ÜBER CHRISTOPH MARTHALER

Die Arbeiten des Schweizer Künstlers Christoph Marthaler sind immer Musiktheater und selten Oper. Er hat seine spezielle Form einer szenischen Partitur gefunden. Bevölkert sind sie von den Skurrilen und den Ungewöhnlichen, deren nicht durchschaubaren Schicksalsgemeinschaften wir zusehen. Ihr bizarres Dasein wird in eine schwebende Schönheit und Leichtigkeit, eine Art anderes Klima versetzt durch feine Zeitabläufe und durch Gesang. In der Dramaturgie jeder Christoph Marthaler-Inszenierung ist immer ein zeitlich besonders strukturierter Liederabend versteckt. Mit dem Liederabend als Grundform begann der Regisseur Christoph Marthaler seine internationale Karriere.

In Erlenbach am Zürichsee aufgewachsen studierte Christoph Marthaler am Züricher Konservatorium Musik (Instrument Oboe) und besuchte später die Theater-Schule von Lecoq in Paris. In den 1980er Jahren begann er Arbeiten wie Blanc et Immobile in der Schweizer Freien Szene zu zeigen. Gleichzeitig machte er sich als Komponist und Musiker für Theatermusik einen Namen, der wie kein anderer Schauspieler*innen zum Singen brachte, am liebsten in kleinen Chören. Als er Anfang der 1990er Jahre am Theater Basel u. a. Ankunft Badischer Bahnhof, Faust. Eine subjektive Tragödie, wenig später an der Volksbühne in Berlin Murx den Europäer und am Hamburger Schauspielhaus Goethes Faust, Wurzel aus 1 + 2 und Stunde Null inszenierte, eigene Kreationen, die zwischen Musik, Schauspiel und Choreographie oszillierten, wurde er innerhalb weniger Jahre zu einem neuen Star, der von Anfang an starke internationale Aufmerksamkeit erfuhr. Die meisten seiner Arbeiten – wie Stunde Null oder Horvaths Kasimir und Karoline – wurden und werden weltweit eingeladen.

Bereits in Basel lernte er die Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock kennen, deren so reale wie geträumte Räume und Retro-Be-kleidungen einen eigenen Theater-Kunststil in Christoph Marthalers Arbeiten schufen. In dem Marthaler-Viebrock-Kosmos aus Beobachtung, Erinnerung und Halluzination, in dem man sich auf nichts verlassen kann, sind unzertrennlich herrlichster Unsinn und tiefste Traurigkeit zu erleben. Als er 1994 in Frankfurt seine erste Oper, Pelléas et Mélisande, inszenierte, nahm die wichtige künstlerische Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Sylvain Cambreling ihren Anfang. Sie setzte sich in vielen gemeinsamen Musiktheaterarbeiten wie Pierrot Lunaire und Quatuor pour la fin du temps oder Katja Kabanova – beide von Gerard Mortier zu den Salzburger Festspielen eingeladen –, mit Pariser Leben an der Volksbühne in Berlin und mit Wozzek in Paris fort. Im Jahr 2000 wurde Christoph Marthaler Intendant des Schauspielhaus Zürich. In einer von vielen Konflikten mit den Stadtpolitiker*innen, wunderbaren künstlerischen Erfindungen und einem großartigen Ensemble geprägten Zeit entstand, neben vielen anderen Aufführungen, Die schöne Müllerin, koproduziert mit Gerard Mortiers erster Ausgabe der Ruhrtriennale. Verärgert über die Querelen mit Stadt- und Verwaltungsräten, zog Christoph Marthaler das unabhängige Arbeiten vor und verließ Zürich.

Er realisiert Musiktheaterprojekte in Paris, an der Berliner Volksbühne, am Theater Basel, bei den Wiener Festwochen, am Hamburger Schauspielhaus und an der Hamburgischen Staatsoper.

Neben vielen weiteren Auszeichnungen erhielt Christoph Marthaler den Kunstpreis der Stadt Zürich, den Theaterpreis Berlin und für seine Lulu-Inszenierung 2017 den Theaterpreis Der Faust. Für sein Gesamtwerk wurden ihm der Goldene Löwe in Venedig und im März diesen Jahres der Ibsen-Award 2018 verliehen.

Seit den Basler Jahren arbeiteten Christoph Marthaler und ich als Dramaturgin über viele Jahre hinweg in vielen Produktionen und in der gemeinsamen Leitung eines Hauses sehr eng zusammen. Jetzt haben wir uns auf drei Jahre für die Ruhrtriennale verabredet. Von 2018 – 2020 ist Christoph Marthaler Artiste associé des Festivals. In der Jahrhunderthalle Bochum entsteht die Musiktheater-Kreation Universe, incomplete und im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen ist seine Berliner Volksbühnen-Inszenierung Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter zu sehen.

Stefanie Carp
Intendantin Ruhrtriennale 2018 2019 2020

© Ruhrtriennale

powered by Peppered

Cookies

Diese Webseite verwendet Cookies, um Ihnen ein angenehmeres Surfen zu ermöglichen.

Mehr Infos OK, verstanden