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Es geht um alles

03. Aug. 2017

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Die Dante-Trilogie „Three Stages“ des Choreografen Richard Siegal steigt auf ins Paradies und spürt der Endlichkeit des eigenen Lebens nach.

„Es war in unseres Lebensweges Mitte
Als ich mich fand in einem dunklen Walde
Denn abgeirrt war ich vom rechten Wege“

Mit diesen Worten beginnt Dante Alighieris „Divina Commedia“, seine „Göttliche Komödie“ – bis heute ein scheinbar unerschöpflicher Inspirationsquell für Romanciers, Lyriker, Bildende KünstlerInnen, Theaterschaffende und FilmemacherInnen. Das mag vor allem daran liegen, dass die behandelten Themen so universell sind. Das Prinzip von der Suche nach dem eigenen Ich klingt bereits in den ersten Worten der „Commedia“ an: „Abgeirrt vom rechten Wege“, beginnt Dante – der selbst die Hauptfigur seiner Erzählung ist –, über die Endlichkeit des Irdischen nachzudenken. Er gerät auf eine Odyssee durch die drei christlichen Jenseitsreiche Hölle, Fegefeuer und Paradies.

Der Umstand, dass es sich dabei um die signifikante Phase „in unseres Lebensweges Mitte“ handelt, verleitet Interpreten der Gegenwart gerne zu dem Schluss, dass es sich dabei ganz klassisch um eine Midlife-Crisis handeln muss. Naturgemäß verknüpfen sich damit die ganz großen Themen von Liebe, Familie und Politik, von Schuld und Sühne, vom guten Leben und nicht zuletzt die große Erzählung vom Tod, der jeden von uns irgendwann ereilt.

„Model“ 2015 © Ursula Kaufmann/Ruhrtriennale 2015

Kurz: es geht um alles. Zudem wirkt Dantes strukturelle Vermischung von einerseits literarischen Referenzen und andererseits zeitgenössischen politischen Diskursen und autobiografischen Anekdoten aus der Perspektive von heute mehr als zeitgemäß. Alles, was uns das (post-)postdramatische Theater zwischen Dokumentation und Fiktion an „neuen“ Erzähltechniken verkaufen will, wurde bei Dante schon locker 700 Jahre vorher durchexerziert.

Die „Commedia“ ist auch heute noch weit davon entfernt, Staub anzusetzen. Die jüngste Auseinandersetzung mit dem Stoff kommt vom US-Choreografen Richard Siegal, dessen Trilogie in diesem Jahr erstmals als Ganzes auf der Ruhrtriennale zu sehen sein wird. Siegal abstrahiert die Handlung, indem er die TänzerInnen und ZuschauerInnen durch atmosphärische Settings schickt, voller körperlicher Intensität. Sein Fokus liegt auf einer autobiografischen Perspektive. Diese schafft Verbindungen von aktuellen gesellschaftlichen Diskursen mit Literatur- und Bildtraditionen.

Was von der Erzählung Dantes bei Siegal übrig bleibt, ist die metaphysische Suchbewegung. Nach den Irrfahrten durch Hölle und Fegefeuer zeigt sich das Paradies am Ende als Konfrontation mit dem eigenen Spiegelbild: als Versöhnung mit der eigenen Endlichkeit. Als Bekenntnis zum glücklichen Leben in der schlechtesten aller Welten.



Von Tobias Staab, Dramaturg von „Three Stages: Model + In Medias Res + El Dorado“. Weitere Infos zur Produktion finden sich hier.

Tipp: Szenische Lesung „Die Göttliche Komödie – PARADISO“, dritter Teil von Dantes Meisterwerk, am 08.09.2017 um 19.30 Uhr im Refektorium in Bochum, Eintritt frei.

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