Grußwort des Intendaten Johan Simons zur Ruhrtriennale 2017

Liebes Publikum,

über diese Spielzeit habe ich die drei Wörter „Freude“, „schöner“, „Götterfunken“ gestellt, aus Schillers Ode „An die Freude“. Können uns diese Begriffe heute noch Hoffnung geben?

So vieles hat sich in den vergangenen drei Jahren in rasantem Tempo und auf eine unglaubliche, unvorhersehbare Weise geändert. Die Ruhrtriennale hat 2016 die Begriffe „Freiheit“, „Gleichheit“ und „Brüder­lich­keit“ befragt. Inzwischen scheint es mir manchmal so, als ob sich die Menschheit nicht mehr selbstverständlich auf diese Werte und Ideale verständigen kann. Unsere europäische Sicht auf die Welt – ich nenne es eine humanistische, aufgeklärte Sicht – ist nicht die einzig denkbare. Wir sind mit aggressiven Gegenentwürfen konfrontiert. Haben wir uns geirrt, waren wir uns zu sicher? Unser Selbstverständnis wird porös. Wie lange können wir noch in diesem absurden Luxus leben – auch moralisch? Ist meine „Freude“ der Schmerz der Anderen? Ist „schöner“ noch ein haltbares Versprechen? Verspüren wir noch „Götterfunken“? Blicke ich in die Zukunft, bin ich verunsichert. Ich empfinde die Notwendigkeit, die Menschen und ihre Welt von morgen zu thematisieren.

Die Ruhrtriennale 2017 soll ein Festival der gemeinsamen Erfahrungen werden. Ein Festival, auf dem wir über unser Leben und unser Zusammenleben sprechen, uns freuen oder aufregen können.

Dies ist unser drittes Programm, mein drittes und damit mein letztes Jahr als Intendant der Ruhrtriennale. Als großen Auftakt bringen der Dirigent Sylvain Cambreling und der Regisseur Krzysztof Warlikowski „Pelléas et Mélisande“ von Claude Debussy, die erste Oper der Moderne, in die Jahrhunderthalle Bochum. In diesem Sommer kommen einige auf drei Jahre angelegte Projekte zum Abschluss. Die Émile Zola-­Trilogie von Luk Perceval sowie die Dante-Trilogie des Choreografen Richard Siegal werden zu Ende erzählt und sind darüber hinaus als außergewöhnliche Drei­teiler an einem Tag zu erleben. KünstlerInnen wie Philippe Manoury, Nicolas Stemann, Trajal Harrell, Sue Buckmaster und Paul Plamper sind bei der Ruhrtriennale zu entdecken. Daneben prägen Ivo van Hove, Meg Stuart, Julian Rosefeldt, das Collegium Vocale Gent, Mit Ohne Alles und Anne Teresa De Keersmaeker auch im dritten Jahr unser Programm. Das Kunst­dorf „The Good, the Bad and the Ugly“ aus dem Atelier Van Lieshout kehrt mit neuen verrückten Objekten zurück und ist wieder unser Festi­valzentrum, mit einem sehr vielseitigen – kosten­losen! – Programm im Refektorium. Und auch „Ritournelle“ findet wieder statt, unsere lange Festivalnacht der elektronischen Musik.

Sechs Wochen Programm von KünstlerInnen, die sich inmitten dieser großen Weltveränderung befinden, deren Werke in einer Zeitenwende entstehen und auf visionäre Weise die Zukunft vertonen, erzählen, verbildlichen, imaginieren. Ich hoffe auf inspirierende Begegnungen.

Ihr
Johan Simons
Intendant

Johan Simons © Edi Szekely/Ruhrtriennale