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Ein Ausweg nach innen – Festspielrede zur Eröffnung der Ruhrtriennale 2017 von Herta Müller

19. Aug. 2017

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Copyright: Sebastian Druen / Ruhrtriennale 2017

Ein Ausweg nach innen

Festspielrede zur Eröffnung der Ruhrtriennale 2017

Von Herta Müller

1.

Der Weg ins Tal lief die Dorfstraße hinunter, am Friedhof vorbei. Die Kapelle war höher als der Zaun und leuchtete in der milchigen Sonne. Es war immer frühmorgens in den Sommerferien, wenn ich mit den Kühen ins Tal ging. Und hinterm Friedhof hörte das Dorf auf. Oder schon vor dem Friedhof, wenn man die Toten nicht mehr dazuzählen wollte. Und es kamen die großen Tabak-, Klee-, Weizen- und Maisfelder. Den Dorfweg ging ich abwesend. Die Kühe kannten den Weg so gut wie ich. Erst wenn die Felder kamen, wachten meine Augen auf. Der Weg ins Tal verließ das Dorf, aber noch mehr verließ das Dorf mich. Ich trat in eine andere Wirklichkeit. Mit den Kühen war man allein. Denn das Gras war dürr, ein Weideplatz reichte höchstes für zwei, drei Kühe. Jedes Kind musste mit seinen Kühen woanders hin.

Ich weiß nicht, ob ich einsam war, weil ich das Wort nicht kannte. In der Dorfsprache gab es nur das Wort allein. Und im Dialekt heißt das alleinig. Es hat eine Silbe mehr, nimmt sich ein bisschen mehr Zeit und klingt trauriger als allein. Weil ich das Wort einsam nicht kannte, kannte das Wort mich auch nicht. Ich wurde nicht zu dem, was das Wort bedeutet. Es schaute mir nicht in den Kopf, wollte gar nicht wissen, was ich tu und wie ich dabei bin. Manchmal macht es die Dinge einfacher, wenn man im Kopf nicht weiß, wie man gerade ist. Die Hilflosigkeit ging vielleicht nicht weg, aber ich wurde nicht von ihr angesprochen. Ich vergaß das Dorf mit den Menschen, war mit den Füßen und mit dem Kopf jetzt in einem Dorf aus Pflanzen. Hier im Tal waren sie die Bewohner.

Kühehüten ist von außen gesehen das reinste Nichtstun – stehend, sitzend oder liegend ins Leere schauen. Das Leere gibt es aber nicht, überall befindet sich etwas. Leer war nur die Zeit. Sie ging bis in den Himmel hinauf. Es gab die leere Zeit, den hohen Himmel, das große Gräsertanzen und zigtausend Einzelpflanzen –auch wenn das reimt. Ich war bis abends eingeschlossen im Dorf der Pflanzen. Ich wollte zu ihnen gehören und inszenierte mit ihnen ein normales Dorfleben. Ich sprach laut mit ihnen, pflückte sie, legte sie nebeneinander, verglich sie, kostete, wie sie schmecken, sortierte sie nach Eigenschaften. Sie hatten Hände und Beine, Haare, Augen und Nasen im Gesicht. Sie waren mager, dick, frech oder scheu wie Menschen. Ich ließ sie miteinander lachen oder streiten, sich verstecken. Ich verheiratete sie, wenn ihre Gesichter zueinander passten. Ich sah, wie sie Durst hatten und tranken, wenn Regen kam. Wie sie alt und krank wurden. Wie die schulterhohen Milchdisteln weiße Federn kriegten. Sie lernten fliegen und flohen vor dem Tod, wenn sie verblühten. Und an feuchten Tagen klebten sich die Federn in seltsamen Schleiern aneinander, wie Gespenster. An langen weißen Fäden flogen Puppen durch die Luft. Und die Federpuppen waren die Seelen der Disteln. Jede Puppe war anders, jede Distelseele. Ich wusste zwar nicht, was eine Seele ist, aber ich kannte dieses Wort aus der Kirche. Und so kannte das Wort auch mich, und es schaute mir in den Kopf. Auch die Namen der Pflanzen kannte ich, und sie schauten mir in den Kopf. Die Pflanzen waren keine Wiese mehr, sondern Bewohner, die Familie und Verwandte hatten. Sie hießen Milchdistel, Springgras, Hahnenfuß, Kleeseide, Trompetenblume, Mäusegras oder Storchkraut.

Und es war normal, dass dieser Blick auf Pflanzen nicht mit der Kindheit im Tal aufhörte. Ich kam mit 15 in die Stadt aufs Gymnasium, und das Panoptikum der Natur zeigte sich wie früher. Zwischen Beton und Asphalt am Rand der Gehsteige, in den verwahrlosten Parks wuchs Unkraut. Dieselben Pflanzen, sie kamen mir nach. Und mir schien, die wissen was los ist in dieser Stadt. Sie kennen die bröckelnden Wohnblocks, die Armseligkeit, die Hast des Alltags, die chronische Trauer und Angst vor dem Staat.

Ich hatte kein Heimweh nach dem Dorf, dachte aber, ich gehöre nicht hierher, ich bin nicht gut genug für glatte Asphaltwege. Ich sprach so schlecht rumänisch, dass ich nur die einfachsten Sätze verstand. Ich war so fremd hier, das einzige Bekannte war das Unkraut. Niemand kannte mich, ich hatte nur das mitgebrachte Vertrauen der Pflanzen.

Ich war so fremd hier, das einzige Bekannte war das Unkraut. Niemand kannte mich, ich hatte nur das mitgebrachte Vertrauen der Pflanzen.

Herta Müller

Die Städter erschreckten mich. Wenn morgens endlich eine Straßenbahn kam, waren sie imstande, sich zu erdrücken. Das Einsteigen war kollektive Rücksichtslosigkeit. Sie wurden handgreiflich, beschimpften sich gegenseitig, aber niemand schimpfte, weil die Straßenbahn so selten kam. Die Haupteigenschaft der sozialistischen Stadt war die allgegenwärtige schlechte Laune – eine Mischung aus privater Überreiztheit und politischer Gleichgültigkeit. Dazu kam eine steife Melancholie, matte Augen in schiefen Gesichtern. Diese sparsame Mimik, als wäre das Weiche aus der Haut verschwunden, als hätte sich unter die Wangen Beton geschlichen. Die Lippen, die Augen waren blockiert, das ganze Gesicht zeigte keinerlei Gefühle, sondern ein Dabeisein aus Abwesenheit. Vielleicht wäre die kürzeste Beschreibung dieser Gesichter das Wort kaputt, das man lieber für Gegenstände benutzt als für Menschen.

Das Aussehen der Leute hatte auch mit der Kleidung zu tun. Ein paar Staatsbetriebe machten ein paar Modelle für das ganze Land – staubgraue Farben, quietschende Plastikstoffe und klobige Schnitte, die auf keinen Körper passten. In den Kleiderläden roch es stechend scharf nach Rohöl. Wenn man sich etwas Neues gekauft hatte, kam man sich auf jedem Gehsteig selbst entgegen. Man sah seine Kleidung an den anderen. Und mir schien, die Kleidung wusste so gut wie jeder von uns, dass wir keinen Ausweg haben und miteinander in all den Wiederholungen alle gleich hässlich werden müssen.

Im Tal waren die Pflanzen nur Mitspieler in meinem Dorftheater. Sie hatten viele Eigenschaften. Aber eine entdeckte ich erst jetzt an den Straßenrändern der Stadt. Ich bemerkte erst jetzt, dass Pflanzen schön sind. Dass alles, was sie an sich haben, zusammenpasst. Und dass sie, auch neben- und durcheinander wachsend, schön bleiben. Dass Schönheit auffallend oder versteckt sein kann. Dass versteckte Schönheit noch schöner sein kann, als auffallende, weil das Schöne, wenn man es an der Pflanze entdeckt, plötzlich in einem selbst ist.

Ich ging viel zu Fuß, weil ich zur Stadt dazugehören wollte. Aber ich war nur an den Wegrändern zuhause, nicht unter Menschen in Gebäuden. Zu Fuß sah man die Stadt jedoch genau. Die Losungen der Parteipropaganda vom Gehsteig bis hinauf aufs Dach, bis unter den Himmel. Die großmäuligen Lügen vom Glück des Proletariats, denen niemand glaubte. Und am Wegrand die Stockbetrunkenen im Erbrochenen, die verkrüppelten Bettler, die Irren, die mit sich selber sprachen. Die Wahrsagerinnen, die einem privates Glück prophezeiten, denen man glaubte, weil man aufs Glück angewiesen war und sie ihre Geldgier so gut versteckten.

Fußwege sind Kopfwege. Das schöne Wort Kopfsteinpflaster sagte mir immer schon mehr über das Gehen mit dem Kopf als über die Form des Pflasters.

Fußwege sind Kopfwege. Das schöne Wort Kopfsteinpflaster sagte mir immer schon mehr über das Gehen mit dem Kopf als über die Form des Pflasters.

Herta Müller

Jahre später kamen für lange Fußwege ganz andere Gründe dazu. Ich geriet in die Fänge der Geheimpolizei. Ich arbeitete in einer Maschinenbaufabrik als Übersetzerin. Der Geheimdienst wollte mich zu Spitzeldiensten zwingen. Weil ich mich weigerte, wurden die Besuche im Büro immer häufiger und länger. Manchmal kamen zwei Securisten, die auf Gut und Böse machten. Ihre Dramaturgie aus Schmeicheleien und Drohungen war widerwärtig.

Und bevor sie mich heimsuchten, hatte ich oft schon ein, zwei Stunden Schikanen beim Direktor hinter mich gebracht. Weil ich mich dem Geheimdienst verweigerte, hatte er beschlossen, mich loszuwerden. Er bestellte mich jeden Morgen zu sich und forderte mich auf zu kündigen. Den Gefallen tat ich ihm nicht, es ging mir um Selbstbehauptung, denn von Recht konnte gar keine Rede sein. Der Direktor hätte mich jeden Tag entlassen können, aber das war ihm zu harmlos. Er tat es Monate später, aber bis dahin wollte er noch seine Macht ausspielen und mich brechen.

Um halb sieben fing der Arbeitstag an. Und sobald ich durchs Tor kam, winkte der Pförtner und sagte statt Guten Morgen: „Sofort zum Direktor, er wartet schon.“ Sein Büro war ganz nah am Tor. Erst wenn er nach Lust und Laune mit mir abgerechnet hatte, kam ich in mein Büro. Da war ich schon für den ganzen Tag verstört.

Ich wusste, dass sich die Tage in der Fabrik nicht mehr ändern. Schon wenn der Wecker morgens klingelte, bekam ich Angst vor dem Tag. Oft dachte ich, man sieht mir auf der Straße meine Bedrücktheit an. Ich konnte nicht in die Straßenbahn, auch wenn sie noch so pünktlich gefahren wäre, hätte ich sie gemieden.

Die Fabrik lag in einem ganz anderen Stadtviertel. Bis zur Entlassung ging ich jeden Morgen mehr als eine Stunde zu Fuß zur Arbeit.

Ich brauchte den Fußweg und die Zeit, um mich zu sammeln, bevor der Fabriktag begann. Ich musste meine Angst mit den Füßen zähmen und noch eine Weile über mir Bäume und Himmel sehen. In der ersten Nebenstraße stand ein Verkehrsschild mit einer durchgestrichenen Trompete. War hier die Straße des Schweigens? Der Mond war am Himmel. Ich sah ihn seine gelbe Trommel tragen, oder sein halbes Katzengesicht, oder er war schon so mager wie eine Haarnadel.

Trommel, Katzengesicht und Haarnadel waren keine Wortspielereien, es war die Wirklichkeit. Und ich hab gewusst, dass ich das auch meiner besten Freundin nicht erzählen sollte.

Es war wie auf dem Dorf, als ich meiner Großmutter auf dem Heimweg von der Kirche sagte: Das Herz der heiligen Maria ist ja eine durchgeschnittene Wassermelone.

Und darauf sagte sie: „Das kann sein, aber das darfst du niemandem sagen.“

Ich hielt mich daran und wusste seit damals, dass die Dinge verbotene Winkel haben und dass man mehr sieht, als man sagen darf.

Ich hielt mich daran und wusste seit damals, dass die Dinge verbotene Winkel haben und dass man mehr sieht, als man sagen darf.

Herta Müller

Manche Tage wurde ich nach der Arbeit zum Geheimdienst bestellt. Seit der Weigerung war ich ein Staatsfeind. Seit der Entlassung auch noch ein parasitäres Element. Ich wurde stundenlang dasselbe gefragt. Oder man ließ mich allein, bis ich glaubte, man hätte mich vergessen. All die Vorwürfe wie Schwarzhandel, Prostitution oder ich sei ein Spitzel des Bundesnachrichtendienstes wurden erfunden, um nicht über die wirklichen Gründe reden zu müssen – über das Elend und die Willkür im Land. Jedes Verhör war eine Kette von immer gleichen Verleumdungen, ein absurdes Theaterstück.

Mein Kopf war durchwühlt, wenn ich endlich gehen durfte. Ich musste zu mir zurückfinden und suchte einen langen Heimweg durch die Nebenstraßen, wo viele Gärten und wenig Menschen waren. Dort blühte eine kluge Ruhe in den Dahlien. Vor allem die perfekte Ordnung ihrer Blüten, die um den Nabel drapierten Rosetten. Die Selbstverständlichkeit, in der die Dahlie existierte, beeindruckte mich so, dass ich heulte. Dann war ich doppelt verzweifelt, weil ich mich vor mir schämte. Dahlien blühen bis spät in den Herbst. Die Tage waren kurz, die Dahlien froren schon im grauen Licht und schimmerten von weitem. Ich ging auf sie zu, ihre Ruhe übertrug sich auf mich. Ich war mir sicher, dass Dahlien wissen, wie satt ich dieses Leben hab und wie gern ich doch lebe. Eigentlich umso lieber, wenn der Vernehmer schmunzelnd und beiläufig sagt: „Es gibt auch Verkehrsunfälle.“ Die Dahlien brachten wieder Ordnung in meinen Kopf, sie halfen mir. Es war wirkliche Anteilnahme.

Das war mehr als die Trommel, das Katzengesicht und die Haarnadel des Mondes. Diese kümmerten sich nur um sich selbst. Aber die Dahlie kümmerte sich um mich.

Mir war schon klar, die Dahlienhilfe gibt es nur, weil ich sie erfinde. Wer weiß, dachte ich mir, ob ich sie nur erfinde, weil ich daran glaube. Oder daran glaube, nur weil ich sie erfinde. Ob ich vielleicht sogar nichtglaubend daran glaube. Ich wollte das nicht klären, es war, wie es war. Sowieso hatte ich es nur mit mir zu tun, mit mir selbst anhand einer Dahlie. Von der Komplizenschaft mit der Dahlie durfte, wie damals im Tal, auch jetzt niemand wissen. Wem sollte ich sagen, dass in der Dahlie eine kluge Ruhe blüht?

Ist die Wahrnehmung, auch wenn ich es nicht weiß, meine Suche nach Schönheit? Und ist die Suche nach Schönheit Ersatz für die fehlende Freiheit?

Ist die Wahrnehmung, auch wenn ich es nicht weiß, meine Suche nach Schönheit? Und ist die Suche nach Schönheit Ersatz für die fehlende Freiheit?

Herta Müller

Bevor ich schließlich aus der Fabrik entlassen wurde, streuten Spitzel im Auftrag das Gerücht, ich sei ein Spitzel. Der Direktor warf mich aus meinem Büro, und in anderen Büros, wo ich um ein Stückchen Schreibtisch bettelte, wurde ich abgewiesen. Deshalb setzte ich mich mit meinen dicken Wörterbüchern auf die Betontreppe zwischen den Etagen. Und das Taschentuch, auf dem ich saß, war nun ein paar Wochen zwar kein Büro, aber es war mein Zimmer. Die Büroleute gingen grußlos durch mein Zimmer. Erst vor kurzem hab ich ein Gedicht von Thomas Brasch gefunden, das nicht nur auf mein Treppenzimmer passt:

„Wer durch mein Leben will, muss durch mein
Zimmer willst du verhaftet sein: jetzt oder immer
Wer in mein Leben will, geht in mein Zimmer.“

Das passt alles auch auf die Besuche des Geheimdienstes in der Wohnung, wenn ich nicht zuhause war. Wenn ich wiederkam, war der Tür nichts anzusehen. Aber ein Küchenstuhl stand im Zimmer, oder ein Apfel lag auf dem Bett. Es war das feine Gift, man sollte wissen, dass man in der Wohnung nicht mehr bei sich zuhause ist.

Und es gibt noch so ein beklemmend schönes Gedicht aus der Zeit der DDR-Angst von Sarah Kirsch:

„Dieser Abend, Bettina, es ist
Alles beim Alten. Immer
sind wir allein, wenn wir den Königen schreiben
Denen des Herzens und jenen
Des Staats. Und noch
Erschrickt unser Herz,
Wenn auf der anderen Seite des Hauses
Ein Wagen zu hören ist.“

Wenn überhaupt, dann dachte ich auf dieser Treppe höchstens, dass ich mitten in einer Fabrik mit hunderten Leuten noch mehr allein bin als damals im Tal. Auch Sarah Kirsch reichte das Wort allein, es wird im Text von sich aus einsam.

Die Lüge war in der Fabrik als Wahrheit installiert. Ich war eine erfundene Person, gegen die ich mich nicht wehren konnte. Gehörte ich mir noch? Im Tal wollte ich zu den Pflanzen gehören. Jetzt musste ich etwas tun, damit ich wieder zu mir gehöre. Und ich klammerte mich an meine Wahrnehmung. Um sicher zu sein, dass ich wenigstens die noch habe, musste ich sie aufschreiben.

Die Sätze gaben mir Halt wie die Dahlien. Und das Wichtigste daran war die Selbstbehauptung. Das Selbermachen in einer Welt, die mich fertigmachte. Daraus wurde eine Art Verteidigung gegen die Einmischung in mein Leben. Ich überließ mich der Suche nach Wörtern und dem Sog, der dadurch entstand. Das war ein Glücksempfinden, ein Worthunger, der das Erlebte verwandelte. Der Spagat zwischen Erleichterung und Angst, das Gemisch wie Zucker und Galle war so turbulent, dass ich mich darin vergessen konnte, weil ich ganz anders zu mir zurückfand. Ich spürte, wie ich zu diesen Sätzen gehöre, sie waren ein Ausweg. Ein Ausweg nach innen.

Ich spürte, wie ich zu diesen Sätzen gehöre, sie waren ein Ausweg. Ein Ausweg nach innen.

Herta Müller

2.

Wahrnehmung hört nicht beim Sehen mit den Augen auf. In jeder Wahrnehmung entsteht ein Wissen über Zusammenhänge, das von sich selbst überrascht wird. Daher erzeugt Wahrnehmung mehr als ein Spiegelbild der Wirklichkeit. Ich glaube, das Schwerste an der Kunst ist es, für dieses Mehrsehen oder Mehrwissen einen Platz innerhalb der Sätze selbst zu finden, so dass etwas Unausgesprochenes entsteht. Ich nenne es ein Irrlauf im Kopf, in dem die Sätze anders mit mir sprechen als nur mit ihren Wörtern.

Für die Besitzer der Wirklichkeit ist Wahrnehmung immer schon suspekt gewesen. In allen gewesenen und heutigen Diktaturen beanspruchen die Besitzer der Wirklichkeit die Deutungshoheit über die Wahrnehmung.

Herta Müller

Für die Besitzer der Wirklichkeit ist Wahrnehmung immer schon suspekt gewesen. In allen gewesenen und heutigen Diktaturen beanspruchen die Besitzer der Wirklichkeit die Deutungshoheit über die Wahrnehmung. Oft kommt der Anfang des Totalitären harmlos daher, als ginge es nur um den guten Geschmack, um die Verletzung der Gefühle, die Gewöhnung an einige Grenzen, über die man sich im Schreiben oder Malen nicht hinwegsetzen dürfe. Und dann kommt Schritt für Schritt immer noch eine Grenze hinzu. Die Zensur wollte immer schon nicht nur Bücher und Bilder, nicht nur Kunst verbieten, sondern die Wahrnehmung der Welt, aus der heraus die Kunstwerke entstanden sind.

Schon im kleinen Dorf wurden Grenzen gezogen.

Meine Großmutter sagte mir manchmal: „Denk nicht dorthin, wo du nicht sollst.“

Der Ton war gar nicht böse, sondern eher besorgt, vielleicht sogar zärtlich. Aber der Satz reichte, um zu spüren, dass ich in Verdacht geraten kann, im Kopf nicht normal zu sein, also krank. Jemand sei aus der Art geschlagen war im Dialekt eine gängige Feststellung. Man sagte das über Personen, die ganz anders als die anderen in der Familie waren. Gemeint war damit etwas mehr als nur ungewöhnlich, es zielte schon auf ungehörig.

Wenn ich heute auf die ahnungslose Verwendung von aus der Art geschlagen zurückschaue, wird es mir mulmig. Mulmig wird mir, weil ich heute weiß, dass aus der Art geschlagen sprachgeschichtlich der Vorstellung von Entartung und entarteter Kunst vorausgeht. Denn wie selbstverständlich wurde bereits vor den Nazis die entartete Kunst auf die Entartung der Künstler zurückgeführt.

Herta Müller

Wenn ich heute auf die ahnungslose Verwendung von aus der Art geschlagen zurückschaue, wird es mir mulmig. Mulmig wird mir, weil ich heute weiß, dass aus der Art geschlagen sprachgeschichtlich der Vorstellung von Entartung und entarteter Kunst vorausgeht. Denn wie selbstverständlich wurde bereits vor den Nazis die entartete Kunst auf die Entartung der Künstler zurückgeführt.

In den Landschaften und Stillleben von Emil Nolde brennen und flackern die Farben. Als würde der Himmel zerplatzen, so gelb kann bei ihm die stechende Sonne sein. Und die Ordnung der Dahlie löst sich bei ihm in einem dicken Blutfleck auf.

Die Fremdheit dieser Farben konnten sich die Nazis nur durch ein krankes Hirn erklären. Emil Nolde nützte es gar nichts, dass er überzeugter Nazi und Antisemit war. Für sie war er trotzdem entartet.

Die Nationalsozialisten führten eine radikale Säuberung der Kunst durch. Aus den Museen verschwanden tausende Bilder. Vertreibung, Flucht, Exil und Mord waren und bleiben die Gründe für das Vergessen vieler Künstler und die Lücken in den öffentlichen Sammlungen. Besonders die Surrealisten, die das Wissen in der Wahrnehmung, die Surrealität des Blicks, zeigen, sind bis heute Raritäten in den deutschen Museen. Dagegen hängen in deutschen Wohnzimmern wahrscheinlich immer noch die harmlosen Landschaften des gesunden Bauernglücks, die man damals in den Naziausstellungen deutscher Kunst kaufen konnte.

Nach dem Nationalsozialismus wurde im osteuropäischen Sozialismus weiter die Kunst gesäubert und Künstler oder politisch Verfolgte als krank diffamiert und in die Psychiatrie gesteckt. Die Sowjets erfanden zur Begründung der Zwangsbehandlung eigens die Diagnose schleichende oder träge Schizophrenie. Entweder hat man mit dem Künstler eine Untersuchung simuliert oder die Diagnose gleich ohne den Patienten gestellt. Antisowjetische Ansichten wurden als Wahnvorstellungen denunziert. Die Folge war Zwangsbehandlung mit hohen Dosen von zerstörenden Medikamenten.

Der Missbrauch der Psychiatrie war ein wichtiges Werkzeug des KGB und wurde von allen osteuropäischen Geheimdiensten übernommen. Die Reminiszenzen davon wirken heute in Putins Russland noch immer oder schon wieder, gepaart mit dem Fundamentalismus der orthodoxen Kirche. Es ist leider schon selbstverständlich, dass heute in Russland Ausstellungen moderner Kunst verwüstet und Theateraufführungen verboten werden und der Kulturminister Stalindenkmäler enthüllt.

Ich hatte mehr Glück als viele andere und konnte die Diktatur verlassen. Aber sie hat mich nicht verlassen.

Herta Müller

Ich hatte mehr Glück als viele andere und konnte die Diktatur verlassen. Aber sie hat mich nicht verlassen. Ich geh durch irgendeine deutsche Stadt, und die Straße entlang fährt ein Umzugsauto. Darauf steht in riesigen Buchstaben: „Wir machen ihren Möbeln Beine“. Das soll verlockend sein. Doch mir stockt der Atem, und das Herz klopft bis in die Stirn. Was weiß so ein Umzugsauto von Heimsuchungen durch Geheimdienste, nach denen Stühle aus der Küche im Zimmer stehen. Es kam etwas schrecklich Fremdes in die Wohnung, weil die Möbel Beine hatten. Und es blieb, wenn man die Wohnung verließ, im Kopf. Es blieb sogar im Kopf, wenn man das Land verließ. Und es blieb meine Verstörtheit bei der Versammlung vieler Menschen. Während der endlos langen Parteiparaden oder Sitzungen in der Fabrik dachte ich mittendrin im Geschehen jedesmal sofort an den Tod. Wer von uns allen wird zuerst sterben? Die Frage kam aus dem Nichts, ich konnte ihr nicht ausweichen. Das blecherne Parteigerede und die Dressur durch Angst machten uns alle gleich. Ich schaute die Gesichter der Reihe nach an. Es war vielleicht nur eine hilflose Beschäftigung, ich wollte im Kopf abwesend sein, weil ich die Anwesenheit nicht mehr ertrug. Und heute sitze ich dreißig Jahre später im Theater, bin doch freiwillig da, will anwesend sein. Aber die Frage: „Wer von uns stirbt zuerst“ kommt an Orten mit vielen Menschen zudringlich wieder und wieder. Beim Anschauen von Gesichtern in Sitzreihen fängt ein Kreislauf an. Nicht immer, aber ich werd ihn nicht los.

Früher durfte ich nicht einmal in andere osteuropäische Länder reisen. Aber nun konnte ich durch Europa reisen, und ich wollte mich bei Freunden melden, ihnen Grüße schicken. Überall gab es die immer gleichen Ansichtskarten. Sie waren kitschig, blauer Himmel, rote Dächer, dickes Grün in den Bäumen. Da fing ich an, mir selbst Postkarten zu machen. Ich kaufte weiße Karteikarten, einen Klebestift und eine kleine Schere, die man damals noch mit ins Flugzeug nehmen durfte. Dann schnitt ich aus der Zeitung ein Bild und ein paar Wörter aus. Ich klebte einzelne Sätze auf die Karte: „Das störrische Wort also“ oder „Wenn es einen Ort wirklich gibt, dann streift er das Verlangen“ oder „Die Taschendiebin die bin ich“.

Ich klebte einzelne Sätze auf die Karte: „Das störrische Wort also“ oder „Wenn es einen Ort wirklich gibt, dann streift er das Verlangen“ oder „Die Taschendiebin die bin ich“.

Herta Müller

Ich war wie besessen, kaum saß ich im Zug oder Flugzeug, fing ich zu kleben an. Die Zeit verging ohne mich, ich spürte sie nicht.

Zuerst benutzte ich nur schwarzweiße Zeitungswörter. Später entdeckte ich, dass gleiche Wörter durch verschiedenes Aussehen ihren Charakter ändern. Sie werden Unikate. Ich suchte mir die Wörter nach Farben, Größen, unterschiedlicher Schrift aus. Ich begann, auch zu Hause Wörter auszuschneiden. Heute liegen abertausende in kleinen Schubladen. Aus den Texten mit den immergleichen schwarzweißen Wörtern wurden nun kleine Theaterstücke aus bunten Wörtern. Das dazugehörige Bild ist geblieben, es stellt sie in einen Raum wie ein Bühnenbild.

Im Tal damals war es ein Dorftheater mit Pflanzen. Auf den Karten spielen nun Wörter in unterschiedlichen Kostümen ihr eigenes Drama.

In meinen Wörterschränkchen sind sie zwar alphabetisch geordnet, liegen in den Schubladen jedoch alle zusammen. Wie eine Ansammlung von Menschen. Die Schubladen sind Bahnhöfe, jede für sich ein Wartesaal. Oft frage ich mich, ob ein Wort froh ist, wenn ich es benutze. Ob es in einen Text wie in einen Zug einsteigen will oder nicht lieber gewartet hätte auf einen späteren Zug im Wartesaal mit all den anderen. Manche Wörter liegen seit Jahren in der Schublade, sie werden alt, das Papier vergilbt und wird spröd. Sie bekommen Falten. Wenn sie dann aber einmal eingestiegen sind, sind sie festgeklebt. Dann ist etwas geschehen, das sich nicht mehr ändern lässt. Wie so oft im Leben.

Eines Tages kam der Reim ins Spiel. Er ist ein kleiner Motor, der den Text von innen auf einen Weg lockt, den er ohne Reim nicht gefunden hätte.

In den ersten Jahren in Deutschland wollte ich die schönen Zeitschriften vor der Mülltonne retten. Vielleicht weil ich mich selbst als gerettet empfand. Es kann aber auch sein, dass ich nur das Zerbrochene in mir selbst wieder zusammenkleben wollte.

Ich tu es bis heute:

Der Mond wird seine
gelbe Trommel tragen später
das halbe Katzengesicht
später die lange Haarnadel
auch dann wird jemand
mondallein gefangen sein
Angst macht nicht
hellsichtig Pfirsich
im Samtkostüm
wächst schnell wie
Gras sag doch was

Herta Müller ist eine der bedeutendsten und engagiertesten Schriftstellerinnen Europas. Sie wurde 1953 in Nitzkydorf (Rumänien) geboren und lebt seit 1987 als Schriftstellerin in Berlin. Für ihre Romane, Wortcollagen und Vorträge wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und ist Trägerin des Nobelpreises für Literatur 2009. Zu ihren bekanntesten Werken gehören „Niederungen“ (1982/1984), „Reisende auf einem Bein“ (1989), „Herztier“ (1994), „Atemschaukel“ (2009) und „Vater telefoniert mit den Fliegen“ (2012).

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