Festival der Künste2021

Siri Hustvedt: Was ich liebte

Der Stuhl, auf dem ich »Was ich liebte« vor ein paar Tagen, bei Kaiserwetter und klarer Luft, zu Ende gelesen hatte. | © Bettina Walter

In diesem langen Jahr, dem, zwischen Februar 2020 und Februar 2021, lese ich zum dritten Mal den Roman Was ich liebte von Siri Hustvedt, der mich schon so viele Jahre begleitet.

Ich las ihn zum ersten Mal, als wir noch eine Familie waren, dann zum zweiten Mal, als wir zum Abendessen immer für Vier den Tisch deckten, obwohl wir nur noch Drei waren und eine andere Familie wurden, und dann im letzten Februar 2020, als wir wieder einmal eng zusammengerückt im Haus über dem See waren und den grade noch Nicht-Unfalltod von J. feierten, einem meiner Söhne, jedes Jahr am 25. Februar.

Und dort, weit oberhalb des Sees, wo die Welt schier nicht hin reicht mit ihrem Getöse, begann sich dieses seltsame Jahr also zu drehen und unsere Leben mit zu bestimmen. Abstand. Und doch auch die Gnade von geschenkter Zeit, von viel Stille und eben: Lesen.

Und in diesem Februar, 2021, habe ich es, wieder am See, zu Ende gelesen.

Dazwischen lagen 12 Monate und viele andere Bücher.

Ich hatte das Buch grade an der Stelle, an der die Geschichte der Protagonisten kippt, so nach 200 Seiten... in’s Traurige... dort oben liegengelassen.

In dieser Geschichte von S.H. finde ich mich wieder, finde ich den Inbegriff von Leben wieder, von Lebendigkeit, Beziehung, aber vor Allem von Verlust und Tod und von Wolken, die sich vor das Augenlicht schieben und einen Schleier über die gestochene Schärfe legen.

Eine Makula-Degeneration nennt man das.

Ich liebe die endlosen Beschreibungen von Kunstwerken in diesem Roman und so stehe ich selbst vor diesen Bildern und mein Blick versenkt sich ganz tief in die Gemälde und Objekte, man verliert die Distanz. Man sieht Alles mit messerscharfem Blick und manchmal schiebt sich die Wolke davor.

Das ist eigentlich sowieso das, was mich am Meisten berührt und interessiert, das Sehen von Bildern, Erinnerungsbilder, Menschenbilder, Bilder eben, Menschen...

Und wie sehr ich das vermisse in dieser Zeit... die Menschen, die Bilder, Theater auch....

Davon, vom gelebten Leben, von seinem Zauber und von seinen Verlusten handelt dieses Buch, und darum muss ich es immer wieder lesen.

Bettina Walter, Sana, 28. Februar 2021