Der Foto­ und Videokünstler Tobias Zielony, 1973 in Wupper­tal geboren und aufgewachsen, folgt in seiner Fotostrecke Geister im Festivalkatalog Spuren seines Großvaters, eines Bergarbeiters, der sein Leben in Gelsenkirchen verbracht hat. Kurz nach Zielonys Geburt verstarb er. Im Auftrag der Ruhrtriennale 2021 suchte der Fotograf nun die Orte der Familienerzählung auf.
Zwei Wochen nach den Aufnahmen spazierte Tobias Zielony entlang der gleichen Wege mit der 20 Jahre später ebendort geborenen Autorin Enis Maci. Ihre Geschichten überlagerten sich mit den seinen. Entstanden ist daraus der Text In der Gegend.

Enis Maci | © Max Zerrahn

Wir treffen uns im Café del Sol, einem dieser Orte, die Halt geben. Das Fertighaus als Neandertalerhöhle. Kolo­nialstil in BRD­-Ambiente. Ein Versprechen, vergleichbar mit dem der Karstadt-­Umkleidekabinen, der DB­-Lounges und der Neckermann­ Reisebüros, vergleichbar also mit raumgewordenen Artefakten – oder, vielleicht richtiger: artefaktgewordenen Räumen – einer soeben vergangenen Gegenwart.

Einmal sah ich in Leipzig einen alten Herrn aus dem in Sandstein gezwängten Karstadt in die Dämmerung treten, so wie er schon an derselben Stelle aus einer sozialisti­schen Kaufhalle herausgetreten war, und vorher noch – als Kind vielleicht – aus dem Warenhaus Althoff. Nicht der Karstadt, um dessen Erhalt neben den Mitarbeiter:innen bloß ein paar nostalgische Zugezogene kämpften, war das Artefakt, der Alte war es. Er hatte alles gesehen.

Das Café del Sol aber ist noch da. Seine Artefaktwerdung – und die unsrige – steht noch bevor. Das alles fällt mir ein, als ich Tobias auf der Terrasse treffe. Orangensaft, Cappuccino­ Art aus Kakaopulver, der regenbogenfarben geblichene Zopf der Kellnerin.

Das alles könnte erzählenswert sein, weil ja auch diese Stadt als Artefakt am leichtesten zu lesen ist.

Zwischen den Lockdowns ein Kneipenbesuch im Keller eines Berliner Einkaufszentrums. Die Wirtin zückt ihr Telefon und bittet mich, eine bestimmte Straße in Schalke zu bewerten. Gute oder schlechte Gegend? Es stellt sich heraus, dass ihr neuer Freund – Fernfahrer, Fernbeziehung, unter so romantischen Bedingungen geschlossen, dass eine Nacherzählung niemals Gerechtigkeit täte –, es stellt sich heraus, dass ihr neuer Freund, den sie bald be­suchen wird, in eben jener Straße wohnt. Mir scheint sie absolut in Ordnung.

»I cut the bread for them and they run« singt Sibylle Baier in Alice in den Städten, und: »Love them if ever they come, wherever they’re gone«. In Wuppertal wohnt Alices Großmutter nicht, und auch nicht im Ruhrgebiet. In einer alten WDR­-Doku die beiden Gastarbeiterväter jener Karnaper Jugendlichen, die zur Thrash­ Metal­ Band Kreator gehören. Der eine sagt, sie müssten es doch wenigstens einmal versuchen, mit der Musik. Der andere will, dass sein Sohn einer sicheren Arbeit nachgeht, und zwar so­ fort. Die beiden Väter, wie sie auf den krummen Gehweg­ platten zwischen zwei Rasenstücken stehen. Ein Sohn wird aussteigen, bevor die Band zu Weltruhm kommt, der andere wird dabeibleiben. Im Proberaum neben dem ihren übt ein junger Mann Flamenco ­Gitarre. Er respektiert sei­ne Nachbarn, weil auch ihre Musik eine komplizierte ist. Als die Zeche Carl aufgegeben wurde, waren die Väter noch Kinder. Die Entzauberung Amerikas, lese ich in einer Filmkritik zu Alice; hoch oben die Bahnen, in Queens, in Wuppertal, zwischen den Stahlwerken, denke ich.

Gegenüber jener Stelle, an der der Elefant Tuffi in die Wupper stürzte, steht Friedrich Engels, 3,85 Meter groß, mit chinesischen Zügen und bronzenem Mao­-Kragen, von Touristen umringt, auf halber Strecke zwischen Paris und Berlin. Artefakt. Vor der Bundeszentrale der Marxistisch­ Leninistischen Partei Deutschlands, in Horst, auf einem öffentlich erscheinenden, in Wahrheit aber unter Privat­besitz stehenden Stück Bürgersteig, wie wir es sonst bloß aus London, New York oder Dubai kennen, wurde eine Statue Lenins aufgestellt, 2,15 Meter groß und silbrig glänzend wie ein Power Ranger.

Tobias und ich laufen nach Ückendorf. In einem Schau­fenster beobachten wir einen Riesenpudel. Wie die Hunde­friseurin sein Kinn zwischen ihre Fingerspitzen nimmt und ihm ernst in die Augen schaut. Am Gebrauchtwagenhandel keine Spur mehr von diesen holografischen, blau und weiß und knallrosa funkelnden Wimpeln, die an einem Band über dem Zaun flattern müssten.

Wie umgehen also mit einem Leben in umgestürzten Ku­lissen?

Tobias Zielony | © Gene Glover

Was Tobias macht: sich reinstellen in den Spalt zwischen Dings und Ding.

Teenager, im künstlichen Licht, um ein Auto herumste­hend. Nach der Hochzeit riet uns der Parkplatzwächter, den Champagner – drinking in public forbidden – besser zu verstecken, Flasche rumreichen im Honda Accord, Schlager, gute Laune, Hotboxing – unvorstellbar gerade –, welcome to our love, möglichste aller Welten.

Wie umgehen also mit den Ruinen, wenn jedes Sprechen, das von ihnen handelt, längst produktiv gemacht, Ware geworden ist? Wenn die Worte, die ich habe, geschliffen sind an gerade dieser Rede von erschöpften Flözen, Peri­pherie, Wiedergeburt?

Und dann, an der Bochumer Straße, die seit 15 Jahren geschlossene Spielhalle, verblichene Originaleinrichtung, natürlich könnte man hier einen Film drehen, aber was brächte das? Der schale Atem der Spielenden scheint noch immer im Raum zu hängen. Nur wenige Minuten am Tag lässt das Sonnenlicht die Stäubchen auf dem Tep­pichboden leuchten; nur wenige Minuten am Tag dringt es durch den unbebauten Weg zwischen dem gläsernen Gebäude des Wissenschaftsparks auf der einen und dem Amtsgericht auf der anderen Seite.

Ein Freund erzählt mir später, er habe kürzlich erst den lang ersehnten Scheidungstermin seiner Eltern auf der Holly­woodschaukel im Café del Sol abgewartet. Während er die Werbung für den wöchentlich angebotenen Schnitzelurlaub studierte, gerann die Cappuccino ­Art in seiner Tasse zu Brei. Irgendwann rief er seine Mutter an – wie lang kann eine Scheidung unter Besitzlosen schon dauern? Die hatte sich in der Zwischenzeit mit dem Rechtsbeistand der Gegenseite angefreundet und rauchte mit ihm eine Zi­garette im Lichtkorridor zwischen Gericht und Park. In der Spielhalle glühten die Partikel. Ende einer Ehe mit einem, den selbst der eigene Anwalt nicht ertragen kann.

Was Tobias macht: sich reinstellen in den Spalt zwischen Dings und Ding. Enis Maci

Schon wieder Frühling in den Städten: Die Vögel kehren aus dem Süden zurück, die Trinker sitzen wieder an ihren Plätzen.

Erstes Mal kiffen, im Regen, unter den Pappeln am Ende des Parks. Erstes Mal die Polizei belügen, auf dem Erdgeschossbalkon  in  der  Ottilienstraße.  Allererste  Erin­nerung, am Spielplatz dort, meine Kinderfinger, die sich der Brennnessel nähern. Vergebliche Versuche, mich aufzuhalten. Allererster klarer Gedanke meines Lebens: »Warum nicht?« Dann: Geheul.

Ich hab nie irgendwelche Tricks gekonnt. Auf dem Skate­board nicht und nirgends. Ich hab immer zu den Zaun­gästen gehört, den Mädchen, die aus dem Fenster gucken, den immer bisschen Verwirrten, deren Zugangsberechtigung jederzeit entzogen werden kann.

Am Flöz Sonnenschein biegen wir ab. Stiefmütterchen­ rabatte, »Wachsamer Nachbar«, »Warnung vor dem Hunde«. Wilde Gärten, kleine Doppelhaushälften, der hellgelbe Anstrich blättert. Eine Frau krault einem Kätz­ chen den Nacken und schaut ins Nichts. Dummköpfe würden diese Siedlung heruntergekommen nennen. Die Mieter ertrugen Zwangsräumungen und zugemauerte Ein­ gänge und gewannen 1979 den Kampf gegen den Abriss ihrer Häuser. Meiner Mutter erschienen sie im Jahr 1992 so perfekt, dass sie sich ihr Leben dort ausmalte. Heute steht die Siedlung unter Denkmalschutz.

Wo jetzt ein unerklärliches, wie falsch verschifftes Neu­ baugebiet und ein Skatepark sind, wo das Geröll noch da, aber schon von wilder Möhre, Hornklee und Braunelle überwachsen ist, war einmal der Kohlebunker von hohen Absperrungen umschlossen. Als Jugendliche brachen wir gemeinsam mit einem Sozialarbeiter ein. Er hatte zu diesem Zweck einen Bauhelm mitgebracht. Einmal auf­ gesetzt, verlieh er ihm magische Autorität, und niemand hielt ihn davon ab, Zäune anzuheben, Maschen aufzu­ schneiden und uns ins Innere der Ruine einzulassen. Wir stiegen über Glühbirnen, Dosen und Maschinenteile und schrieben unsere Namen auf die Höhlenwände. Als Echo kamen sie zu uns zurück.