© Fatih Kurceren

Geschichten mit Bildern erzählen


Die Fotoserie im Programmbuch der Ruhrtriennale 2020 ist von dem in Istanbul aufgewachsenen und in Oberhausen lebenden Fotografen Fatih Kurceren. Er porträtiert die verschiedenen Lebenswelten im Ruhrgebiet mit Bildern aus seiner Serie Pithead (dt. Zecheneinstieg) (seit 2005). Diese hat Kurceren um aktuelle Bilder ergänzt. Seine Arbeiten sind demnächst im Rahmen der Ausstellung SUBJEKT und OBJEKT. FOTO RHEIN RUHR in der Kunsthalle Düsseldorf zu sehen sein.

Anfang März trafen sich Fatih Kurceren, Stefanie Grebe, Leiterin der Fotografischen Sammlung des Ruhr Museums, und Stefanie Carp, Intendantin der Ruhrtriennale 2018-2020 in Bochum zum Gespräch:

VERENA BIERL Stefanie, das Programmbuch zur Ruhrtriennale 2020 wird mit Bildern des Fotografen Fatih Kurceren illustriert. Was hat Dich dazu bewogen diese künstlerische Arbeit zu zeigen?

STEFANIE CARP Nachdem wir im ersten Jahr meiner Intendanz gar keine Fotos sondern nur farbige Seiten im Programmbuch hatten und im zweiten Jahr eine Bildstrecke mit Bildern von Orten des Umbruchs aus dem Reuters-Bildarchiv abgedruckt haben, habe ich mir für dieses letzte Jahr eine Künstler*in gewünscht, die im Ruhrgebiert fotografiert. Aber jemanden, der einen fremden Blick hat. Mir wurde dann Fatih Kuceren vorgeschlagen. (zu Fatih Kurceren) Was mir an all Deinen Fotos immer auffällt ist, dass sie eine fast theatrale Anmutung haben. Du fotografierst sehr alltägliche Situationen so, dass die Fotografien fast wie situative Gemälde wirken. Ist das Absicht? Die Blicke der Menschen, die Haltungen, aber auch die Ästhetik, was zum Beispiel das Licht angeht, bearbeitest Du sie entsprechend?

FATIH KURCEREN Kaum. Ich habe zum größten Teil analog gearbeitet, mit einer Mittelformat-Kamera, einer Mamiya 67. Es hat sicherlich auch damit zu tun, dass ich vor meinem Fotografie-Studium in Ankara Germanistik studiert habe. Oft denke ich im Hintergrund an eine Geschichte, oder ich habe sie einfach in meinem Kopf. Vielleicht besitze ich für einen Roman oder generell für das Schreiben nicht die erforderliche Disziplin und Ruhe – deshalb fotografiere ich.

STEFANIE CARP Also Geschichten mit Bildern erzählen –

FATIH KURCEREN Ja, eigentlich so wie beim Film, ein zerlegter Film.

VERENA BIERL Wie seid ihr bei der Auswahl der Bilder vorgegangen? Wie kam die Bildwelt zustande, die wir jetzt im Programmbuch haben?

STEFANIE CARP Die Dramaturginnen und ich haben uns bei Fatih im Atelier getroffen und ich war eigentlich von allen Serien begeistert. Es fiel mir schwer zu sagen, das gefällt mir besser als das.

FATIH KURCEREN Nach unserem Treffen habe ich eine Auswahl getroffen, die habe ich eingereicht und dann sind ein paar Bilder rausgeflogen, ich habe neue ausgesucht und auch noch ein paar neue fotografiert.

STEFANIE GREBE Ich finde gut, dass Fatihs Bild-Serie sehr inhomogen ist, dass es keinen Stil „aus einem Guss“ gibt. Es gibt Bilder, bei denen dieser von Ihnen angesprochene Inszenierungsaspekt vorhanden ist: Da ist eine Bühne, da sind Protagonist*innen, das ist richtig mit Licht inszeniert – dabei hast Du das einfach so vorgefunden und fotografiert. Und dann gibt es beiläufige Szenen und auch die leere „Bühne“. Bei manchen Motiven dachte ich auch tatsächlich an Tanz. Wieso denke ich an Tanz? Sehe ich das jetzt nur so, weil ich das Programm der Ruhrtriennale in den Händen halte – was natürlich nahelegt an Tanz zu denken –  oder ist es wirklich das, was das Bild erzählt? Da fängt man an, sich eine Geschichte auszudenken und eine mögliche Fiktion (in einem Tanztheater-Stück) wird ununterscheidbar von der Realität, auf die eine Dokumentarfotografie verweist.

VERENA BIERL Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Bildern und den Produktionen im Programmbuch?

STEFANIE CARP Nein, das wollten wir nicht. Ich habe auch bei den Reuters-Fotos immer erklärt, dass es eine Bildstrecke ist, die für sich steht. Natürlich macht sie Assoziationsfelder zu unseren Produktionen auf. Aber es sind keine Bebilderungen der Produktionen und sie erklären sie auch nicht.

VERENA BIERL Also bleibt es den Betrachtenden selbst überlassen, die Zusammenhänge für sich zu erschließen…

STEFANIE CARP Ja, aber vielleicht bestehen manchmal auch gar keine Zusammenhänge, man muss ja nicht immer überall Zusammenhänge finden. Ich denke, es ist eher ein Gesamtzusammenhang, ein Blick auf die Welt, der neugierig macht auf die Menschen und auf ihre Lebenswelten. Mich interessiert das Gefühl von Verlorenheit und Verlust. Diese Themen verhandle ich auch in meinem Programm wie zum Beispiel in Christoph Marthalers neuer Musiktheaterkreation „Die Verschollenen (für großes Orchester)“, die das Festival eröffnet. Das Gefühl verloren zu sein, drücken viele dieser Fotos ja auch aus.

VERENA BIERL Manche Menschen empfinden die Bilder als schwermütig, können Sie das verstehen? Stellen sie sich diese Frage, wenn Sie fotografieren?

FATIH KURCEREN Ich fühle mich immer wohl, wenn ich mich am Rand der Stadt, am Rand der Gesellschaft bewege. Ich mag keine Oberflächlichkeit, deshalb suche ich, wenn ich arbeite, wenn ich fotografiere, die einfachen Menschen, weil sie für mich die größeren Geschichten erzählen. Sie haben für mich mehr Bedeutung. Da leben Menschen tatsächlich am Rand, man kann jetzt nicht alle direkt als Randgesellschaften bezeichnen, aber zum größten Teil haben diese Menschen keine oder nur eine ungenügende Ausbildung, sie haben keine Arbeit, sie hängen einfach auf der Straße ab – da gibt es eine Perspektivlosigkeit, eine diffuse Zukunft. Das ist das, was ich wahrnehme, wenn ich mich an diesen Orten bewege. Vielleicht hat das mit meinem Hintergrund zu tun, wie ich in Istanbul aufgewachsen bin. Trotzdem zeige ich die Menschen natürlich nicht als Opfer – sie sind vital, lebendig und zum Teil auch sehr romantisch. Sie sind auf ihrer eigenen Bühne und erzählen ihre eigene Geschichte. Sie sind in dem Sinne alle Hauptdarsteller.

Es entsteht immer vorher eine Beziehung zwischen mir und den Menschen die ich fotografiere. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich jemals einfach irgendwo so hingegangen bin, Menschen fotografiert habe und dann weggegangen bin. Entweder habe ich die Leute kennengelernt oder ich habe vor Ort mehrere Stunden verbracht, bis sie mich wahrgenommen und nicht als Bedrohung gesehen haben und dann habe ich mit den Menschen gesprochen. Da sind immer so kleine Freundschaften entstanden. Und deshalb könnte ich nach diesen Begegnungen auch gar nicht die Würde dieser Menschen irgendwie herabsetzen oder beschädigen.

VERENA BIERL Gab es einen Auslöser für die Bildserie Pithead, die die Grundlage für die Bildstrecke im Programmbuch bildet?

FATIH KURCEREN Der Auslöser hat etwas mit meinem Nach-Deutschland-Kommen zu tun. Ich arbeite seit 10-12 Jahren an dieser Serie. Ich wollte den Ort, an dem ich lebe, meinen neuen Lebensraum, auf diese Art entdecken. Es war sehr diffus für mich und hat sehr lange gedauert, bis ich wusste, wo ich hier überhaupt lebe. Was ist die Kultur hier, die Ruhrgebietskultur, die Bergbaugeschichte, diese ganze vielfältige Entstehungsgeschichte mit Arbeitern aus Polen – und dann später in den 60er Jahren aus der Türkei. Auf der Autobahn im Ruhrgebiet wusste ich nicht, ist das Westen oder Osten? Ich wollte mich selbst geografisch einordnen und da habe ich angefangen, zu Fuß durch ganz Oberhausen zu laufen. Ich glaube es gibt keine Straße, keine Straßenecke in Oberhausen, wo ich nicht schon war und das war für mich interessant. In Istanbul, wo ich fast 30 Jahre gelebt habe, habe ich wahrscheinlich nicht mal 2% der Stadt zu Fuß gesehen. Hier habe ich innerhalb kürzester Zeit eine ganze Stadt zu Fuß entdeckt. So habe ich mir ein fotografisches Tagebuch und auch eine visuelle Karte erstellt. Jetzt weiß ich, wenn ich nach rechts gehe und zehn Minuten laufe, dann steht da plötzlich ein Ortsschild „Duisburg“ – so habe ich auch meine Grenzen definiert. So hat es angefangen, so habe ich begonnen, an dieser Serie zu arbeiten. Das war also eigentlich ein persönliches Anliegen, um zu wissen, wo ich lebe, was dieser Ort ist. So langsam habe ich dann Details in dieser Vielfalt gesehen. Ich bin immer mehr in diese Details reingerutscht. Zum Beispiel die Kneipen, die geschlossen wurden. Ganz am Anfang gab es viele Kneipen in Oberhausen, fast an jeder Ecke war eine Kneipe. Das hat sich zwischen 2003 und 2008 rasant geändert. Plötzlich waren 80% der Kneipen geschlossen. Die Eingänge wurden zugemauert und dann sind Familien eingezogen – da saßen dann Menschen drinnen, aus Syrien, aus Afghanistan, Familien mit zehn Kindern. Dieser Übergang einer deutschen Kneipe, wo Bergleute nach der Arbeit Bierchen und Brause getrunken haben und jetzt Familien leben, das fand ich total interessant. Innerhalb von kurzer Zeit hat eine soziokulturelle Veränderung stattgefunden vor meinen Augen, die ich erlebt habe und immer noch erlebe. Eine Stadt, die leerer wird und wo sich die gesellschaftlichen Strukturen sehr rasant ändern. Es gab zum Beispiel ein paar Viertel, in denen eine gehobene türkische Schicht gelebt hat. Die Menschen sind nicht mehr da, sie sind weggegangen. Jetzt leben da osteuropäische Roma. Also es gibt auch innerhalb der Migrantenschichten Veränderungen und das alles zu beobachten und zu untersuchen und festzuhalten, das ist eigentlich der Grund, warum ich da fotografiere und immer noch weiter daran arbeite.

VERENA BIERL Haben Sie ein bestimmtes Vorgehen, wenn Sie auf der Straße fotografieren?

FATIH KURCEREN Nein, eigentlich nicht. Ich muss nur meine Kamera dabeihaben. Ich habe mich letztens wieder so geärgert, weil ich meine Kamera nicht dabeihatte und auf der Straße war so ein großer Einkaufswagen wie im Baumarkt. Da saß eine richtig moppelige Frau drauf und ein Mann hat sie gefahren und die Frau hatte so ein kleines Hündchen auf dem Schoß. Das war eine Szene die hätte ich gern fotografiert. Also ich gehe raus und ich laufe. Manchmal auch mit dem Fahrrad oder mit dem Auto, wenn ich zum Beispiel nach Duisburg fahre. Ich gehe raus und laufe einfach los. Ich mache dann Pause, trinke irgendwo einen Kaffee. Manchmal mache ich nur ein Bild am Tag, manchmal gar keins, manchmal drei oder vier. Und so entsteht seit Jahren meine Serie.

STEFANIE GREBE Man muss wissen, dass die Mamiya, mit der Du arbeitest, eine sehr große Kamera ist. Sie sieht ja fast schon militärisch aus.

STEFANIE CARP Also der Apparat fällt auf!?

FATIH KURCEREN Der fällt auf! Und das ist sehr gut. Das ist mein Vorteil, wenn ich mit meiner Mamiya arbeite. Die meisten Menschen die ich fotografiere, die haben eine solche Kamera noch nie gesehen. Man könnte sagen, ich hypnotisiere die Menschen. Da entsteht Respekt, sie nehmen mich ernst. Sie fragen mich, was ist das? Was machen Sie damit? Ist das Film oder Fotografie? Und daraus entstehen Gespräche, durch dieses Medium Kamera.

VERENA BIERL Stefanie Grebe, wenn man sich die Ruhrgebietsfotografie wie zum Beispiel von Chargesheimer ansieht, wurde damals ganz viel Bergbau, rauchende Schlote und Bergleute fotografiert. Da hat sich ja auch eine Verschiebung vollzogen. Wie schätzen Sie die Fotografien ein, die Fatih Kurceren im Gegensatz dazu macht?

STEFANIE GREBE Zuerst möchte ich gern differenzieren: „Die“ Ruhrgebietsfotografie gibt es nicht. Es gibt viele singuläre Positionen, die zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt unter bestimmten Voraussetzungen etwas Bestimmtes wollen. Chargesheimer steht für  eine historische Position in einer Zeit, in der die Schlote noch rauchten, und Pithead ist eine Gegenwartsposition und zwar eine künstlerisch-dokumentarische, die aus spezifischen Gründen, die Fatih eben selbst erklärt hat, so entstanden ist. Wenn Sie mich nach meiner Meinung zu den Fotografien fragen, dann möchte ich weiter unterscheiden zwischen den Fotografien im Kontext des Programmbuches und den Fotografien als Teil der im eigenen Auftrag entstandenen Serie. Die Fotografien von Fatih stammen aus unterschiedlichen Zeiten und von unterschiedlichen Orten, sie geben ganz einzigartige Begegnungen mit Menschen wieder.

Ich finde das Zusammentreffen von Programmtext und Bildern im Programmbuch wahnsinnig gut gelungen, weil die Stimmung, die von den Bildern ausgeht, eine Melodie schafft, die das ganze Heft durchzieht und zwar so, dass wir wissen, dass wir in der Gegenwart sind, wir sind im heutigen Ruhrgebiet. Vor allem ist es kein Klischeeblick auf das Ruhrgebiet, was ich natürlich sehr schätze, sondern ein sehr differenzierter Blick auf Phänomene des Ruhrgebiets, die zum Teil auch ganz wo anders hätten stattfinden können. Aus diesem Grund hieß die Fotografie-Ausstellung die Ute Eskildsen und Ulrich Borsdorf 1987 kuratiert haben „Endlich so wie überall? Bilder und Texte aus dem Ruhrgebiet“. Endlich so wie überall: Irgendwann ist das Ruhrgebiet dann auch nicht mehr zu unterscheiden von anderen Regionen, es sei denn, man berücksichtigt seine Geschichte und richtet das Augenmerk auf ihre (visuelle) Präsenz in der Gegenwart. Jetzt zieht sich eine verbindende Linie durch das Programmbuch, man sieht, dass es sich um Blicke auf das gegenwärtige Ruhrgebiet handelt.

STEFANIE CARP Und auch das gegenwärtige Deutschland irgendwo.

STEFANIE GREBE Ja, und Deutschland damit auch.

STEFANIE CARP Eine diverse Gesellschafft. Es ist ja häufig ein Blick auf die Menschen oder auf Lebensweisen von Menschen. Auf das, was Menschen sehen, wenn sie über die Straße gehen oder aus der Haustür kommen. Was ja schon speziell ist am heutigen Ruhrgebiet, wenn man mal absieht von den Industriedenkmälern, ist es diese sehr diverse Gesellschaft. Das ist hier schon auffälliger als in Hamburg oder München und das fangen die Fotos unglaublich gut ein.

Das Interview führte Verena Bierl, Pressesprecherin der Ruhrtriennale 2018-2020.

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