Grußwort Barbara Frey

Barbara Frey, artistic director of the Ruhrtriennale 2021-2023, in the Jahrhunderthalle Bochum
Barbara Frey, artistic director of the Ruhrtriennale 2021-2023, in the Jahrhunderthalle Bochum | © Daniel Sadrowski

Liebes Publikum!

Die wenigsten Menschen, die von außerhalb des Ruhrgebiets kommen, würden dieses als »schön« bezeichnen. Schön seien die Schwäbische Alp, das Allgäu und die Lüneburger Heide. Einig scheint man sich aber über den Umstand, dass die Menschen im Ruhrgebiet generell freundlicher und offener seien als anderswo in Deutschland; das habe womöglich – wie auch viele sagen, die selbst aus dem Ruhrgebiet stammen – mit der »Kumpelmentalität« zu tun, die noch auf die Montanindustrie zurückgehe. Im Übrigen fielen an der Ruhr aber doch die ausgedehnten grünen Flächen auf, der weite Himmel und die Auen entlang der Flüsse … Also doch Schönheit? Wo säße denn eigentlich die Instanz, die das Monopol über den Begriff des Schönen – und damit vielleicht gar über das Wahre und Gute hätte?
Kaum jemandem ist es möglich, über eine Region zu urteilen, ohne Legenden und Klischees über sie ins Blickfeld zu rücken, und wir kennen die Tücken, die damit verbunden sind. Wir wissen, dass sich unsere Perspektive erheblich verengen kann, wenn wir alles, was wir über eine Gegend zu wissen glauben, fraglos als Ausgangspunkt unseres Sehens nehmen. Wie also wecken wir die Sehnsucht, die Zuschreibungen abzustreifen, diese Gegend anders zu sehen, neu und gewissermaßen voraussetzungslos?
Die Künste mögen dem Wandel der Zeit genauso unterworfen sein wie alle anderen Disziplinen. Sie können sich irren, sie können fadenscheinig werden, sie müssen sich mühsam mit ständig wechselnden Bedingungen und Beurteilungen anfreunden.
Eines allerdings müssen sie immer tun, wenn sie ihre Kraft entfalten wollen: Sie müssen eine Behauptung aufstellen.
»Böhmen liegt am Meer«, betitelte Ingeborg Bachmann eines ihrer bedeutendsten Gedichte. Sie übernahm die geografisch falsche Behauptung von Shakespeares »Wintermärchen«, um poetisch die Möglichkeiten zu erkunden, wie eine Gesellschaft der Gegensätze zusammenrücken kann, wie sich unterschiedliche Formen der Künste annähern können und eine Perspektive auf einen anderen Zustand der Welt möglich wird. Das hat nichts zu tun mit utopischer Idylle, vielmehr liegt der Verschiebung Böhmens auf der Landkarte eine schmerzliche Erfahrung zugrunde. Alle, die nach Böhmen kommen sollen, müssen wissen:

»… Und irrt euch hundertmal,
wie ich mich irrte und Proben nie bestand,
doch hab ich sie bestanden, ein um das andre Mal.

Wie Böhmen sie bestand und eines schönen Tags
ans Meer begnadigt wurde und jetzt am Wasser liegt …«

Der Gedanke, dass wir in den Künsten an einem Ort zusammenkommen können, den wir gemeinsam erfinden, ist herausfordernd und tröstlich.
Aber er hat nichts mit simpler Idealisierung zu tun. Er fordert von uns, miteinander eine Behauptung aufzustellen, den Blickwinkel zu verändern, unsere Voreingenommenheit abzulegen. Ganz gegen unsere Gewohnheiten und unsere eingeübte Sicht.

Das Ruhrgebiet, in dem vor 20 Jahren die Ruhrtriennale gegründet wurde, weiß um die Notwendigkeit der sich ständig verändernden Perspektiven. Deshalb ist es so inspirierend. Und so unvergleichlich.

Das Ruhrgebiet liegt am Meer!

Wir freuen uns auf Sie.

Ihre Barbara Frey
und das Ruhrtriennale-Team