Mariano Pensotti | © Carlos Furman

Die neue Arbeit Los Años / Die Jahre von Mariano Pensotti hätte ihre Premiere bei der Ruhrtriennale 2020 haben sollen. Nach der Absage des Festivals hat der Künstler die Proben um ein Jahr verschoben. Mariano Pensotti hat 2018 in der Kraftzentrale das umfangreiche und immersive Projekt Diamante mit argentinischen und deutschen Schauspieler:innen entwickelt. Es erzählte von einer Privatstadt, die einer Firma gehört und immer mehr zu einem dystopischen Ort wird.

Mariano Pensotti gehört zu einer Generation, die in den krisengeschüttelten Jahren das argentinische Theater erneuert hat. In sehr fragilen ökonomischen Situationen erfanden sie Theater in privaten Wohnungen, Büroräumen und Bars. Mariano Pensotti entwickelte eine spezielle episch-theatralische und filmische Erzählweise. Er hat viele Jahre als Drehbuchautor gearbeitet und ist ein erstaunlicher Erzähler. In seinen Stücken verwebt er auf mehreren Ebenen meist mehrere fragmentierte Geschichten miteinander, in denen er sehr persönliche Situationen in einen zeitgeschichtlichen Rahmen spannt. Er verwendet sehr unterschiedliche Mittel und immer verschiebt er die aktuelle Handlung durch eine rekonstruierende oder reflektierende Perspektive.

»Zurzeit drehen wir den gefakten Dokumentarfilm über den kleinen Jungen in einem interessanten Stadtteil von Buenos Aires. Wir haben einen tollen Jungen gefunden. Der Film wird das Herzstück der Inszenierung sein. Denn alle Gespräche und szenischen Situationen auf der Bühne beziehen sich immer wieder auf diesen Film.«

In der neuen Arbeit von Mariano Pensotti wird man zwei nebeneinanderliegende und parallel bespielte Räume sehen. In dem einen Raum ist Gegenwart, in dem anderen ist Zukunft, 30 Jahre später, 2051. Ein junger Architekt in der Gegenwart, der in Buenos Aires Gebäude dokumentiert, die Kopien berühmter europäischer Bauten sind, lernt in einem Armutsviertel einen kleinen Jungen kennen, der dort ohne Eltern lebt. Der Junge bittet ihn, sich bei einer Schule als sein Vater auszugeben, damit er aufgenommen wird und eine warme Mahlzeit am Tag bekommen kann. Der junge Mann und das Kind freunden sich an. Der Architekt beschließt, einen Film über das Viertel und das Leben des Jungen zu machen. Eines Tages verliert er ihn aus den Augen. Sein Film ist ein so großer Erfolg, dass er seinen Beruf als Architekt aufgibt und Dokumentarfilmer wird. Im Raum der Zukunft sehen wir gleichzeitig den Mann 30 Jahre später. Er ist nach langem Auslandsaufenthalt nach Buenos Aires zurückgekehrt. Er hatte in seiner Karriere nie wieder so großen Erfolg wie mit seinem ersten Film. Nun möchte er den inzwischen erwachsenen Jungen wiederfinden, angeblich, weil er wissen will, was aus ihm geworden ist, in Wahrheit, weil er hofft, mit einem zweiten Film an seinen früheren Erfolg anzuknüpfen.
Der damalige Dokumentarfilm seiner Jugend war auch ein trauriger Lebenseinschnitt, denn während er ihn drehte, verließ ihn seine Frau mit der gemeinsamen kleinen Tochter. Er hat den Verlust im Rausch des Erfindens und des Erfolgs nicht realisiert. 30 Jahre später versucht er eine neue Beziehung zu seiner Tochter herzustellen. Die Tochter wird immer stärker die Haupterzählerin von Los Años sein.

Den beiden Lebenszeiten entsprechen die Zeiten einer Gesellschaft. Der Enthusiasmus einer gesellschaftlichen Utopie wandelt sich unerfüllt in Zynismus. In Mariano Pensottis Argentinien der Zukunft will eine mehrheitlich gewählte rechte Partei Argentinien wieder zu einer spanischen Kolonie machen. Es ist in dieser fiktiven konservativen Zukunft modern, historisch 200 Jahre zurückzugehen. Laut Mariano Pensotti keine ganz unwahrscheinliche Prognose: »Das Konzept der Zukunft hat sich in meinem Kopf während der Pandemie am stärksten verändert«, sagt er. »Aber ich bin immer noch optimistisch«.

Ich habe eine Obsession, mich mit der Identität meiner Generation zu beschäftigen, mit der komplexen Beziehung zu unseren Eltern Mariano Pensotti

Das Phänomen Zeit war und ist ein zentraler Gegenstand, eine Form und ein Inhalt, in allen Arbeiten von Mariano Pensotti. Vor mehr als 15 Jahren, 2006, zeigte das Kunstenfestivaldesarts in Brüssel in den Vitrinen und auf den Balkonen einer belebten Geschäftsstraße in der Brüsseler Innenstadt Episoden aus dem Leben sehr unterschiedlicher Menschen. Die Dialoge und die Gedanken der jeweiligen Personen waren auf die Hauswände oder das Trottoir projiziert. An einer Kreuzung lag ein Motorradfahrer, der unmittelbar vorher bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Man las seine letzten Gedanken. Diese Arbeit, die 2005 in Buenos Aires entstand, war eine Art künstlerisches Manifest. Man sah Episoden aus verschiedenen Leben zu, die immer auch schon Vergangenheit waren. »Das war etwas, das ich unbedingt machen wollte: Kammerspiele für die Straße. In den Jahren 2001/02 war alles, was auf der Straße passierte, viel interessanter als das, was in den Theatern stattfand. Wir sagten uns: Wenn wir unsere Fiktionen in der Wirklichkeit spielen, dann wird die Realität uns beeinflussen. Wir gehen also raus aus der Black Box. Das Mittel, den Text zu projizieren, das Theatralische also episch zu machen, als ob wir alle zusammen einen Roman lesen, habe ich dann auch in viel theatralischeren Arbeiten weiterentwickelt.«

El pasado es un animal grotesco / Die Vergangenheit ist ein groteskes Tier heißt eine spätere Arbeit, in der vier junge Menschen in einer sich beständig drehenden Bühne mit digitalen Jahreszahlen in 65 Lebensfragmenten durch zehn Jahre Zeitgeschichte der Nullerjahre sausen. Alle dieser Generationen zwischen 25 und 35 müssen mit jähen Veränderungen ihrer Lebensentwürfe klarkommen. Es sind kleine persönliche Episoden im Rahmen des größeren Narrativs der argentinischen Wirtschaftskrisen. »Ich interessiere mich für das Vergehen von Zeit und wie ich das Theater als Medium benutzen kann, sodass das Publikum die Erfahrung des Zeitvergehens macht. Die Differenz zwischen Erwartung an uns im Leben und unserer wahren Existenz ist für mich eine Quelle der Fiktion. Und ich habe eine Obsession, mich mit der Identität meiner Generation zu beschäftigen, mit der komplexen Beziehung zu unseren Eltern. Unsere Eltern waren Linke, die gegen die Militärdiktatur gekämpft haben. Wir sind im Schatten ihres Heldentums aufgewachsen. Wir kämpfen nicht. Während der 90er und schon früher waren wir konstant mit unserem ökonomischen Überleben beschäftigt. Nach der Krise haben wir angefangen, über Politik nachzudenken. Näher sind wir dem Revolutionären nicht gekommen.«

Biografisches und Autobiografisches seiner Generation steuern viele Geschichten, die Mariano Pensotti auf der Bühne nie linear erzählt, sondern montiert. Leben und Kunst finden unter prekären Bedingungen statt. Das ist die Ausgangslage und sie führt zu vielen sarkastisch­ komischen Selbstverleugnungen, weil man sich einen besseren Selbstentwurf nicht leisten kann.
Die Off-Szene von Buenos Aires ist wahrscheinlich eine der kreativsten und vielgestaltigsten Theaterszenen der Welt. Alle diese Künstler:innen arbeiten in gefährdeten und zerbrechlichen Umständen. Sie probieren ihre Kreationen über lange Zeiträume, weil sie sich und ihre Kunst mit anderen Berufen oder Tätigkeiten finanzieren.

In Cuando vuelva a casa voy a ser otro / Wenn ich zurückkomme, bin ich ein anderer (2015) ist die Bühne ein Lauf­band, auf dem zunächst ein einsames Stativ mit einer Kamera vorbeifährt vor dem Panorama aus Akropolis, Schneebergen und Pyramiden. Es folgen in rasantem Tempo angeschnittene Szenen mehrerer verflochtener Erzählungen, die um zeitgenössische Identität kreisen und um das Selbstbild seiner Generation, der Kinder der Widerstandskämpfer. Der Vater des Protagonisten Emanuel hat während der Diktatur Briefe und Fotos, die ihn hätten kompromittieren können, in seinem Garten vergraben und findet sie nach der Diktatur nicht wieder. Viele Jahre später bringt ihm der neue Besitzer seines Hauses, der einen Swimmingpool ausgehoben hat, seine Plastiksäcke. Bei den Gegenständen befindet sich eine alte Musikkassette, an die er sich nicht erinnert, mit der Aufnahme eines Liedes, gesungen von jemandem der nicht er ist. Sein Sohn, der Autor und Regisseur ist, probt das Remake seines Stückes Der Fluss, das die Zeit der Diktatur und die revolutionäre Rebellion thematisiert und vor Jahren sehr erfolgreich war. Er erfährt, dass ein anderer unter seinem Namen sein Stück inszeniert hat, und es auf Festivals in Südamerika zeigt. Er beschließt, den Doppelgänger zu finden. Um Geld zu verdienen, arbeitet er nebenbei für Wahlkampagnen. Der Mann, der sein Stück gestohlen hat, heißt Damian und ist ein Wahlkandidat, der verliert. Damian glaubt, dass man nur eine überzeugende Identität hat, wenn man eine andere nachspielt. Als der Doppelgänger bei einem Theaterfestival in Paraguay feststellt, dass der wirkliche Emanuel genauso ein Loser ist wie er selber, verfällt er in eine Depression und taucht im Karneval unter. Inzwischen hat eine junge Sängerin das Lied von der Kassette im Radio gehört, weil Emanuel es für Wahlwerbung verhökert hat. Sie erkennt die Stimme ihres Vaters, der während der Diktatur ermordet wurde. Sie macht mit dem Lied ein neues Programm für ihre Band und hat zum ersten Mal Erfolg. Emanuel inszeniert sein Stück und Damian schließt sich einer Transvestitenband an, die die Beatles imitieren. All das wird, wie in El pasado es un animal grotesco von nur vier Performer:innen und in rasenden Szenen­ und Rollenwechseln gespielt.
»Ein Teil dieser Geschichte ist tatsächlich meinem Vater passiert. Er hat im Garten meines Großvaters die Dinge vergraben, die ihn hätten belasten können. Er dachte, die Diktatur würde nicht lange dauern. In meiner Kindheit hörte ich ihn viel über die Objekte sprechen, die sich in seiner Vorstellung veränderten, immer mehr wurden.«

Mariano Pensotti hat in Buenos Aires, in Spanien und Italien Bildende Kunst und Film studiert. Dann begann er Anfang 2000, seine speziellen Theaterstücke zu realisieren, in kleinen Räumen, in Mietshäusern, auf Balkonen. In Argentinien war in den Neunzigern und danach jene eigene Form kleinformatiger Kammerspiele entstanden. Mariano Pensotti brachte das Erzählen von mit Zeitgeschichte auf­geladenen persönlichen Episoden mit unterschiedlichen filmischen und visuellen Mitteln zusammen.

Nach der großen politischen und wirtschaftlichen Krise 2005 gründete er die Grupo Marea, gemeinsam mit der Ausstattungskünstlerin Mariana Tirantte, dem Musiker Diego Vainer, dem Lichtdesigner Alejandro Le Roux und der Produzentin Florencia Wasser. Die filmischen Mittel im Umgang mit Zeit und das epische Erzählen mittels Overvoice-Stimme durch eine:n Performer:in oder Schrift wurde zu einem Markenzeichen seiner Dramaturgie.

Für Cineastas (2013) interviewte er 20 Filmemacher:innen in Buenos Aires. Ihn interessierte, wie und ob das Leben die Filme beeinflusst und ob Film oder Theater umgekehrt die Realität beeinflussen können. In zwei übereinander­ stehenden Räumen werden acht Geschichten gleichzeitig erzählt, die persönlichen Leben von vier Filmemacher:innen und Teile aus den Filmen, an denen sie grade arbeiten, miteinander verschnitten. Die unausgesprochene Frage ist: Beeinflusst die Fiktion das Leben oder das Leben die Fiktion und kann die Kunst eine Form des Widerstands sein?

Arde brillante en los bosques de la noche (2017) erzählt von drei Frauen mit diffusen Verbindungen zur Russischen Revolution 1917: eine Professorin, die über die Geschichte der Russischen Revolution forscht und bei einem Vortrag feststellt, dass ihr heutiges Leben wenig mit revolutionären Gedanken zu tun hat, eine europäische Aktivistin, die mit den Guerillas in Kolumbien gearbeitet hat und jetzt von ihrer Familie genötigt wird, ihre Erfahrungen in einem Workshop für Apple CEOs einzubringen, eine TV-Journalistin, die in der Provinz Misiones recherchiert und auf junge russische Migranten trifft, die sich als Stripper verkaufen. Mariano Pensotti erzählt hier in unterschiedlichen Darstellungsmitteln: Die Lehrerin, ihre Kollegen, ihr Mann werden von Puppen gespielt, die in einem Theater die zweite Episode der europäischen Aktivistin und ihrer Familie sehen, an deren Ende die Familie ins Kino geht und den Film über die in Misiones recherchierenden TV-Journalistin sehen.

Das Rekonstruieren und Wiedererzählen einer Geschichte aus der Distanz und die Perspektiven anderer ist ein Movens in der Erzählhaltung dieses Künstlers, der immer unterschiedliche Blickpunkte und immer die zweite Er­zählstimme schafft.

In dem großen Projekt Diamante, das er für die Ruhr­triennale 2018 in der Kraftzentrale kreierte, gingen die Zuschauer:innen in der Geschichte vom Rise and Fall einer Privatstadt herum und konnten die Gedanken der Menschen, das, was gerade nicht gesagt wurde, über den Häusern oder Fenstern lesen.

Ganz dem Blick der Zuschauer hat er ein nächstes Projekt (2020) gewidmet. Es ist ein Film, der El Público heißt. Man sieht einen vollen Theatersaal im Moment des Applauses, dann sieht man ein Publikum den Saal verlassen, auf die Straße treten. Nun folgt der Film verschiedenen Menschen, die am selben Abend oder am nächsten Tag in unterschiedlichen Situationen, bei der Arbeit oder privat, von dem Theaterabend erzählen, sodass am Schluss des Films sich die Geschichte, die auf der Bühne gespielt wurde, zusammengesetzt hat.
Gleichzeitig entsteht über das Kaleidoskop der Menschen und Situationen ein Porträt der Stadt Buenos Aires. Mariano Pensotti hat einen entsprechenden Film in Athen gedreht und vor kurzem auch in Brüssel. Die Filme aus Buenos Aires und Athen hätten neben Los Años bei der letzten Ruhrtriennale gezeigt werden sollen, was durch die alternativlose Absage leider nicht stattfinden durfte. Die Filme entstanden, als es Corona noch nicht gab. Jetzt erscheinen die Aufhebung des unmittelbaren gemeinsamen Erlebens und die Rezeption durch die nachträgliche Erzählung Einzelner wie eine Antwort auf ein Jahr Pandemie.

Vor zwei Jahren hat Mariano Pensotti einen Ausflug ins Musiktheater gemacht und an der Opéra national du Rhin in Straßburg die in Europa recht unbekannte Oper Beatrix Cenci des zeitgenössischen argentinischen Komponisten Alberto Ginastera inszeniert. Wie hat der Geschichtenerzähler das Musiktheater empfunden? »Ich bin, wenn ich Theater mache, gewohnt, dass ich die Geschichten schreibe. Es ist immer eine Mischung aus Schreiben und Inszenieren. Ich befürchtete, dass mir das fehlen wird. Dann hat es mir aber gefallen, dass ich mich mehr auf Visuelles konzentrieren konnte, statt mir Sorgen um die Geschichte jeder Figur zu machen. Ich konnte ganz andere Aspekte entdecken.«

Wenn die Pandemie es erlaubt, wie er sehr hofft, wird er im Frühsommer im gleichen Opernhaus wieder eine Tragödie von Macht und weiblicher Biografie inszenieren; dieses Mal eine klassische: Puccinis Madame Butterfly.

In Los Años werden die beiden Lebenszeiten eines Mannes mit der distanzierenden Perspektive und der Stimme seiner Tochter erzählt. Es scheint, dass weibliche Perspektiven in den letzten Jahren stärker in den Fokus von Pensottis Arbeiten rücken. »Tatsächlich ist der Feminismus zurzeit die interessanteste und stärkste Protestbewegung in Argentinien. Los Años basiert auf dem Verhältnis zwischen Vergangenheit und Zukunft. Das hat mich immer interessiert. Früher hat mich beschäftigt, welche Rolle im Leben ich im Verhältnis zu den Eltern spielen könnte. Inzwischen bin ich Vater von zwei Töchtern und es beschäftigt mich: Was ist meine Mission als ein Vater?«


STEFANIE CARP, Dramaturgin und Kuratorin, verantwortete von 2018–2020 das Programm der Ruhrtriennale. Die Ausgabe 2020 konnte nicht stattfinden: Die Coronapandemie war ausgebrochen. Vier der von ihr und ihrem künstlerischen Team programmierten Produktionen werden nun in diesem Jahr zu sehen sein, so auch die Uraufführung von Mariano Pensottis Los Años / Die Jahre – eine Koproduktion mit den Münchner Kammerspielen.