© Eva Würdinger

Der Titel Ihrer Performance CASCADE bezieht sich auf eine Kettenreaktion, eine Art Dominoeffekt. Haben Sie die Bewegungen nach diesem Konzept strukturiert?

CASCADE dreht sich um Entropie, um fallende Gegenstände, Körper, die stürzen, wieder aufstehen und neu anfangen. Wir haben uns mit einer Reihe von Konzepten im Zusammenhang mit Fallen und Wiederherstellen beschäftigt: Hinfallen, Aufstehen, Schwerkraft erleben, das Gegenteil von Schwerkraft spüren… Ein weiteres Prinzip, mit dem wir versucht haben, den Ablauf des Dominoeffekts zu verändern oder zu unterbrechen, ist das Zurücksetzen: Wie können wir die Maschine anhalten und neu starten?
Die Gruppe ist sehr vielfältig, die Leute kommen vom Tanz und vom Theater, haben sehr unterschiedliche, verschieden alte Körper, mit allen möglichen Energieleveln. Es gibt sieben Tänzer:innen und zwei Trommler:innen, die in einer merkwürdigen Gemeinschaft vereint sind, die sich über die Bewegung bildet. Deswegen bestand die Arbeit zum Teil darin, sich aufeinander einzustellen und Synchronisierung zu durchbrechen. Diese Arbeit am Rhythmus verlangt enorme Intensität, die Körper müssen einem hohen Tempo folgen. Unter anderem haben wir mit Spielen ohne feste Regeln gearbeitet. Wir wollten eine Dynamik schaffen, die uns zu einer neuen Art von Interaktion in Echtzeit bringen würde und mit der wir das System zerstören könnten, um ein neues aufzubauen. Da geht es auch darum, wie sich Körper in Gruppen verhalten und sich in einem Raum nach Regeln bewegen, die nie festgeschrieben werden. Das Ziel dabei ist letztendlich, ein Ökosystem, eine Gruppe zu bilden, die versucht, neue Regeln für das Zusammenleben aufzustellen. Was würde das bedeuten, die Welt neu zu erschaffen? Was fangen wir an, wenn nichts mehr übrig ist, wie bewegen wir uns, wie verhalten wir uns in der Leere?
In einem bestimmten Moment gibt es in der Performance eine Erkenntnis, die die Tänzer:innen in einem sicheren Stadium zusammenbringt, die diese Intensität verwandelt und sie zu etwas anderem macht als einer bloß mechanischen Tatsache. Ich könnte das einen Paradigmenwechsel nennen, eine Überhöhung rationaler Leitwerte. Ich hätte gern, dass die Zuschauer:innen diese Umkehr bemerken, dass sie den Umfang von allem in Frage stellen - drüber und drunter, groß und klein, langsam und schnell…

Bei CELESTIAL SORROW, Ihrer letzten Performance, haben Sie mit dem indonesischen Künstler Jompet Kuswidananto zusammengearbeitet. CASCADE entsteht mit dem Bühnenbildner und Regisseur Philippe Quesne. Wie hat der Raum die Dynamik der Körper beeinflusst?

Philippe Quesne hat einen Raum mit einem ziemlich starken Rahmen entworfen. Er ist von der Zeit unabhängig und kennt keine Grenzen. In diesem Raum sind die Körper aufgehoben, er fungiert zugleich als Illusion und als grenzenloser Horizont, er verfügt über eine Art Bewusstsein, eine Seele, welche die Körper, die sich darin bewegen, beeinflusst. Das ganze Stück stellt das Bemühen dar, ein Gleichgewicht zu finden zwischen einem Impuls, einer Sehnsucht, Grenzen zu überschreiten, und dem Versuch, loszulassen. Die Gruppe versucht, eine Handlung darzustellen, die Bedeutung hat und gleichzeitig schleicht sich die Entropie, das innere Zusammenfallen in die Bewegungen. Mich interessiert dieses Aufeinanderprallen von zwei Dynamiken. Dank des Bühnenbilds können wir unsere Voreingenommenheit gegenüber innerem und äußerem Raum, Entropie und Loslassen, Unbeweglichkeit und grenzenloser Bewegung überdenken und über sie hinauswachsen.
Philippe hat einen Humor, eine subtile Ironie in die Performance gebracht. Die Beweglichkeit der Körper wird von ihrer Umgebung eingeschränkt, ihre Energie zum Teil absorbiert. Damit stellt sich die Frage nach Grenzen: Wo liegen die physischen und energetischen Grenzen, wie werden diese Regeln festgelegt, wie finden wir zu einer gewissen Autonomie und Freiheit? Diese Freiheit kann nicht von einem einzelnen Körper kommen, das hat mit der Gruppe zu tun, der Verbindung zwischen ihren Mitgliedern, ihrer Fähigkeit, sich gemeinsam zu entwickeln.

Ihr Tanz geht mit dem Faktor Zeit radikal um, sei es in Form von Beschleunigung, von Unterbrechung oder der Länge der Stücke. Wie funktioniert Zeit in CASCADE?

In den Spielen, dem Ausgangspunkt unserer Proben, spielte Zeit eine wichtige Rolle: Können wir uns eine grenzenlose Zeit vorstellen? Was fängt man mit seiner Zeit an? Das alles ist in der Performance über eine sehr direkte Spannung ersichtlich, die zwischen Verzückung und Grauen, zwischen Loslassen und Kontrolle oszilliert. Wir haben mit extremen Zeitaspekten wie Verzögerung, Verteilung, Verlangsamung, Wiederholung, Synchronisierung unterschiedlicher Geschwindigkeiten gearbeitet. Ich hätte gern, dass man Zeit durch das, was auf der Bühne passiert, als flüchtige Substanz begreift, ein Gewebe, innerhalb dessen die Tänzer Quantensprünge machen können. Ein starker Fokus liegt auf der Gegenwart, im Sinne von »wir sind hier, in diesem Moment«. Aber jenseits davon zielen die körperlichen Dynamiken darauf ab, den Blick auf das zu öffnen, was jenseits der Gegenwart liegt, vielleicht eine alte Zukunft…

Wir leben in einer Phase der Ungewissheit, die vordringlich den Körper betrifft. Ist Tanz nicht eine Kunstform, die genau diese Ungewissheit aufzeigen kann, die den Körper berührt?

Sogar in der Ungewissheit gibt es Bewegung – Dinge, Prinzipien, Gegenstände, Räume, die uns bewegen. Man muss sich ihrer bewusst sein. Im Allgemeinen versuche ich, dem zu folgen, was die Körper mir anbieten. Das ist ein bisschen, wie wenn man das Tempo respektieren oder vom Rhythmus abweichen muss. Um mit diesen Abweichungen und dieser Synchronisierung umzugehen, muss man sie spüren, sie ausprobieren, noch einmal anfangen. Ich stelle die Frage nach dem Wert dieser gemeinsamen Erfahrung – was die Tänzer:innen erleben und was die Zuschauer:innen bemerken, wenn sie ins Theater kommen. Was können wir dadurch verstehen – und was kann diese gemeinsame Erfahrung im Augenblick bedeuten? Tanz ist eine Art Nähe, Kontakt zwischen Körpern. Angesichts des Virus, das Einfluss hat darauf, wie wir uns bewegen, wie wir von einem Ort zum anderen kommen, anderen begegnen, müssen wir unsere individuelle und soziale Choreografie neu erfinden.

Übersetzt von Henning Bochert