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Ein One-Night-Stand im Kunstdorf

22. Sep. 2017

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A. Däumer & J. Spitzlay / Ruhrtriennale 2017

Ich verbringe eine Nacht im „Domestikator“. Das heißt, ich werde inmitten zweier Individuen wohnen, die miteinander kopulieren. Genauer gesagt, werde ich mich im Kopf des fremden Wesens einnisten, das im Doggystyle von hinten begattet wird. Klingt nach einem interessanten Denkanstoß.

Aber fangen wir vorne an: Das niederländische Künstlerkollektiv Atelier Van Lieshout schuf im Rahmen der Ruhrtriennale auf dem Vorplatz der Jahrhunderthalle in Bochum eine temporäre, begehbare Großinstallation. Das Kunstdorf mit dem Namen „The Good, the Bad and the Ugly“ dient als Festivalzentrum und inspirierender Veranstaltungsort: „Ein Ort, wo das Gute, das Böse und das Hässliche zusammen kommen und eine neue Utopie bilden“, wie Joep van Lieshout selbst sagt.

© Karsten Enderlein / Ruhrtriennale 2017

Die ausgestellten Werke haben motivische Gemeinsamkeiten: Es geht um Macht, Systeme, Autarkie, Leben, Sex und Tod. Um den Menschen im Angesicht eines großen Ganzen. In dieser Festivalsaison gehören erstmals auch großformatige Maschinen zur Installation – wie „Bronco“, der Zerstörer – die zum Nachdenken über Konsumkreisläufe, Destruktion und Neuanfang anregen. Daneben zeigt das Atelier Van Lieshout einige aus den Vorjahren bekannte Kunstwerke wie die „BarRectum“ – eine begehbare Skulptur des menschlichen Verdauungssystems – oder den „Domestikator“.

© A. Däumer & J. Spitzlay / Ruhrtriennale 2017

Jener Wohnturm in Form kopulierender Skulpturen symbolisiere die Macht des Menschen über das Tier, die Domestizierung der natürlichen Welt, sagt Van Lieshout. Also geht es damit auch um die Beherrschung unserer eigenen animalischen Triebe durch die Gesellschaft: Wer eine Nacht im „Domestikator“ verbringe, könne die Erkenntnis gewinnen, ob man selbst die Welt verändere, oder ob die Welt einen verändert, meint der Künstler.

© A. Däumer & J. Spitzlay / Ruhrtriennale 2017

So schlüpfrig der Ort meiner Selbsterkenntnis-Erfahrung von außen aussehen mag, so bodenständig wirkt er von innen: Der komplett hölzerne Wohn- und Schlafraum erinnert eher an einen naturverbundenen Urlaub in einer schwedischen Hütte mit Blick auf den weiten Fjord. Ich dagegen sehe aus dem Fester einen riesigen Dickdarm.

© A. Däumer & J. Spitzlay / Ruhrtriennale 2017

Doch auch ein Abend voller zivilisatorischer Vorzüge – inklusive Pizzalieferung in den diskomäßig beleuchteten „Domestikator“ und Filmvorführung im Refektorium (passenderweise ein Dokumentarfilm über die Lebensqualität von Menschen in hochtechnisierten Megastädten) – kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich in der Nacht einer Wahrheit ins Auge blicken muss: viel Instinktives, Naturverbundenes steckt nicht in mir. Ich bin wohl eher eine gebändigte Stadtpflanze.

© A. Däumer & J. Spitzlay / Ruhrtriennale 2017

Die Gleichmäßigkeit des Flugzeug- und Straßenbahnlärms stört mich nicht, doch in der einsamen Dunkelheit und Stille nach Mitternacht werde ich unruhig. Nachdem auch die letzten MitarbeiterInnen das Refektorium verlassen haben, ist der Vorplatz der Jahrhunderthalle menschenleer und dunkel. Doch in schöner Regelmäßigkeit regt sich was, wenn der Wachdienst anrückt: Ein Motorengeräusch nähert sich, dann hallt das Knallen einer Autotür über den Platz. Die bewegungsgesteuerten Lichter gehen an und es wird für zwei Minuten taghell im Kunstdorf. Nachdem der Kontrollgang beendet ist, liege ich wieder angespannt in meinem Schlafsack und lausche in die Nacht. Ein Schauer setzt ein und der "Domestikator" erzittert im Wind. Ich bemitleide erst mich selbst und dann Claudia & Hermann, die zwei überdimensional großen Köpfe, die zur gleichen Zeit draußen im peitschenden Regen liegen.

© Karsten Enderlein / Ruhrtriennale 2017

Nach einigen Stunden Halbschlaf bin ich fast froh über das Brummen der Lkw, die frühmorgens ab sieben Uhr den Parkplatz vor der Jahrhunderthalle ansteuern, um technisches Equipment für die anstehenden Ruhrtriennale-Veranstaltungen zu liefern. Noch eine Katzenwäsche – oder vielmehr eine Domestizierte-Hauskatzen-Wäsche – in den rostüberzogenen „Sanitary-Silos“, dann packe ich meine Sachen und verlasse den „Domestikator“. Ein One-Night-Stand, den ich nicht so schnell vergessen werde.


Wenn ihr mehr über die Großinstallation „The Good, the Bad and the Ugly“ oder das Programm im Refektorium erfahren möchtet, klickt auf die Verlinkungen.


Die Autorin Anne-Kathrin Däumer ist Mitarbeiterin der Presseabteilung der Ruhrtriennale für die Festivalsaison 2017.

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