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5 Fragen an... Sue Buckmaster

02. Jun. 2017

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Ben Hopper

Sue Buckmaster ist Theaterschaffende in vierter Generation und künstlerische Leiterin von Theatre-Rites. Sie verfügt über vieljährige Erfahrung als Regisseurin, Figurentheatermacherin und Lehrerin und arbeitete mit einer Vielzahl von Ensembles weltweit zusammen. An dieser Stelle erzählt sie von ihren Festivalerinnerungen, ihrer Zusammenarbeit mit Keith Saha von 20 Stories High und davon, wie ein Stück entsteht.

Ruhrtriennale: In „The Broke ‘N’ Beat Collective“ geht es um die Höhen und Tiefen von Jugendlichen im Großstadtdschungel. Wie ist dieses Konzept entstanden? Woher kamen die Storys der einzelnen Personen genau?

Sue Buckmaster: Vor einigen Jahren habe ich Keith Saha, künstlerischer Ko-Leiter von 20 Stories High, getroffen. 20 Stories High ist ein Theater mit Sitz in Liverpool, das auf künstlerische Produktionen mit und für junge Menschen spezialisiert ist. Keith bat mich, ihn für die Erarbeitung eines neuen Stückes mit Puppen zu beraten und behilflich zu sein. Während dieser Zusammenarbeit hat sich eine enge Verbindung entwickelt. Ich habe sehr viel von ihm über die Kraft des Hip Hop-Theaters gelernt und wurde durch die Geschichten von benachteiligten jungen Menschen inspiriert. Keith und ich haben uns viel darüber ausgetauscht, dass wir diese jungen Menschen, die durch Sparmaßnahmen der Regierung vernachlässigt wurden, in ihrer Persönlichkeit  stärken wollen.

Schließlich haben wir in Workshops in London und Liverpool mit Jugendlichen über ihre Probleme gesprochen. Die Geschichten, die wir für das spätere Stück ausgewählt haben, durchliefen einen langen Redaktionsprozess. Dabei haben wir die tatsächlichen Erlebnisse der Jugendlichen, meine entwickelten Ideen und Metaphern für die Puppen, die Erfahrungen der ausgewählten PerformerInnen und die Workshop-Ideen einfließen lassen.

© Robert Day

RT: Was kommt eigentlich als Erstes – die Idee für die Puppe oder das Stück? Und wer kreiert die Puppen?

SB: Keith als Schriftsteller und ich als Puppendesignerin arbeiten sehr eng zusammen und keiner von uns beiden bestimmt den künstlerischen Prozess. Es ist vielmehr ein gegenseitiger Austausch: Mal schlage ich ein Objekt oder Material vor, das für eine neue Puppe verwendet werden könnte, woraus sich für Keith eine neue Geschichte ergibt. Dann wiederum hat Keith eine Idee für eine Geschichte und ich gestalte eine Puppe, die diese Idee verkörpert. Für „The Broke ‘N’ Beat Collective“ hatte Keith beispielsweise ein paar Ideen für eine Geschichte über ein Mädchen, das sich selbst ritzt. So kam mir die Idee einer Papierpuppe, da wir dieses Material mit dem Wort „Schneiden/Ritzen“ (Englisch: papercut) assoziieren. Und so haben sich die Ideen und Texte für das Stück immer weiter entwickelt.

Die Fragilität und Stärke, die den Puppen durch ihre eigene materielle Beschaffenheit innewohnt, interessiert mich am meisten. Ihr Material inspiriert zu den schönsten poetischen Metaphern und haucht ihnen Leben ein.

Wir arbeiten mit einer Vielzahl von PuppenmacherInnen zusammen, die sich auf unterschiedlichstes Material spezialisiert haben. Ich wähle alles sehr sorgfältig aus und verbringe viel Zeit mit dem Entwurf eines Prototyps.

© Robert Day

RT: Es scheint dir sehr wichtig zu sein, ein für ein junges Publikum zugängliches Theater zu schaffen. Deine Shows sind nicht nur spielerisch, sondern teilweise auch interaktiv gestaltet und drehen sich um Themen wie Geld, Recycling und Religion. Wie wichtig ist es dir, dass Kinder und Jugendliche durch deine Stücke lernen?

SB: „Lernen“ im Sinne von „erziehen“ ist nicht die treibende Kraft eines kreativen Prozesses. Das ist die Aufgabe von Schulen. Die Aufgabe eines Künstlers ist es, das Publikum zur Selbstreflexion und zur Auseinandersetzung mit eigenen Themen oder Problemen anzuregen. Das Lernen kann ein Teil davon sein, ist aber nicht die zentrale Intention. Außerhalb von strukturierten Erziehungsprozessen können sowohl Kinder als auch Erwachsene über multiple Wege lernen und reflektieren, um so ihr eigenes Umfeld zu verstehen. Das ist das Entscheidende, was wir anstoßen wollen.

Ich mag es sehr, kreative Shows zu entwickeln, die Erwachsene ansprechen und gleichzeitig Kinder nicht ausschließen. Es entsteht etwas Einzigartiges, sobald Erwachsene und Kinder diese gemeinsamen Erfahrungen teilen. Nichtsdestotrotz gibt es Produktionen wie „The Broke ‘N’ Beat Collective“, bei denen es wichtig ist, dass Teenager auch ohne ihre Eltern kommen können, um das Erwachsen-Sein zu erleben.

© Robert Day

RT: Johan Simons stellt seine diesjährige Spielzeit unter die Begriffe „Freude“ „schöner“ „Götterfunken“, die Schillers Ode „An die Freude“ entlehnt sind. Zukunftsvisionen und Utopien rücken damit in den Fokus der Ruhrtriennale 2017. Was ist dein persönlicher Ausblick, wenn du an die Zukunft denkst?

SB: Ich bin besorgt um unsere Zukunft, welche scheinbar in den Händen von ein paar wenigen liegt, die die Idee von Teilhabe nicht zu kennen scheinen. Ich sorge mich um einen Großteil der Bevölkerung, der in Armut lebt oder mit dem digitalen Zeitalter überfordert ist, in dem viele einen angstfreien Umgang mit der Digitalisierung nicht gelernt haben. Absichtlich geschürte Angst ist ein mächtiges politisches Instrument. Deswegen ist meine positive Vision für die Zukunft, Menschen, vor allem Kinder, in ihren Fähigkeiten zu stärken, mit diesem neuen Informationszeitalter umzugehen. Ich glaube, dass eine Investition in Kunst, in das Wohlbefinden und in Zeitmanagement-Skills sowohl uns als auch unserem Planeten helfen werden, sich in eine bessere Richtung zu entwickeln.

„Freude“, „schöner“ und „Götterfunken“. Für mich bedeuten sie jene Momente, in denen uns bewusst wird, dass etwas Schönheit birgt, das uns zunächst hässlich erschien. Oder die Freude, die folgt, nachdem wir Kummer ertragen haben. Der Glaube an Gott gehört für mich zu Glaubenssystemen, die wir respektieren und aus denen wir auswählen können. Die Hip-Hop-Kultur, die „The Broke ‘N’ Beat Collective“ aufgreift, ist auch ein Glaubenssystem. Es ist eine Lebensphilosophie. Es bietet seinen AnhängerInnen eine Vielzahl an Möglichkeiten, wie man mit der Welt in Kontakt treten, seine eigenen Geschichten erzählen und verstehen kann.

RT: Du warst ja schon bereits mit „Salt“ (2008) und „Paradise“ (2010) bei der Ruhrtriennale zu Gast. Was ist dir von diesen Spielzeiten in Erinnerung geblieben?  Und auf was freust du dich dieses Jahr besonders?

SB: Die Ruhrtriennale ist ein renommiertes und wunderbares Fest der Künste. Ich erinnere mich gerne an die Intendantin Marie Zimmermann, die eine erste Verbindung von Theatre-Rites zur Ruhrtriennale geschaffen hat, wenngleich ihr Leben kurz danach endete. In Erinnerung an sie inszenierten wir „Salt“, eine für uns unvergessliche Begegnung mit der Ruhr-Region. Ich erinnere mich vor allem noch daran, dass Willy Decker unsere Vorstellung besuchte, kurz bevor er seine Intendanz bei der Ruhrtriennale antrat. Ich war begeistert von seinem Glauben an uns und unsere Idee. Außerdem war es uns ein großes Vergnügen Cathrin Rose, Dramaturgin der Ruhrtriennale, kennenzulernen. Sie hat einen ganz speziellen Blick dafür, Produktionen in das Gefüge von Johan Simons' Intendanz einzuflechten. Unsere gemeinsamen Visionen haben sich über die Jahre entwickelt und zu einer dritten Show für das Festival geführt, die völlig unterschiedlich zu „Salt“ und „Paradise“ ist.

Ich habe sehr viele schöne Erinnerungen daran, mit Theatre-Rites ein Teil der Ruhrtriennale zu sein. Aber was mich am meisten erstaunt, ist wie verbunden ich mich fühle mit dieser Region und der Art wie jeder Intendant das Festival auf seine Weise prägt.


„The Broke ‘N’ Beat Collective“ feiert am 16. September Deutschlandpremiere bei der Ruhrtriennale. Alle Infos gibt es hier.

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