Ich geh unter lauter Schatten, Elisabeth Stöppler. Im Vordergrund: Solistin Kerstin Avemo
Ich geh unter lauter Schatten, Elisabeth Stöppler. Im Vordergrund: Solistin Kerstin Avemo | © Volker Beushausen, Ruhrtriennale 2022

»Ich geh unter lauter Schatten« ist Musiktheater ganz im Geiste der Ruhrtriennale: Konzipiert für die gewaltigen Dimensionen der Bochumer Jahrhunderthalle, löst es klanglich, szenisch und poetisch die Grenzen des Vorstellbaren auf.

Über die Produktion

Was bestimmt das Leben mehr als der Gedanke an dessen Endlichkeit? Der kleine Schritt über die Schwelle am Ende – in Wahrheit eine Ewigkeit. In seinem letzten Werk Quatre chants pour franchir le seuil – Vier Gesänge, die Schwelle zu übertreten schickt der Komponist Gérard Grisey zuerst den Engel über die ominöse Schwelle, dann die Zivilisation, die Stimme und schließlich die Menschheit. Und jedes Mal erscheint die Membran zwischen Leben und Tod durchlässiger. Claude Vivier blickt in seiner letzten Komposition Glaubst du an die Unsterblichkeit der Seele seinem Lebensende ganz direkt ins Angesicht. Er skizziert es exakt so, wie es sich wenig später ereignete – als wäre der Tod bereits ins Leben eingezogen. Bleibt also auch das Leben im Tod präsent?

Vier Frauen folgen in der Musiktheaterkreation Ich geh unter lauter Schatten den Pfaden des Übergangs, stoßen Türen zu verwandten Geistes- und Klangwelten von Giacinto Scelsi und Iannis Xenakis auf und lassen durch ihre transzendenten Übungen eine Ahnung metaphysischen Daseins im irdischen Leben aufscheinen. Griseys Musique liminale (Schwellenmusik) ist dabei selbst eine Art Transzendenzprodukt. Er übertritt die Grenze des Tons und macht aus dessen feinen Mikrotönen sein ganzes Vokabular. Scelsi hatte diese Reise ins ungreifbare Innere des Tons in meditativen Séancen begonnen und damit ein Terrain erschlossen, das sowohl für Grisey als auch für Xenakis wegbereitend war. In ihren Händen wird starre, begrenzende Materie weich und lebendig. Begriffe wie innen und außen oder diesseits und jenseits werden hinfällig. Spätestens Griseys Wiegenlied am Ende räumt ein, dass die drastische Kluft zwischen Leben und Tod vielleicht nur eine menschgemachte Angstchimäre ist, hinter die zu blicken wir verlernt – oder nie gelernt haben.

Quatre chants pour franchir le seuil/ Tempus ex Machina: Casa Ricordi SrL., Milano Vertreten durch G. Ricordi & Co. Bühnen- und Musikverlag GmbH, Berlin

Nuits/ Okanagon: © Éditions Salabert, Paris. Vertreten durch G. Ricordi & Co. Bühnen- und Musikverlag GmbH, Berlin

Glaubst Du an die Unsterblichkeit der Seele: Boosey & Hawkes · Bote & Bock GmbH

Eine Produktion der Ruhrtriennale.

Audioeinführung

Ich geh unter lauter Schatten, Elisabeth Stöppler. Im Vordergrund Caroline Melzer. Im Hintergrund:  Chorwerk Ruhr und des Klangforum Wien.
Ich geh unter lauter Schatten, Elisabeth Stöppler. Im Vordergrund Caroline Melzer. Im Hintergrund: Chorwerk Ruhr und des Klangforum Wien. | © Volker Beushausen, Ruhrtriennale 2022
Ich geh unter lauter Schatten, Elisabeth Stöppler
Ich geh unter lauter Schatten, Elisabeth Stöppler | © Volker Beushausen, Ruhrtriennale 2022
Ich geh unter lauter Schatten, Elisabeth Stöppler. Im Uhrzeigersinn: Kerstin Avemo, Kristina Stanek, Sophia Burgos, Klangforum Wien, musikalische Leitung Peter Rundel.
Ich geh unter lauter Schatten, Elisabeth Stöppler. Im Uhrzeigersinn: Kerstin Avemo, Kristina Stanek, Sophia Burgos, Klangforum Wien, musikalische Leitung Peter Rundel. | © Volker Beushausen, Ruhrtriennale 2022
Ich geh unter lauter Schatten, Elisabeth Stöppler. Im Vordergrund: Kristina Stanek.
Ich geh unter lauter Schatten, Elisabeth Stöppler. Im Vordergrund: Kristina Stanek. | © Volker Beushausen, Ruhrtriennale 2022
Ich geh unter lauter Schatten, Elisabeth Stöppler. Solistin Sophia Burgos
Ich geh unter lauter Schatten, Elisabeth Stöppler. Solistin Sophia Burgos | © Volker Beushausen, Ruhrtriennale 2022

ZEIT FÜR KULTUR – Podcast

Ruhrtriennale 2022 – Behind the Scenes: Ich geh unter lauter Schatten

Gérard Grisey — »Quatre chants pour franchir le seuil«
Aufnahme 2001, Köln, WDR Funkhaus
Catherine Dubosc/ Klangforum Wien/ Sylvain Cambreling

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