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Musik

LaMBcHoP + Timber Timbre

Jo Bongard

Während der Ruhrtriennale-Intendanz von Johan Simons sind unterschiedliche Trilogien in unterschiedlichen Disziplinen entstanden. Ein Fokus, der sich über drei Jahre etabliert hat, ist die Zusammenarbeit mit dem in Berlin beheimateten Label City Slang, das international eine der wichtigsten Plattformen im Indie-Pop darstellt. 2015 feierte City Slang das 25. Jubiläum im Rahmen von Ritournelle mit Caribou, The Notwist und HeCTA. Im Jahr darauf zeigten die Tindersticks ihr unvergessliches „The Waiting Room Film Project“ in der Essener Lichtburg. 2017, im letzten Jahr der Triade, präsentiert die Ruhrtriennale ein Doppelkonzert der zurzeit spannendsten Künstler im Singer/Songwriter-Bereich: Lambchop und Timber Timbre.
Lambchop ist ohne Zweifel eine der wichtigsten amerikanischen Bands der Gegenwart. Das Kollektiv um Kurt Wagner tritt seit 1990 in unterschiedlich großen Formationen (bis zu 15 Musiker) auf und schafft Verbindungen zwischen amerikanischer Folk- und Songwriter-Tradition sowie sachte Annäherungen an zeitgenössische Pop-Musik.

Mit dem Ende 2016 erschienenen Album „Flotus“ ist der Band ein großer Wurf gelungen. F-L-O-T-U-S steht für „First Lady of the United States“, der das Album gewidmet ist. Oder auch „For Love Often Turns Us Still“ – beide Lesarten wollen als Bestandsaufnahme der politischen Gegenwart in den USA gelesen werden.

Diese Haltung findet auch stilistisch Ausdruck: Die Country und Americana-Tradition der Heimatstadt Nashville im Rücken, führt Kurt Wagner elektronische Irritationsmomente in seine Stücke ein, die zwischen Subversion und Transzendenz meandern. Mit Autotune, unverkennbaren Soul- und R&B-Verweisen und einem klaren Bekenntnis zu elektronischer Musik führen Kurt Wagner und seine Mitstreiter das Singer/Songwriter-Genre in neue Höhen und schaffen Assoziationen, wo keiner sie mehr vermutet hatte. Ein erster Anlauf dieser musikalischen Neuerfindung war sein HeCTA-Projekt, das sich in die Geschichte amerikanischer Dance Music einschrieb und das beim ersten Ritournelle auf der Ruhrtriennale 2015 zu sehen und zu hören war. Vielleicht hätte man da schon wissen müssen, dass auch Lambchop sich verändern würden.

Die zweite Band des Abends ist Timber Timbre. Das Trio um Taylor Kirk ist in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten Singer/Songwriter-Exporte Kanadas gewachsen. Kontinuierlich wurde hier an der Neuerfindung des Blues gearbeitet, gepaart mit sachlichen 60s-Folk Einflüssen und sachter Rock’n’Roll-Geste. Das 2017 erscheinende Album „Sincerely, Future Pollution“ markiert nun einen Wendepunkt. Nicht nur, dass bereits im Titel eine politische Dimension anklingt. Mit dunklen Synthesizern und starken rhythmischen Akzenten verweisen Timber Timbre auf Klang-Ästhetiken der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts: Mal klingt die theatrale Künstlichkeit eines Bryan Ferry durch, mal erscheinen Timber Timbre wie eine abstrakte Blues-Version eines französischen Synth-Pop-Schlagers von Air. Unter all dem liegt eine funkelnde, melancholische Schönheit, die „Sincerely, Future Pollution“ zu einem der spannendsten und wichtigsten Alben des Jahres macht.

City Slang hat damit zwei außerordentliche Beiträge zur Pop-Musik der Gegenwart geleistet. Zwei großartige Bands am Wendepunkt ihres Schaffens. Zwei politische Bestandsaufnahmen der nordamerikanischen Gegenwart.

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