassen, die Halbtonstufen aber innerhalb des Quintenraumes zyklisch zu verschieben. Diese Veränderungen lassen vielfältig schwebende Oktaven und unzählig viele andere Intervalle mit differenten Schwingungszahlen zu – nur eben die Quinten sind auf dem ganzen Keyboard temperiert hörbar. 

Die sechsteilige Suite ist mehrheitlich in proportionaler Notation geschrieben. Die unterschiedlichen Tempoangaben akzentuieren Charakter und Disposition der einzelnen Sätze. Diese vielfältige Anlage der Komposition ermöglicht verschiedene Wahrnehmungen des Zeitempfindens. Im vierten Teil der Suite, mit Abweichung übertitelt, befindet sich das zeitliche Geschehen in einer Schwebe zwischen Bewegung und Stillstand. An der auskomponierten Grenze der Wahrnehmung erscheint die Frage: Bewegen wir uns mit der Musik oder bleiben wir am Ort? (Die Zeit ist die Sphinx der Musik.) Der sechste Teil, am Schluss der Suite, benannt Einzeller, besteht aus einem gespielten und einem stumm gedrückten Intervall, und wir hören die Mischung von sich gegenseitig konkurrenzierenden Schwingungen.

 

Vlll. Stimmung Coro Nuovo (2004)  19’
nichtäquidistante, chorisch allveränderte Stimmung, nichtoktavrepetierend

Eine etwas komplexere chorisch veränderte Stimmung als die früher komponierten Werke Spazio und Halo, ist Coro Nuovo. Alle Chöre (die drei Saiten einer Taste) werden hier nach einem periodischen Muster unterschiedlich gestimmt und die Veränderungen werden auf die ganze Klaviatur angewendet.

Der kleinste chorische Baustein ist 11 Cent. Bei drei Saiten einer Taste wäre also die linke Saite 11 Cent erniedrigt und die rechte Saite 11 Cent erhöht worden, während die mittlere Saite unverändert bleibt. Als Ergebnis haben wir nun 22 Cent als Rahmenintervall, eine kleine dreistimmige Clusterkugel. Der größte Baustein ist 176 Cent – und mit demselben Verfahren erreichen wir ein Rahmenintervall von insgesamt 352 Cent. Diese Taste klingt nun als großer Cluster und überschneidet sich mit den benachbarten Clustern. Insgesamt gibt es 16 Bausteine, die sich teilweise überlagern, je nach Ambitus. Nur die Basssaiten bleiben ohne Skordatur.

Wie die meisten meiner Werke, wurde auch dieses Klavierstück in der proportionalen Notation, in der »Space Notation« geschrieben. Die räumliche Darstellung der Zeit lässt der Musik eine gewisse Freiheit in der rhythmischen Gestaltung, trotzdem sind regelmäßige Pulse darstellbar. Der freie Fluss der Zeit ohne Taktstriche ermöglicht ein rhythmisches Agieren ohne Aktion/Reaktion auf ein gegebenes Metrum.

 

lX. Stimmung PUR (2004/05)  11’
reine Stimmung (Just Intonation, 11 Limit) nichtäquidistant, oktavrepetierend

Die Komposition PUR ist alles andere als rein. Es gibt zwar vier reine kleine Terzen, fünf reine große Terzen und drei reine Septen (Naturseptimen). Aber auch komplexere Proportionen kommen vor, der Dreiviertelton (12/11) zum Beispiel oder einige weniger bekannte Intervalle, welche in unserem temperierten System nicht existieren (120/77). Anstatt den 12 temperierten haben wir in PUR 66 verschiedene Intervalle in einem nichtäquidistanten System. Ein bestimmtes Intervall steht jeweils im Zentrum und andere mischen sich dazu. Die »reinen« und »unreinen« Klänge werden gleichberechtigt nebeneinandergesetzt. Harmonisch werden die vielen klanglichen Kombinationen aus den unterschiedlichsten Perspektiven gezeigt.

Die Musik ist formal in längere oder kürzere Zeitfelder gegliedert und rhythmisch in der »Space Notation« fixiert. Polyphone Pulse sind häufig mit kreuzenden Händen zu spielen, und sind die pianistische Besonderheit in dieser Komposition. Bei der Arbeit haben mich oft abstrakte Ideen geleitet, doch durch die Hintertür erschienen an einigen Stellen unerwartet Anklänge an bekannte musikalische Formen. Es gab für mich keinen Grund, diese überraschenden Klänge abzulehnen oder in der Partitur zu kaschieren. Unerwartetes kann erfreulich sein und puristisches Denken ist mir fremd. Auch wenn das Klavierstück sich PUR nennt.

 

X. Stimmung Collection (2005) 19’
(Collection, Cercle, Stamp, Three Planes)
Mischstimmung, chorisch verändert (schwarze Tasten) allverändert (weiße Tasten), nichtäquidistant, nichtoktavrepetierend

Unter dem Titel Collection ist eine Sammlung von unterschiedlichen Klavierstücken in der X. Stimmung geplant, die sich ständig erweitern und in kleinen Zyklen zusammengefasst werden sollen. Als Mischstimmung ist diese Skordatur besonders gut geeignet, eine vielfältige Sammlung von kleineren oder größeren Solokompositionen für Klavier aufzubauen.

Der erste Zyklus, Collection l, basiert auf der Stimmung mit chorisch veränderten schwarzen Tasten und ein um 11/22/33 Cent vom temperierten System abweichenden Struktur der weißen Tasten. Die Komposition ist in vier Sätze gegliedert und zeigt abstrakte Figuren in oftmals streng konstruktiv gedachten Formen. Durch die »farbige« Skordatur wird ein Sequenzieren eines bestimmten Abschnitts zu einem gänzlich anderen Gebilde, und das Hören einer Wiederholung auf einer anderen Stufe wird als Variation wahrgenommen. Die harmonisch vielfältigen Kombinationen erlauben einfache kompositorische Setzungen, die den Klavierklang durch die Skordatur differenzieren. Ist der erste Satz (Collection) streng homophon und dynamisch, oftmals hart und wie gestanzt zu spielen, bleibt der zweite Satz (Circle) in einem kreisenden Zustand und erreicht gegen Ende im Pianissimo die dunklen Zonen des Bassregisters. Wie ein Stempel (Stamp) funktioniert der dritte Satz: In raschem Tempo werden Sequenzen repetiert und ebenfalls in die tiefen Register des Klaviers geführt, während im vierten und letzten Satz (Three Planes) ein langsames Aufleuchten von unzähligen Mikrointervallen hörbar wird.