Festival der Künste2021

William H. Gass: Der Tunnel

William H. Gass: Der Tunnel | © Michael Wertmüller

Könnt ihr mich hören?

Diiii-digigigigdiiiiii-öililööööööö-Wääää-liuwääääh!Uiuiuiuirääääägh!

Hört ihr mich jetzt?

Woiawoiawia! Wuuuuw——ääääiääiä! Öhöhöhuoahööööö! U! Ääääääääh!

Das bin ich, ich und meine E-Gitarre. Tief drinnen im Tunnel.

Kunst ist durch die Unwahrscheinlichkeit und Kompromisslosigkeit seiner Entstehung definiert – nicht durch die tägliche Routine. Mir kommt es vor, dass ich ewig im Tunnel schon bin. Mit der Arbeit an The Tunnel hat William H. Gass 1965 begonnen, 1995 erschien das in geduldiger und übermütigen Arbeit geschriebene Buch in den USA. Also eine ewige Arbeit, vielleicht ist das Buch deswegen wahnwitzig extrem. Der Erzähler des Romans versucht sich an einer Einleitung zu seiner Studie »Schuld und Unschuld in Hitlerdeutschland« aber er ist blockiert. Er schreibt und schreibt zwar ohne Unterlass, jedoch nicht über sein Thema sondern Hasstriaden gegen seine Frau, seine Familie, seine Kindheit, seine Universität etc. und beginnt gleichzeitig in seinem Keller einen Tunnel zu graben. Das passt.

puff!puff!puff!puff!puff!puff!

Ohne Sinn und Zweck. Wahrscheinlich nur, um seine trüben Gedanken zu verlochen. Er ist aber vor allem eine Metapher für eine Bohrung in der Seele. Hier für die Pandemie.

Dieser Erzähler ist ein brillanter Kopf. Er formuliert die schönsten Sätze und vertritt die dümmsten Ansichten:

»Wann wird die Wut, die ich in mir habe, ihren Ausdruck finden‘ Ha. Werden diese Blätter etwa MEIN KAMPF‘ Ha, ha, in der Tat. Einen Groll hegen! Der Groll, den ich hege, hat mich auf die Knie gezwungen. Ich habe so viel Ressentiment übrig, dass es für eine Flut reicht. Der Hass hat meinem Leben Kraft und Sinn gegeben. Ich habe ihn studiert. Er hat mich studiert.«

Und:

»Eine Nonne und ein Kardinal,

Die trieben´s ganz schlicht, ja normal,

Sein anderer Stab

Brachte sie auf Trab,

Und seine Inbrunst war phänomenal.«

Die Kunst der schmutzigen Rede exekutiert er ausserdem an Gegenständen, bei denen er besonders grelle und verletzende Funken schlagen kann: bei Hitler, den Nazis, dem Dritten Reich und dem Holocaust.

Er unterhält zu seinem Nazi-Thema ein lüstern-fetischistisches Verhältnis, dessen Antrieb aus seinen körperlichen Defiziten (zu korpulent, zu kleiner Schlong etc., fett ist auch der Roman mit seinen 1094 Seiten) kommen. Er gründet eine Partei der Enttäuschten. Als Konsequenz der Selbstbehauptung und Menschenverachtung.

Dieses nihilistische Buch, diese Tiraden von geistreicher Bosheit, moralisch und politisch provokativ bis widerwärtig lässt mich diese komische Zeit positiver betrachten. Es gibt noch dunklere Ansichten und Charaktere als man vielleicht selber in Zeiten in Tunnels ist. Es gibt noch schwärzeres. Den Faschismus des Herzens. Das ist tröstlich. Dieser orgiastische, düstere Sprachrausch Gass´ inspiriert mich.

Hört mal. Jetzt singe ich tief drinnen. Ganz laut. Wagner.

Heiaho! Haha! Haheiaha!
Wallalalala leialalai! Wallalalala leiajahei! 

Heiaho! Heiaho! Heiahohoho! Hahei!
Heiaho, haha, haheiaha!
Hoiho! Hoihohoho!
Lichte! Lichte!
Wallala! Lalaleia! Leialalei!
Weia! Waga!
He da! He da! He do!
Wagalaweia!
Heia! Haha! 

Hojotoho! Hojotoho! Heiaha!
Wallala, weiala weia!
Heiaha! Heiaha! Hojotoho!
He da! He da! He do!
Heiaha weia! 

Wallala! Lalaleia! Leialalei!
Heiaha! Heiaha! Heiohotojo! Hotojoha!
Jaheia! Heiajaheia!
Wallalalalala leiajahei!
He da! He da! He do!
Heiajaheia! Wallalalalala leiajahei!
Hojotoho! Hojotoho!
Heiaha! Heiaha!
Heiahaha!
Hojotoho! Hojotoho!
Heiaha!
Hojotoho! Hojotoho! Heiaha! Heiaha!

Hei!
Heiaha!
Hei!
Heiaha!
Hei! 

Schön. Oder?

M.W. März 2021