© Apollonia Theresa Bitzan

Warum ausgerechnet Tod?

Im Grunde beschäftigt man sich in jeder Bühnenarbeit mit dem Tod, nähert sich dem Tod sogar an. Wenn man das überspitzt formuliert, sieht das Publikum Menschen zu, die zwar leben, sich aber durch die verstreichende Zeit dem Tod sukzessive annähern. Auch das Publikum ist dem Tod um exakt die Stückdauer näher gerückt. Ich hatte selber vor einigen Jahren eine Art Nahtoderfahrung auf der Bühne, aber das war nicht der ausschlaggebende Grund, mich dem Thema so explizit zu widmen. Auch nicht die Pandemie, die ja den Tod den Leuten nochmal präsenter gemacht hat, der Tod herrscht jetzt nicht mehr in fern liegenden Krisengebieten, oder dem individuellen Drama, sondern der Tod kommt jetzt in Massen direkt aus dem Krankenhaus ums Eck. Der Tod ist jetzt das, was es auf alle Fälle zu vermeiden gilt.
Ich hatte immer eine Faszination für das »Problem« der Repräsentation von Tod im Tanz. Der Tanz kann viele Repräsentationsprobleme haben (deswegen wird Tanz ja nach wie vor nicht so ernst genommen als Kunstform), aber das des Todes ist doch sehr einschneidend. Gleichzeitig beschäftigt sich aber keine Kunstform so eindringlich mit der Transzendenz des physischen Körpers wie der Tanz, oder nähert sich dieser an – so habe ich Tanz jedenfalls immer für mich selbst verstanden. Als physische Praxis, die versucht die Grenze zwischen menschlich und übermenschlich (more than human) zu verschieben.
Im Grunde wollte ich existentielle Fragen, die ich mir schon immer gestellt habe, künstlerisch nochmal unter die Lupe nehmen und versuchen sie, durch das physische Experiment zu beantworten: Wie tanzt der Tod? Wie tanzen Tote? Wie kann ich mit dem Tod tanzen und was genau ist die Präsenz des Todes? Und wie kann ich in der ständigen Präsenz von Tod überhaupt leben? Der Totentanz ist natürlich das Leben an sich. Es sind also Lebe- und dadurch auch Sterbeübungen, die wir auf der Bühne exerzieren.

Kannst Du mehr von Deinem Nahtoderlebnis erzählen?

Es war ein Erlebnis, das mich mit meiner eigenen Endlichkeit und auch Verletzbarkeit konfrontiert hat. Für mich war davor die Bühne ein Bereich, in dem es darum ging, die Kontrolle zu verlieren. Das hat sich danach sehr verändert, ich bin eher zur Kontrollfetischistin geworden und hab dann plötzlich festgestellt, dass im kontrollierten Setting fast mehr Raum für Freiheit sein kann – das hätte ich davor definitiv angezweifelt und sehe es noch immer sehr zwiegespalten. Meine ersten Shows waren nur für diesen einen Moment, es gab keine Wiederholbarkeit und die hat auch niemand verlangt. Sie hatten mehr dieses: Doing it as if it was the only and last time – natürlich hochromantisch, aber ich dachte echt nicht, dass da wahnsinnig viel Zukunft in dem lag, was ich gemacht habe, und wollte das eigentlich auch nicht.
Später wollte ich meine Miete zahlen und andere Leute involvieren und auch bezahlen. Mit den Ressourcen anderer kann man aber nicht mehr so verschwenderisch sein und plötzlich muss das, was man macht, auch länger haltbar sein und das Wort »Sustainability« kommt auf – was aber nicht dazu verführen darf konforme Arbeit zu machen oder sich von Verantwortung und Verantwortlichkeit übermannen zu lassen. Es braucht eine dicke Haut fürs echte Experiment – denn es ist schon so, dass ich Möglichkeiten habe, die viele andere nicht bekommen und die muss man schon irgendwie nutzen, finde ich. Zum Glück habe ich mich überall schon immer eher als Außenseiterin gefühlt, deswegen hab ich wenig Stress, Normen zu entsprechen. Wenn ich irgendwo Unterstützung bekomme – great, aber wenn nicht, dann denk ich mir, dort hab ich eh nicht wirklich hin gewollt.
Ich bin jetzt 35 Jahre alt, also im gleichen Alter wie Dante, als er in der Mitte seines Lebens plötzlich »vom Weg abgekommen ist«. Plötzlich hatte ich das Gefühl, wie kurz mein Leben ist und wie viele Sache es gibt, die ich noch machen will. Als Teenager stehen alle Optionen offen und plötzlich bemerkt man, dass man sich (unabsichtlich) doch für eine Option entschieden hat. Ich finde, das ist ein sehr klaustrophobischer Gedanke.
Covid war definitiv ein Reset Button. Um mich herum haben plötzlich alle Kinder gekriegt oder Häuser gekauft und das hat mich insgesamt sehr deprimiert: Gibts da jetzt eigentlich nichts anderes? Beschäftigt man sich also jetzt mit der Akkumulation von Eigentum und versucht Spuren und Gene zu hinterlassen, während man langsam wegstirbt?
Gleichzeitig unsere absurd überalterte Gesellschaft und die gesellschaftlich verankerte, panische Angst vor dem Tod. Das Unaussprechliche des Todes. Meine eigene Panik davor. Aber ich denke, es ist eben auch meine Panik vor dem unerfüllten Leben.
Daran wollte ich mich abarbeiten und hab so eine »Studiengruppe« an Leuten versammelt, die meiner Meinung nach einen speziellen (oder sehr bewussten) Zugang haben zu Leben und Tod – einige aus dem Tanz und andere aus ganz anderen Bereichen. Leute, die ich an dieser Verhandlung über den Totentanz teilhaben lassen wollte, die ihn aber auch aus eigener Perspektive definieren sollten. Zuallererst haben sich da natürlich auch ältere Menschen angeboten, die dieses Merkmal gemeinsam haben: dass sie schon sehr lange leben und viel überlebt haben. Das an sich ist schon eine Superpower: und an Superpower bin ich als Tänzerin natürlich sehr interessiert. 

Was fällt dir zu Tod und Weiblichkeit ein?

Hm, ja da war einfach schon lange ein Zusammenhang da, Eros und Thanatos. Es war lange Zeit sicher gängiger eine Frau als Kunstobjekt zu inszenieren, als etwas zum Ansehen, eine Erscheinung von Schönheit – und am schönsten eben im Tod, da wird sie ja auch zum Objekthaftesten.
Wenn wir uns die europäische Theater- und Kunstgeschichte des letzten Jahrtausends ansehen, waren da stark diese zwei Rollen vertreten: »femme fatale« und »femme fragile«. Auf der einen Seite die aus Lust mordende Frau, die Männern zum Verhängnis wird, auf der andren Seite das ihrem Schicksal ausgelieferte und fremdbestimmte Opfer.
Diese Stereotype werden in unserer Zeit natürlich transformiert, auch die Definition von Weiblichkeit kann vieles sein und ist Identifikationssache. Wir sind in dieser Hinsicht Kinder unserer Zeit und haben damit einen sehr spielerischen Umgang. Auf der Bühne arbeite ich gerne mit vermeintlichen Männerfantasien – die hab ich nämlich auch :-)

Was interessiert dich an Dantes Todesfantasien?

An Dante per se oder an einer Interpretation seiner Göttlichen Komödie sind wir eigentlich nicht so interessiert – wir wollen einfach auch eine Göttliche Komödie machen, und darunter verstehen wir eine »Komödie«, die sich mit dem unmöglichsten Bühnenstoff überhaupt auseinandersetzt, der Verhandlung von Leben und Tod, und eben auch der Frage nach Transzendenz. Schon in TANZ haben wir uns mit einer (eurozentristischen) Vorstellung von Tanz beschäftigt, und auf Einladung der Ruhrtriennale hatten wir natürlich Lust, dasselbe mit dem Theater zu tun. Außerdem wimmelt es in der Göttlichen Komödie eben von oben genannten »femmes fatales« und »femmes fragiles« und das hat uns natürlich auch provoziert … Ich wollte in dieser Show Performerinnen versammeln, die durch sogenannte Sterbeübungen führen können, deren Praxis in Nähe steht zur Verhandlung von Leben und Tod, jenseits von bloßer Repräsentanz. Oder eben Leute, die durch ihr Alter einfach diese einmalige Erfahrung mitbringen, schon lange auf diesem Planeten gelebt zu haben. Was können sie uns über das Leben oder seine Sinn- und Unsinnigkeit beibringen.
Außerdem hat mich an der Göttlichen Komödie die Dreiteilung interessiert, Hölle, Purgatorium und Paradies. Das ist natürlich mega katholisch konnotiert, aber was, wenn wir mit der Annahme anfangen, dass diese 3 Welten alle in einer/unserer jetzigen Realität koexistieren – und besonders durch diese Linse: »what is hell for one might be heaven for another«. Diese binären Unterteilungen von Gut und Böse sind so tief verankert in unseren moralischen Grundsätzen, ob wir es wollen oder nicht.
Dante wird von unterschiedlichen Charakteren durch seine Jenseitsreise geleitet, wir spiegeln das wieder durch einen Blick auf das Leben der Tänzerin… und ihren Umgang mit Alter, Vergänglichkeit und Tod. In unserer Göttlichen Komödie werden unterschiedliche, tanztypische Situationen dargestellt, die Schülerinnen und Lehrerinnen in ihrem Habitat zeigen. Wir wollen uns eingehend mit dem Totentanz beschäftigen aber auch mit der Transmission dieses Sujets über Generationen. Dabei sollen generelle Themen sichtbar werden: Altern, Identität und Feminität – und wie sich die Bezugnahme auf den eigenen Körper im letzten Jahrhundert in diesen Punkten verändert hat… eigentlich haben wir in unserem Cast ein ganzes Jahrhundert auf der Bühne vertreten und da ist es schon spannend, gemeinsam diese Themen zu verhandeln. Auf unserer Bühne gibt es mehrere Vergils, die durch den Abend führen werden, durch Totentänze und Sterbeübungen in dem Bestreben, dass sich schlussendlich Dantes Erkenntnis bewahrheitet: that it is »the love that moves the sun and the other stars«.