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5 Fragen an... Barbara Hannigan

08. Aug. 2017

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Musacchio & Ianniello Accademia Nazionale di Santa Cecilia

Die Sopranistin Barbara Hannigan ist bekannt für Gesangsauftritte auf internationalen Bühnen und das Dirigieren von Spitzen-Orchestern. Mit ihren Gesangsaufnahmen gewann sie neben vielen weiteren Preisen den amerikanischen Grammy Award und wurde zur Sängerin des Jahres (Opernwelt, 2013) und zur musikalischen Persönlichkeit des Jahres (Syndicat de la Presse Française, 2012) gewählt. Bei der Ruhrtriennale 2017 singt sie die Titelpartie der Mélisande in der Eröffnungsinszenierung „Pélleas et Mélisande“.

Ruhrtriennale: Mit „Pelléas et Mélisande” und „Erik Satie: Socrate” hast du deinen ersten Auftritt bei der Ruhrtriennale. Gibt es etwas, auf das du dich besonders freust?

Barbara Hannigan: Etwas? ALLES! Wo soll ich anfangen? Mit der Musik: Debussy und Satie, beide bahnbrechende französische Komponisten der Jahrhundertwende, die Vokalmusik neu definiert haben und in eine Art mysteriöse, ja esoterische Welt eingetaucht sind. Es ist meine erste Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Sylvain Cambreling. Ich bin sehr überrascht, dass sich unsere Wege bisher noch nicht kreuzen konnten. Er liebt und kennt diese Oper in- und auswendig und unter seiner musikalischen Leitung zu singen, gibt einem sowohl Raum für Atem und Stille als auch für Klang. „Socrate“ wird mit dem niederländischen Pianisten (und Dirgenten) Reinbert de Leeuw stattfinden, einem langjährigen Kollegen und Mentor von mir, mit dem ich vor ein paar Jahren Saties „Socrate“ aufgenommen habe. Die Inszenierung, die wir bei der Ruhrtriennale machen werden, wird eine einzigartige Veranstaltung, weshalb ich mich so darauf freue. Und auf Theater-Ebene: Nach drei wunderschönen Produktionen in den letzten Jahren mit Krszysztof Warlikowski jetzt nicht nur an einem, sondern an zwei Projekten zu arbeiten, lässt den Traum andauern. Unsere Zusammenarbeit hat einen enormen Einfluss auf alles gehabt, was ich tue, und wir befassen uns mit einer Art des Geschichtenerzählens durch Musik, die ich so mit niemand anderem erkunden kann.

Barbara Hannigan und Reinbert de Leeuw © Elmer de Haas

RT: Du bist schon mit dem Part der Mélisande vertraut, die du zum Beispiel in Aix-en-Provence gesungen hast. Was sind auf der einen Seite die anspruchsvollsten und auf der anderen Seite die erfreulichsten Aspekte der Rolle?

BH: Ja, ich habe meine erste Mélisande letzten Sommer in Aix-en-Provence in einer neuen Produktion der Regisseurin Katie Mitchell gesungen. Es war sehr intensiv und konzentrierte sich auf die Geschichte, als ob alles ein Traum von Mélisande wäre. Hier arbeiten wir eher von der „Realität“ der Geschichte ausgehend. Dennoch kann man sich den träumerischen, mysteriösen Aspekten der Musik und der Geschichte nicht entziehen. Die Herausforderung der Rolle besteht darin, den Raum zu schaffen, dass Fragen sich immer wieder neu stellen, Spontaneität zulassen und im Flow von Mélisandes Gesang und ihrer „Antworten“, die niemals Antworten sind. Sie ist bewusst vage, auch wenn dies mehr unbewusster Instinkt ist als ein bewusster Akt des Ausweichens oder der Manipulation. Die Rolle ist ein expressiver schauspielerischer Part und stimmlich ziemlich zurückhaltend. Sie kann entweder von einem Mezzosopran oder einem Sopran gesungen werden, die Notwendigkeit besteht darin, nach Farbe und Fluss im Gesang zu suchen.
 

RT: Dein Zeitplan ist sehr straff. Was hilft dir dabei, dich auf die Aufführungen zu konzentrieren, ohne dich zu überarbeiten?

BH: Ich genieße es, jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren… gute 25 Minuten. Die Hinfahrt ist fast nur bergab, die Rückfahrt zu meiner Mietwohnung wiederum fast nur bergauf. Ich bin sicher, dass darin ein tieferer „Sinn“ liegen muss… Wenn ich Zeit habe, versuche ich in Bochum raus ins Weitmarer Holz zu fahren. Aber in der Tat ist das Risiko der Überarbeitung vorhanden. Ich arbeite gerade an den letzten Details für meine bevorstehende CD-Veröffentlichung, meiner ersten CD als Dirigentin, und das kostet mich viel Energie. Außerdem habe ich eine Initiative für junge professionelle KünstlerInnen namens Equilibrium gegründet, die auch viel meiner „freien“ Zeit beansprucht. Ich schöpfe meine Energie aus meiner Leidenschaft für diese Art von Musikprojekten.

 

© Julian Röder

RT: Vor einigen Jahren hast du begonnen, Orchester zu dirigieren. Wie fühlt es sich für dich als Dirigentin in diesem männerdominierten Bereich an?

BH: Ich kann diese Frage nicht wirklich beantworten. Ich denke nicht darüber nach, wie es sich anfühlt, weiblich zu sein…insbesondere wenn ich Musik mache!
 

RT: Der diesjährige Fokus der Ruhrtriennale liegt auf Utopien. Was denkst du über das Konzept der Utopie? Brauchen wir eine gemeinsame Vision für eine bessere Gesellschaft?

BH: Hmmm, Utopie. Die Definition, die ich für Utopie gefunden habe, lautet ein imaginärer Ort oder Zustand, in dem alles perfekt ist. Ich denke, das Schlüsselwort ist imaginär. Wir können uns Perfektion vorstellen, aber wäre es nicht besser, sich den Prozess hin zu einer besseren Gesellschaft vorzustellen? Oder gehen wir von der Idee aus, dass Perfektion schon existiert, in der Natur, im Klang, in jedem von uns und in allem…Perfektion als etwas uns allen Innewohnendes zu akzeptieren, die Idee zu zelebrieren, dass unsere Fehler auch Teil unserer Perfektion sind, dann finde ich es einen interessanten und positiven Weg, den es zu erkunden gilt. Und darüber, ob wir eine gemeinsame Vision für eine bessere Gesellschaft brauchen, denke ich, dass eine gemeinsame Vision ohne achtbare, intelligente und mitfühlende AnführerInnen, die andere inspirieren können, unmöglich ist.

 

Bei der Ruhrtriennale ist Barbara Hannigan in diesem Sommer in Krzysztof Warlikowskis Neuinszenierung von Debussys Oper „Pelléas et Mélisande“ (ab dem 18.8.) und in „Erik Satie: Socrate" (20.8.) zu sehen.

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