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© Jörg Brüggemann

Ans Äußerste zu gehen heißt jede Konsequenz zu tragen: Schmerz, Ausgrenzung, aber auch die Chance, ansonsten unzugängliche Sphären zu betreten.

Über das Konzert

Olivier Messiaen Les offrandes oubliées (1930) für Orchester
Galina Ustwolskaja Sinfonie Nr. 1 (1955) für zwei Singstimmen und Orchester
Luigi Nono Composizione per orchestra Nr. 1 (1951)
Galina Ustwolskaja Sinfonie Nr. 3 »Jesus Messias, errette uns!« (1983)
für Männerstimme und Orchester
Franz Liszt Von der Wiege bis zum Grabe (1881/82) Sinfonische Dichtung Nr. 13

Ans Äußerste zu gehen heißt, jede Konsequenz zu tragen: Schmerz, Ausgrenzung, aber auch die Chance, ansonsten unzugängliche Sphären zu betreten. Im Extremfall bedeutet es den Tod – für den tschechischen Widerstandskämpfer Julius Fučík etwa, dem Luigi Nono in Compositione per orchestra No. 1 ein verstecktes Denkmal setzte. Radikal bis zur Selbstaufgabe ist die Musik von Galina Ustwolskaja. Den Vorgaben des Sozialistischen Realismus verweigerte sie sich so konsequent, dass sie in Kauf nahm, nur noch für die Schublade zu komponieren. In ihrer Sinfonie Nr. 1, die um die Ängste und Nöte eines Kindes in der kapitalistischen Großstadt kreist, hatte sie den hoffnungslosen Spagat zwischen Ideologie und Wahrheit noch versucht. In der Sinfonie Nr. 3 sind alle Konformitätsversuche begraben. Die Besetzung ist in extreme Höhen und Tiefen gespreizt. Die Mittellage bleibt stumm. Brachiale Spieltechniken treiben die Musiker:innen an ihre physischen Grenzen. Ihr Schmerz beginnt quasi metaphysisch zu klingen.

Auch bei Olivier Messiaen wird Schmerz zu Klang. In seinen offrandes oubliées erinnert der Wegbereiter der Nachkriegsavantgarde und fanatische Katholik an die sündhaft vergessenen Opfer Christi. Schonungslos schlägt seine musikalische Inkarnation der Sünde in die schwebende sinfonische Meditation eine Schneise der Unruhe und Verstörung. Franz Liszt – einst Salon- und Tastenlöwe, später Priester in Askese – wählt für seine letzte sinfonische Dichtung Von der Wiege bis zum Grabe eine ähnlich kontraststarke Form, bei der sich Leben und Tod frontal gegenüberstehen. Was am Ende wie eine Rückkehr zur Wiege erscheint, erweist sich als abgeklärter Abschied von der traditionellen Harmonik – ein Schwellenübertritt in ein neues Zeitalter der Musikgeschichte, Jahre bevor Schönberg den systematischen Schritt in die Zwölftönigkeit unternimmt.

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