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Lasst uns Xhosa lernen!

19. Jul. 2017

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Ruhrtriennale

Eine Woche lang war ich in Kapstadt, Südafrika, beim ASSITEJ Kongress „Cradle of Creativity“. Alle drei Jahre findet dieser Kongress in einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent statt. ASSITEJ bringt Organisationen und Einzelpersonen zusammen, die Theater für Kinder und junge Menschen machen. Neben der Aufführung wegweisender Kinder- und Jugendtheaterproduktionen aus aller Welt finden Diskussionen statt mit Profis, die mit Leidenschaft und Können Theater für und mit Kindern und Jugendlichen machen.

Geplant war also eine Anreise mit mehreren Teenagern der Gruppe Mit Ohne Alles, die dieses Jahr zum zweiten Mal das Projekt „Teentalitarismus“ bei der Ruhrtriennale veranstalten. Da die Einreise mit Minderjährigen nach Südafrika schwierig ist – insbesondere wenn es nicht die eigenen Kinder sind, sie nicht im Besitz eines deutschen Passes sind oder nicht wissen, wo ein Elternteil lebt –, reiste ich mit Emma an. So vertrat Emma, Teilnehmerin der Gruppe Mit Ohne Alles und zugleich meine Tochter, das Projekt „Teentalitarismus“.

In Kapstadt angekommen. © Ruhrtriennale

Am 20. Mai kamen wir beide am anderen Ende der Welt, am südlichsten Zipfel des afrikanischen Kontinents an. Schon einen Tag später ging es in aller Frühe mit einem Bus los zu dem Ort des Kongresses, nach Vrygrond (Freeground, freies Land). Ich wusste nicht, wo das ist – ein bisschen außerhalb des Zentrums von Kapstadt, das hatte ich auf Google Maps gesehen. Allerdings war ich nicht darauf vorbereitet, dass wir im Community Zentrum eines Townships landen würden. Um es vorwegzunehmen: Es war das Beste, was uns passieren konnte. Dass die OrganisatorInnen dieses Kongresses, gemeinsam mit dem Verein „Drama for Life“, mit großem Selbstverständnis die Townships der Stadt zum integralen Bestandteil des Festivals gemacht haben, ist ein großes Verdienst. Hier leben die meisten Kinder Kapstadts, hier wohnt die Zukunft dieser Stadt.

Neben den BewohnerInnen des Townships – vor allem Kindern und Jugendlichen – kamen KongressteilnehmerInnen aus aller Welt. Es dauerte eine Weile, bis alle miteinander warm wurden. Wir, die internationalen Gäste, standen erst am Rande des Geschehens, in kleinen Gruppen und fühlten uns fremd. Ich habe den japanischen Teilnehmer beneidet, der Kreisel mitgebracht hatte und damit Kunststücke für die Kinder machte. Bei der Begrüßung wurde noch ein Musik- und Tanzprogramm von Community Mitgliedern angekündigt. Wann es stattfinden sollte, wusste man nicht so genau. Es dauerte, der Zeitplan wurde schon am Anfang durcheinandergewürfelt. Das entspannte mich und machte mir klar, dass dieser Tag und dieser Ort dazu da waren, ins Gespräch zu kommen, sich zu begegnen. Und irgendwann auch über die Arbeit zu sprechen. An diesem Tag ging es in verschiedenen Räumen des Zentrums und der Grundschule um Theater mit Kindern für Kinder. Es wurde geredet, gemeinsam Theater geschaut, gegessen, gelacht, geweint, Musik gemacht.

Beim ASSITEJ Kongress „Cradle of Creativity“ wurde getanzt und gelacht. © Ruhrtriennale

An diesem Tag hielten Emma und ich auch einen Vortrag zu „Teentalitarismus“, unserem Teenager-Projekt, das in diesem Jahr in die zweite Runde geht. „Teentalitarismus“ ermöglicht Teenagern durch ihre Kunst und das Reden darüber, sich – egal wo auf diesem Erdball – selbst zu vertreten und eine Stimme zu haben. Emma berichtete mit viel Leidenschaft von „Teentalitarismus“. Die Reaktionen des Publikums verdeutlichten, wie wichtig die Bemühungen der Ruhrtriennale sind, dass Teenager sich selber vertreten können. Bei der großen Auftaktkonferenz des Festivals, Ityarn, wurde kontrovers darüber diskutiert, dass keine jungen Menschen vor Ort sind, um sich zu beteiligen und ihre Meinung zu äußern, wie Theater für und mit ihnen aussehen soll. Wir leisteten also unseren Beitrag, beziehungsweise Emma tat das.

Bei unserem Vortrag erlebte ich außerdem das erste Mal Gcebile Dlamini, eine Regisseurin vom Hillbrow Theater aus Johannesburg. Hillbrow ist ebenfalls ein Township und das Theater dort ein Ort der Sicherheit und Freiheit, nicht nur für Kinder und Jugendliche. Eine Gruppe Teenager aus diesem Theater hat an dem Projekt „Connected“ teilgenommen, einer Kooperation zwischen den beiden Johannesburger Theatern Well Worn Theater und dem Hillbrow Theater sowie dem englischen Theater Talk to an Idiot. Gcibile erzählte sehr bewegend von einer Teilnehmerin des Projektes, die nun, drei Jahre später, auf der Straße lebt. In dem Moment fühlte ich mich ihr sehr nah. So ist das, wenn man mit Jugendlichen Theater macht. Es ist immer mehr als nur Kunst, man ist so viel mehr als nur Regisseurin oder Dramaturgin oder Theaterpädagogin. Die Verantwortung für und die Zuneigung zu den Teilnehmenden machen einen zur Diskussionspartnerin, Sozialarbeiterin, Freundin, Familientherapeutin und vielem mehr.

Emma und Cathrin Rose halten ihren Vortrag zu „Teentalitarismus“. © Ruhrtriennale

Zwei Tage später sah ich Gcebile wieder bei der Aufführung „young@home“ des Hillbrow Theaters und ich merkte im Gespräch, dass mich mit dieser Frau aus Johannesburg mehr verbindet als uns trennt. In ihrer Theaterarbeit standen Jugendliche, SeniorInnen und Menschen mit Behinderung gemeinsam auf der Bühne. Sie erzählten persönliche Geschichten, in diversen afrikanischen Sprachen, die ich alle nicht spreche. Wenn man eine Sprachen nicht versteht, kann man auf so viele andere Dinge achten: wie die PerformerInnen miteinander umgehen; was an Inhalt durch Bewegung, Interaktion, Gesang transportiert wird; wie das Publikum miteinbezogen wird. Sie spielten ohne Technik, ohne Beleuchtung, ohne viele Dinge, die sie auf ihrer Bühne in Johannesburg nutzen können. „young@home“ war eine starke Aufführung, getragen von der Präsenz der AkteurInnen und ihrem sensiblen Zusammenspiel.

In Deutschland lernen immer mehr Kinder schon im Kindergarten Chinesisch. Bei den meisten von ihnen wollen die Eltern den Kindern einen Vorteil für die Zukunft verschaffen und ihnen beim Reich-Werden helfen. Die kapitalistische Zukunft liegt in China. Wie Darren O´Donnell im Programmbuch zu „Teentalitarismus“ schreibt, ist es unser Ziel, den Kapitalismus zu Fall zu bringen und „die gegenwärtigen Wirtschaftsbeziehungen zu transformieren: durch die Forderung der Teilhabe von Menschen (jungen Menschen), die einfach nicht besonders gut im Kapitalismus sind, die aber andere Fähigkeiten haben, die zu neuen Organisationsformen und Ordnungen führen können.“

Man sollte eine Sprache lernen, weil man sich mit den Menschen in dem Land verbinden will, weil man sie verstehen und mit ihnen reden möchte. In Südafrika lernte ich Menschen kennen, mit denen mich viel verbindet. Und ich möchte sie gerne besser verstehen, daher will ich ihre Sprache lernen. Xhosa ist eine unglaublich schöne Sprache. Keine Ahnung, wie ich die Klicklaute je hinbekomme. Aber ich werde es versuchen.


Weitere Infos zum Teentalitarimus gibt es hier.

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