Zwischentage

Ruhrorter

von Adem Köstereli, Franziska Schneeberger, Jan Godde, Maximilian Brands, Wanja van Suntum
Interviewpartner:innen Jasmin Degeling, Sipan Ali & Azad Helez, Katarína Marková, Achim Sprajc

Die Straßenbahn 302 fährt durch Wattenscheid und Gelsenkirchen-Ückendorf. Dicht gedrängt stehen die Menschen in der Bahn, die eng an den Häusern entlangfährt. Doch was steckt hinter diesen Oberflächen? Welche Folgeerscheinungen des Bergbaus sind hier nicht zu sehen? Die Häuser stehen noch, die Stadtbewohner:innen aber leben auf unsicherem Grund. Die ausgeräumte Unterwelt des Ruhrgebiets bringt langsam zarte Risse zum Vorschein. Nur durch ständig arbeitende Pumpsysteme kann ein Absacken des Ruhrgebiets verhindert werden. Doch Vieles ist bereits versackt. Die Quartiere entlang der Strecke sind von Überalterung und Verfall geprägt. »Wissenschaft, Bildung, Kultur« ist das Motto der Strukturwandel-Förderung, die offenbar soziale Segregation und ungleiche soziale Folgen nicht verhindern konnte. In einem vielstimmigen Hörgespräch sind umfassende Zusammenhänge (un-)sichtbarer Bergbauschäden und post-migrantischer Realitäten im Ruhrgebiet zu hören. Die spezifischen Orte befinden sich hinter den Straßenbahnfenstern der 302.

Eintrittskarten für Ruhrtriennale-Veranstaltungen gelten am Tag der Veranstaltung im gesamten Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) in allen Bussen und Nahverkehrszügen (2. Klasse) für Hin- und Rückfahrt zum bzw. vom Veranstaltungsort.

  • Das wird benötigt

    Kopfhörer, Smartphone

  • Dauer

    70 Min.

  • Barrierefreiheit

    der Route

    Alle Fahrzeuge der Linie 302 sind barrierefrei, ebenso die Auf- und Ausgänge der Stationen »Gelsenkirchen Hauptbahnhof« (Aufzug) und »Bochum Westpark«. Der gewählte Auf- bzw. Abgang an der Jahrhunderthalle ist nicht barrierefrei, kann aber über den direkten stufenlosen Weg erreicht werden.

Tracks

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Orientierung

Das letzte Lied des Kanarienvogels

(an den Ruhrpott, während seiner großen Flucht vor den Kohleminen)

Lina Atfah
Übersetzung: Osman Yousufi

Die Erde ist eine Schlange
die Häuser schwebende Sommersprossen
die Erde häutet sich und geht weiter
bevor sie uns Zeit für einen schnellen Abschied gibt
bevor wir den Ortszyklus verstehen
bevor die alten Bäume, die wir töteten,uns vergeben
und bevor wir einen Garten anlegen,
der das Gedächtnis vor seinem Untergang schützen kann.

Häuser treiben in der Leere auf dem Wasser
die Narben der Erde heilen nicht
die Narben, die wir furchten,
als wir einer Lust auf Zerstörung folgten
als wir das Metall genossen, während es auf die Erde fiel
und als wir tief nach unten gingen
egal wie blau der Himmel ist,
wird er nicht auf ein rußiges Fenster reflektieren
egal wie warm die Erde ist,
wird sie die Rose nicht vor dem Ersticken retten
egal ob aus Beton oder Karton sie sind,
werden die Häuser weder fliegen
noch dem wütenden Erdinneren nie standhalten.

Aus der Unterseite, die wir mal herausforderten
kocht ein alter Zorn von unten herüber
Wir versuchen, Frieden mit dem Ort zu schließen,
aber die Zeit wird weder die Flammen löschen
noch die Kohle in die Tiefe zurückschicken
Die Zeit ist ein schwerer Zeuge der Verluste
wir sind jedoch nicht gut darin aufzugeben.
die Zeche wurde zu einem Museum
die Metalltürme zu einem neuen Gesicht des Ortes
und wir kämpften, damit die Erde nicht zusammenbricht

Aber die Häuser verschwinden
In den tiefen Adern des Drecks liegt der Schreck
Die Zeit geht nicht zurück.
und ändert sich auch nicht,
selbst wenn wir ein neues Gedächtnis für Dinge schaffen
die Erde, die Kohle, den Schmutz und die Menschen

Aber was ist die Schuld der Kinder,
die das Wort »Mine« noch nicht buchstabieren können?
was ist die Schuld derjenigen, die dachten,
dass die Zeche eine Reise unter die Haut der Erde sei?
was ist die Schuld derjenigen,
deren Erbe Häuser war, die vom Abgrund verschluckt werden?

Wir fallen und können nichts tun,
außer das Nichts ein wenig zu verzögern
wir fallen aber können die Bergarbeiter dazu bringen,
nicht mehr zu graben

hier oder da
oder in einer Handvoll Erde, die leidet, während sie in die Tiefe geht

Wir können uns bei den Städten entschuldigen,
die wir auf tödlichen Wetten aufbauten
wir können erzählen
und die Zeche wird zu einem Museum für das, was wir begangen
und unsere Städte werden zu Städten,
die Kriege und fieberhaftes Graben überlebten
Aber irgendwo hören wir die Metallgeräusche
dann schließen wir die Ohren
ohne zu bemerken, dass der Kanarienvogel nicht mehr singt
ohne den Zorn der Erde zu sehen
den Zorn, der sich erweitern
aus einem tiefen Schach in Ferne bis zu sicheren Städten