Festival der Künste2021

Elsa Dorlin: Selbstverteidigung, Eine Philosophie der Gewalt

Elsa Dorlin: Selbstverteidigung, Eine Philosophie der Gewalt | © Gisèle Vienne

2019 las ich das Buch Selbstverteidigung, Eine Philosophie der Gewalt von Elsa Dorlin, einer der spannendsten, französischen Philosophinnen unserer Zeit. Ich denke fast jeden Tag an ihre Arbeit, und habe gerade eines ihrer weiteren Bücher fertig gelesen, L’évidence de l’égalité des sexes. Une philosophie oubliée du XVIIème siècle. Das Werk liegt noch vor mir, auf meinen Tisch.

Ihre Arbeit erlaubt mir, den kulturellen Aufbau unserer Wahrnehmung als Wahrnehmungssystem genauer zu verstehen. Eine Hypothese, eine geteilte Pseudo-Realität, die man anders erfinden kann. Sie analysiert gleichzeitig den Aufbau der Machtsysteme, und erzählt eine andere Geschichte. Es ist auch eine Philosophie der körperlichen Wahrnehmung, und eine der physischen Erfahrung der Welt, die in ihrer Theorie wurzelt. Der Körper, Kampffeld der Macht, ist auch Ort des Widerstands und der Neuerfindung unserer Wahrnehmungsmöglichkeiten.

Ich würde gerne folgende Auszüge aus ihrem Buch herausnehmen, mit denen ich tatsächlich fast jeden Tag gedanklich beschäftigt bin:

Elsa Dorlin, SE DEFENDRE, UNE PHILOSOPHIE DE LA VIOLENCE (ed. La Découverte)

Elsa Dorlin, Selbstverteidigung, eine Philosophie der Gewalt (Deutsche Übersetzung erschienen bei Suhrkamp)

Extrait p.10: »La scène de lynchage de Rodney King peut être décrite seconde par seconde grâce à la vidéo amateur enregistrée par un témoin, George Holliday, qui ce soir-là, depuis l’appartement qu’il occupe et qui donne sur l’autoroute, a capturé ce qui s’apparente à une archive du temps présent de la domination.«
(…)

Auszug S. 10: »Die Lynchszene von Rodney King kann dank eines Amateurvideos Sekunde für Sekunde beschrieben werden. Es wurde von einem Zeugen aufgenommen, George Holliday, der an diesem Abend von seiner Wohnung aus, von der man auf die Autobahn sehen kann, etwas eingefangen hat, was einem Archiv heutiger Herrschaft ähnelt.«

p.11: »Ce même film qui avait été vu publiquement comme l’évidence même de la brutalité policière a été exploité par eux pour suggérer au contraire que les policiers étaient ›menacés‹ par Rodney King. Dans la salle d’audience, la vidéo, visionnée par les jurés et commentée par les avocats des forces de l’ordre, est regardée comme une scène de légitime défense témoignant de la ›vulnérabilité‹ des policiers. Comment comprendre un tel écart interprétatif? Comment les mêmes images peuvent-elles donner lieu à deux versions, deux victimes radicalement différentes selon que l’on soit juré blanc dans une salle d’audience ou un spectateur ordinaire?«
(…)

S. 11: »Derselbe Film, der in der Öffentlichkeit als Beleg für die Brutalität der Polizei angesehen wurde, wurde von ihnen ausgeschlachtet, um im Gegenteil zu suggerieren, dass die Polizisten von Rodney King ›bedroht‹ wurden. Im Gerichtssaal wird das von den Geschworenen angesehene und von den Anwälten der Ordnungskräfte kommentierte Video als Notwehr-Szene betrachtet, die von der ›Verwundbarkeit‹ der Polizisten zeugt. Wie können dieselben Bilder Anlass für zwei grundverschiedene Versionen und Opfer sein, je nachdem, ob man ein weißer Geschworener in einem Gerichtssaal oder ein gewöhnlicher Zuschauer ist?«

p.12: Elsa Dorlin cite Judith Butler Endangered/ Endangering: Schematic Racism and White Racism, 1993, texte écrit au sujet de Rodney King: »Comment rendre compte de ce renversement du geste et de l’intention en termes de schématisation raciale du champs du visible? (…) La possibilité d’un tel renversement ne pose-t-elle pas la question de savoir si ce qui est ›vu‹ n’est pas toujours déjà en partie relatif à ce qu’une certaine épistémè raciste  produit comme visible?« Elsa Dorlin ajoute ensuite: »C’est donc ce processus qu’il faut interroger, celui par lequel des perceptions sont socialement construites, produites par un corpus qui continue de contraindre tout acte de connaissance possible.«

S.12: Elsa Dorlin zitiert Judith Butler Endangered/ Endangering: schematischer Rassismus und weißer Rassismus, 1993, Text geschrieben über Rodney King: »Wie kann man über diese Umkehrung von Geste und Absicht in den Begriffen der rassialen Schematisierung des Feldes der Sichtbarkeit  Klarheit gewinnen? (...) Wirft die Möglichkeit einer solchen Verkehrung nicht die Frage auf, ob das, was ›gesehen‹ wird, nicht schon immer zum Teil eine Frage dessen ist was eine bestimmte rassistische Episteme als sichtbar produziert?« Elsa Dorlin fügt dann hinzu: »Somit muss man nach diesem Prozess fragen, nach dem, wodurch die Wahrnehmungen sozial erzeugt werden, produziert von einem Korpus, das jeden möglichen Erkenntnisakt weiterhin beherrscht.«

Copyrights zu: © Editions La Découverte, Paris, 2017.
Aus dem Französischen übersetzt von Andrea Hemminger © Suhrkamp Verlag Berlin 2020

Gisèle Vienne, Cassis, 8. Februar 2021