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5 Fragen an... Trajal Harrell

04. Sep. 2017

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Orpheas Emirzas

Der New Yorker Choreograf Trajal Harrell feiert mit seinen Verknüpfungen von zeitgenössischem Tanz und „Voguing“-Elementen seit Jahren internationale Erfolge und gilt heute als einer der bedeutendsten Choreographen der jungen Generation. Neben vielen amerikanischen und internationalen Spielstätten wurden seine Performance-Arbeiten auch an diversen Institutionen gezeigt worden, die den bildenden Künsten gewidmet sind, so zum Beispiel am MoMA  in New York, am Centre Pompidou in Paris und bei der Art Basel-Miami Beach.

Ruhrtriennale: Du beschäftigst dich seit Langem mit dem Thema Geschlecht, spielst in vielen deiner Stücke mit Geschlechterrollen, Stereotypen und Klischees. Bei „Caen Amour“ werden Fragen nach Konventionen sowohl über die Tanzformen als auch über die Kleidungsstücke verhandelt. Erzähl‘ uns etwas darüber!

Trajal Harrell: Als einige TänzerInnen, die für orientalische und asiatische Formen sinnbildlich waren, in den Vereinigten Staaten und in Europa auftraten, nannten sie das Hoochie-Koochie-Tanz. Ich denke, der Zweck dieser Hoochie-Koochie-Shows war es, etwas sehr Exotisches zu zeigen. Ich glaube nicht, dass die Leute, die die Shows gestalteten, merkten, dass diese Art von Exotismus wirklich problematisch war. Es war eine Art kolonialer Blick, könnte man sagen. Aber was mir interessant scheint, ist, dass um die Jahrhundertwende gleichzeitig ganz ähnliche Dinge in der aufkeimenden Form des modernen Tanzes geschahen. Mich interessiert auch, dass manche dieser Frauen, die in den Hoochie-Koochie-Shows auftraten, wahrscheinlich selbst Künstlerinnen waren. Das heißt, dass sie Choreografinnen oder Tänzerinnen gewesen sein könnten, die auch im künstlerischen Tanz arbeiteten. Ich denke, dass diese ganze Periode eng mit der Epoche des modernen Tanzes verbunden ist. Wir wissen, dass der frühe moderne Tanz auch durch eine Menge Exotisierung, einen kolonialen Blick und Orientalismus bestimmt war. Die Dinge scheinen mir ganz ähnlich zu den Hoochie-Kochie-Shows zu sein.

Mein Arbeitsplatz ist die Fantasie, also versuche ich nicht, eine perfekte Hoochie-Koochie-Show zu machen. Ich versuche, darüber nachzudenken, wie diese Dinge in unserer Vorstellung konstruiert werden, sodass manche Leute die Tatsache verwirren könnte, dass wir tatsächlich Sexismus, Rassismus und einen kolonialen Blick so belassen. Denn ich möchte, dass das Publikum sieht, wie diese Dinge heute in unseren Vorstellungen konstruiert werden. Der wahre Beweggrund für den Besuch von Hoochie-Koochie-Shows war es, weibliche Genitalien zu sehen -, eine Vagina zu sehen - und daher ist es sehr wichtig für mich, dass man auch in meiner Show eine Vagina sieht. Ich möchte, dass die ZuschauerInnen über die Schritte nachdenken, die sie unternommen haben, um diesen Körper in der Realität und in ihrer Vorstellungskraft zu sehen. Ich weiß, dass mein Vater zu diesen Hoochie-Koochie-Shows gegangen ist, aber wir haben nie darüber gesprochen und ich habe ihn nie danach gefragt. Diese Art unausgesprochener Fragen und solche Orte, die man sich vorstellen muss, reizen mich, sie künstlerisch zu verarbeiten

Trajal Harrell © Michael Hart


RT: Deine Werke verbinden häufig kunsthistorische Abrisse und museale Artefakte mit zeitgenössischer Tanzpraxis und -komposition. Was konkret können die ZuschauerInnen von deiner Produktion „Caen Amour“ bei PACT Zollverein erwarten?

TH: Es ist eine Arbeit, die für Museen und Theater gemacht wurde und die mit den Konventionen des Betrachtens in diesen beiden Kontexten spielt. Es gibt viele Schichten in der Arbeit, wie ich in der vorherigen Frage erläuterte, aber ich denke, es ist auch einfach viel schöner Tanz in diesem Stück. Wohin ich in meiner eigenen Fantasie zu gelangen versuche, ist, sich vorzustellen, wie der Tanz war, bevor er sich selbst als künstlerische Form verstand, der Tanz vor dem „modernen Tanz“. Ich denke, die Tänze, die wir aus diesem fantasievollen Ort gemacht haben, sind sehr aussagekräftig und auch wirklich wunderschön.


RT: Bei deinem Stück „Caen Amour“ bist du nicht nur Choreograf und Tänzer, sondern hast auch Soundtrack und Kostüme gestaltet. Welche der Aufgaben war für dich am reizvollsten?

TH: Das Tanzen.


RT: Deine Performance-Arbeiten werden nicht nur auf Festival- und Theaterbühnen gezeigt, sondern auch an diversen Institutionen, die den bildenden Künsten gewidmet sind. Macht es einen Unterschied, ob deine Werke in einem Theater oder einer Galerie präsentiert werden?

TH: In Galerien und Museen hat das Publikum meist die Wahl seiner Bewegungsfreiheit. Wir spielen mit diesem Aspekt in „Caen Amour“. Und es gibt natürlich den Unterschied zwischen der Black Box (Theater) und dem White Cube (Museum). Wir versuchen auch mit diesem Aspekt zu spielen. Aber mehr möchte ich gar nicht verraten. Der Eindruck von dem Stück soll auf Erfahrung beruhen, nicht auf Erklärung.

Trajal Harrell © Orpheas Emirzas


RT: Mit den Begriffen „Freude“ „schöner“ „Götterfunken“ aus Schillers Ode „An die Freude“ stehen Zukunftsvisionen und Utopien im Fokus der Ruhrtriennale 2017. Welche Zukunftsaussichten verhandelst du in deinem Stück?

TH: In meiner Arbeit konfrontiere ich Unmögliches miteinander wie die Fantasie einer Hoochie-Koochie-Show, die auf Tänzen einer amerikanischen Choreografin wie Loïe Fuller und dem Begründer des japanischen Butoh, Tatsumi Hijikata, basiert. Indem wir derlei Unmöglichkeiten erschaffen werden wir mit vielen wichtigen Fragen konfrontiert, die unseren zeitgenössischen Blick betreffen. So stoßen wir auf die Erkenntnis, wie wir alles möglichen in unseren Vorstellungen konstruieren. Das verleiht uns die Kraft, uns die Zukunft vorzustellen und wie wir sie besser gestalten können.

Bei der Ruhrtriennale 2017 zeigt Trajal Harrell seine neueste Choreografie „Caen Amour“ (6. bis 9.9.), bei der er nicht nur selbst tanzt, sondern auch Soundtrack und Kostüme gestaltet hat.

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