Wenn ich will, dass Gäste die Stadt, in der ich wohne, verstehen, steige ich mit ihnen auf den Fernsehturm. Von dort oben gibt es einen guten Überblick und die Struktur der Stadt ist schön lesbar. Also stieg ich, als ich das erste Mal im Ruhrgebiet war, auf einen Förderturm, aber ich verstand überhaupt nichts. Ich sah nur Hügel (später erfuhr ich: Halden) und andere Fördertürme (später erfuhr ich: museale  Anlagen). Es war schön, aber bot weder Übersicht noch Erkenntnis. Also bewegte ich mich fortan durch einen von mir nicht erkannten Raum. Mit der Straßenbahn, die merkwürdigerweise nicht Vororte miteinander verband und dabei durch ein Zentrum fuhr, sondern Zentren verband und dabei durch Vororte fuhr. Mit dem Auto, das meist stand und wenn es fuhr, flogen die Abfahrtsschilder der Autobahn mit immer neuen Städtenamen im Sekundentakt an mir vorbei. Oder mit dem ICE, der viel von Intercity aber wenig von Express hatte. Wollte ich laufen oder Rad fahren, hieß es immer: Nein, viel zu weit. Also stand ich oft an Haltestellen: Haltestellen neben verlassenen Industrieanlagen, Haltestellen an Waldrändern, Haltestellen zwischen endlosen Schienen, Haltestellen an Schafsweiden, Tankstellen, Brücken oder direkt auf der Autobahn. Oft dachte ich: Hier kommt nie was, denn hier ist das Ende. Aber dann kam immer irgendwann irgendwas – meistens relativ klein, fuhr los und wenig später ging die Stadt – oder das, wovon alle sagten, es sei nicht  eine Stadt, sondern das Ruhrgebiet – wieder weiter. Später fuhr ich dann doch Rad und wunderte mich über den rasanten Wechsel von Starkstromtrassen und Schrebergärten, Häfen und Wiesen, Häusern und Arbeitsstätten. Immer wieder machte ich die eine Erfahrung: Es gibt kein Ende, es geht weiter. Und immer wieder hatte ich dieses Gefühl: Ich verstehe den Raum nicht.

Also versuchte ich, eine Karte zu kaufen, die diesen Raum abbildet. Aber das war gar nicht so einfach: Es gab die einzelnen Städte, das nördliche und das südliche Ruhr­ gebiet, aber keinen richtigen Gesamteindruck. Dann kam Google Earth und brachte den »Overview«. Ich konnte endlich das Ruhrgebiet von oben betrachten. Wie merkwürdig es aussah. So zerklüftet, so unstrukturiert und doch so gleichmäßig. Auf jeden Fall ganz anders als andere städtische Regionen. Was für ein urbaner Raum ist das? Nicht zentral, sondern polyzentristisch, nicht linear, sondern komplex, nicht hierarchisch, sondern solidarisch? Neben vielen Besonderheiten sticht beim ersten Blick ins Auge: die außergewöhnliche Agglomeration von Siedlungen, die scheinbar willkürlich durchwachsen sind von Natur­ und Industrieflächen. In einer historischen Einmaligkeit entwickelte sich das Ruhrgebiet gleichzeitig mit und durch die Extraktion der Steinkohle und ihre Verarbeitung. Dies meint nicht nur Industrieareale und ihre architektonischen Überreste, sondern auch die Aufteilungen zwischen Wohnanlagen, Natur und Industrie. Was anderenorts getrennt ist, liegt hier alles zusammen. Alle Räume sind dem Primat der Montanindustrie nachgeordnet, durch die einzelnen Nutzungsräume sind Zwischenräume entstanden, die anschließend in ihrer Bestimmung definiert wurden.

Wie können die Routen entlang der Begegnungskanten zu Gelegenheiten der Begegnung werden? Aljoscha Begrich

Dieser Blick von oben ist in den letzten Jahren immer wieder beschrieben worden, aus der Perspektive der Stadtplanung, der Soziologie, der Politik. Zentrale Merkmale des Ruhrgebiets wurden erkannt und diese strukturelle Besonderheit mit dem Begriff »Ruhrbanität« ausgezeichnet. Einige Begriffe, wie etwa »Dezentralität«, sind mittlerweile ins Selbstverständnis der Region und Merkwürdigkeiten wie »Polystruktur« in die Selbstzuschreibung der Bewohner:innen übergegangen. Warum aber wird so selten über das geschrieben, was die Struktur zusammenhält? Kein Netz ohne Faden. Die Ansammlung von Dörfern und Städten würde sich längst aufgelöst und verflüchtigt haben, wäre gar nie so entstanden, wenn diese nicht verbunden gewesen wären und es noch sind: durch Pfade, Wege, Routen, Bahnen, Strecken, Schienen, Flüsse, Straßen. Alles ist verbunden. Es gibt nicht nur Siedlungen, Industrieanlagen und Wiesen, sondern auch die Verbindungen dazwischen. Die Verkehrswege legen sich wie ein autonomes Netz aus Fäden über das Revier. Sie entstanden aus der Notwendigkeit, Menschen und Waren zu transportieren. Und wenn ich genau hinschaue, kann ich sogar die Vergangenheit darin lesen. Die Adern, die sich aus historischen Feldwegen entwickelten, bilden bis heute die Grundstruktur zwischen den Kristallisationspunkten. Die traditionelle Handelsroute, der Hellweg, ist immer noch die zentrale Ost-West-Achse. Aber oftmals waren Wege nicht nur verbindende Elemente zwischen den Wohnorten und Industrieanlagen, sondern oft auch trennende Elemente, die Zäsuren in die Landschaft brachten. Schienenwege, Wasserstraßen und Asphaltflächen verbanden und trennten gleichzeitig Räume – und sortierten so die Landschaft.

Die Routen sind nicht nur die Grundstruktur, sondern auch die Essenz dieser Region: Hier kann ich die Besonderheit der Region erfahren und verstehen, denn nirgendwo in der Welt kann ich stundenlang Straßenbahn fahren, ohne umzusteigen, mit dem Bus auf der Autobahn stehen oder mit einem ICE alle zehn Minuten stoppen. Und gleichzeitig ist das eben die gleiche Region, durch die ich kilometerlang mit dem Fahrrad durch Grünstreifen radeln kann, ohne an einer Ampel zu stoppen, oder ich 60 Minuten warten muss, bis mich die nächste S-Bahn in das andere Stadtviertel bringt. Je länger ich im Ruhrgebiet unterwegs bin, desto mehr scheint mir, dass es gar keine andere Möglichkeit gibt, dieses Gelände, die Un-Stadt, diese Region zu verstehen, als sie zu durchstreifen, zu erlaufen und zu durchfahren. Ich kann hier auf keinen Fernsehturm steigen, ich muss mittendurch. Aus einem Stillstand ist hier kein Überblick zu gewinnen. Aber sobald ich mich auf die Straßen begebe, er­ kenne ich die Vielfalt der Orte, die Diskrepanz der Entwicklungen und die Diversität der Menschen. Denn auf öffentlichen Wegen bin ich – obwohl allein reisend – gleich immer in Gemeinschaft. Egal, ob ich nur verstohlen über den Rand meiner Zeitung hinweg die Jugendlichen und ihre Codes beobachte, direkt im Gespräch mit meinen Mitreisenden bin oder einfach nur zusammen mit anderen an der Haltestelle leide: das Erfahren der Wege ist ein gemeinschaftliches.Und was wäre dieser Raum ohne seine Menschen?

Expert:innen nennen die inneren Ränder, dort, wo die jeweiligen Ordnungseinheiten des Raumes aneinanderstoßen, Begegnungskanten. Genau an diesen Kanten – zwischen Feldern und Industrieanlagen, Wohneinheiten und Grünflächen – verlaufen die Wege. Wie können die Routen entlang der Begegnungskanten zu Gelegenheiten der Begegnung  werden? Mit sechs lokalen Künstler:innenkollektiven teile ich seit über einem Jahr diese Frage. Denn niemand kann besser über die Gegend sprechen als die, die schon da sind. Die starke freie Szene NRWs hat vielfältige Kollektive und Künstler:innen hervorgebracht. Einige davon – Anna Kpok, loekenfranke, Stefan Schneider, Peng! Kollektiv, RUHRORTER, tehran re:public – ermutigte ich, sich für die Ruhrtriennale und ihr Publikum auf den Weg zu machen. Noch einmal da langzufahren, wo sie immer schon langgefahren sind, um nochmal genau hinzuschauen, um zu überlegen, was und wie es gezeigt werden könnte, um zu sehen, was nicht zu sehen ist. Viele Wochen und viele Kilometer später werde ich eingeladen, im Dauerregen durch entleerte Gegenden Duisburgs mit dem Rad zu fahren, in überfüllten Straßenbahnen lose Blätter zu lesen, mir an verwaisten Haltestellen Audiofiles runter­ zuladen oder im Regionalexpress Sprachnachrichten an­ zuhören. Ein Abenteuer beginnt, das Schritt für Schritt weitergeht und nun auf Begegnung an der Kante wartet.


ALJOSCHA BEGRICH ist seit 13 Jahren im Ruhrgebiet unterwegs. Zuerst arbeitete er als Bühnenbildner am Schauspielhaus Bochum (2008), 2013 an der Oper Dortmund. Zwischen 2015 und 2017 zog er mit Truck Tracks von Rimini Protokoll als Kurator durch weitere Städte, u. a. Recklinghausen und Mülheim. Seit 2020 ist er Dramaturg für interdisziplinäre und site-specific Projekte bei der Ruhrtriennale.


Das Kartenmaterial stammt aus der Publikation: Schichten einer Region. Kartenstücke zur räumlichen Struktur des Ruhrgebiets, hrsg. v. Christa Reicher, Klaus R. Kunzmann, Jan Polívka, Frank Roost, Yasemin Utku, Michael Wegener, Jovis Verlag, 2011.