Carl Seelig: Wanderungen mit Robert Walser

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© Michael Loeken
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© Michael Loeken

Immer wieder einmal lese ich in Carl Seelig: Wanderungen mit Robert Walser. Mit gefällt das Ritual, sich von Zeit zu Zeit mit einem Freund oder soll ich sagen einem Wesensverwandten zu treffen, um sich über Grundsätzliches zu besprechen, ohne das Alltägliche oder vielleicht sogar das »Banale« aus den Augen zu verlieren. Der Publizist, Verleger und Mäzen hat mit dem Schweizer Schriftsteller Robert Walser von 1937 bis 1955 zahlreiche Wanderungen in der Ostschweiz unternommen. Bis zu seinem Lebensende war Robert Walser zwangsweise in der psychiatrischen Kantons-Anstalt Herisau. Weihnachten 1956 starb er auf einer Wanderung, die er dieses Mal alleine unternommen hatte.

Ich verehre Robert Walser. In den Beschreibungen der Wanderungen wird die Bescheidenheit eines großen, allerdings verstummten Schriftstellers, aber auch subversives Denken, das ihm innewohnte, deutlich. Das Einfache und Alltägliche war für ihn ein Fundus, aus dem sich seine Literatur nährte, er hat es nie aus den Augen verloren. »Die alltäglichen Dinge sind schön und reich genug, um aus ihnen dichterische Funken schlagen zu können.« Und immer hatte er einen Blick für das Schöne, selbst in Situationen, die einen verstummen lassen oder den Tränen nahebringen konnten. Auch in seinen letzten Lebensjahren, die geprägt waren von unendlicher Tragik. Hybris war ihm fremd, Bescheidenheit, Direktheit, Zweifel, Humor und Leidenschaft machen seine Größe aus. Eine Haltung, die er niemals um den Preis des Erfolgs aufgegeben hat. Er ist sich treu geblieben. Deshalb bewundere ich ihn.

In all das vertiefen sich Robert Walser und Carl Seelig auf ihren Wanderungen, manchmal wohlgemut, manchmal mürrisch oder bedrückt, dann wieder unterbrochen durch langes Schweigen. Von Zeit zu Zeit nehme ich das Buch in die Hand und begebe mich mit ihnen auf die Wanderung. Dann bin ich berührt und beeindruckt und auch begeistert oder belustigt. Seine treffenden und charmanten Beschreibungen des Literatur- und Kunstbetriebes.  Sein Schwelgen in der Betrachtung der Landschaft. Seine Kommentare zu den politischen Ereignissen der Zeit. Und nicht zuletzt der ausführlichen Schilderungen der Rast in Gasthöfen mit opulenten Mahlzeiten wegen.

Michael Loeken, 23. Juni 2021
Konzept Naturbüro 1-7 (WEGE)