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5 Fragen an... Nicolas Stemann

14. Jun. 2017

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Sima Dehgani

Nicolas Stemann studierte Regie in Wien und in Hamburg. Zu seinen bekanntesten Arbeiten zählen „WERTHER!“, „Rein Gold“, „Terror-Trilogie“, „Möwe“ und „Verschwörung“.
2012 erhielt er für seine „Faust“-Inszenierung den 3sat-Preis des Berliner Theatertreffens aufgrund seiner richtungsweisenden künstlerisch-innovativen Leistung und wurde zum Regisseur des Jahres gewählt. Seit der Spielzeit 2015/16 ist Nicolas Stemann Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen. Bei der diesjährigen Ruhrtriennale 2017 inszeniert er Elfriede Jelineks „Kein Licht.“ 

Ruhrtriennale: Bei der Ruhrtriennale 2017 führst du bei „Kein Licht.“ Regie – ein Großprojekt, an dem viele Akteure, MusikerInnen und KünstlerInnen aus verschiedenen Ländern beteiligt sind. Wie behält man da noch den Überblick?

Nicolas Stemann: Für eine Oper ist das ja eher ein kleines Projekt: 16 MusikerInnen, 4 Sänger-SolistInnen, 2 SchauspielerInnen, ein vierköpfiger Chor – und ein Hund. Das Komplizierte ist, dass viele verschiedene Länder beteiligt sind, die oft unterschiedliche Mentalitäten im Umgang mit Planung haben. Aber auch damit kommt man irgendwann zurecht. Die besondere Herausforderung bei diesem Projekt liegt darin, dass Philippe Manoury und ich uns von vornherein darauf verständigt haben, dass es als Work-in-progress angelegt ist. Das ist etwas, das im Musiktheater absolut unüblich ist: Das Werk wird zu Beginn der Proben nicht fertig sein und im Laufe der Proben weiterentwickelt werden. Das stellt einen Opern-Apparat, insbesondere ein Orchester, vor besondere Aufgaben. Mir ist dieses prozesshafte Arbeiten allerdings sehr nah, eigentlich arbeite ich immer so. Es ist nicht ganz einfach, einen solchen Apparat, der ja vor allem auf Virtuosität und Reproduktion angelegt ist, mit der Flexibilität der eigenen Arbeit zu konfrontieren, aber wenn man diesen Kampf wagt, dann wird er belohnt. Bei „Rein Gold“ an der Berliner Staatsoper haben wir Dinge gemacht, von denen alle bislang dachten, sie wären an der Oper unmöglich: Wir haben Wagner auseinandergeschnitten und neu zusammengesetzt, den Walkürenritt rückwärts gespielt, Siegfrieds Trauermarsch mit „No More Heroes“ von den Stranglers kombiniert, die Musik mit Live-Elektronik überlegt und das Ganze mit Sprechtheater kombiniert – im großen Haus, nicht auf irgendeiner Studiobühne. Dazu saß das Orchester (immerhin die Berliner Staatskapelle!) nicht im Graben, sondern auf einem rollenden Podium und fuhr die ganze Zeit hin und her. Wenn man so etwas einmal erfolgreich durchgesetzt hat, kann einen so schnell nichts mehr schocken.

Proben bei "Kein Licht." © Ircam

RT: „Kein Licht.“ wird als „Thinkspiel“ bezeichnet. Die SchauspielerInnen werden außerdem in Echtzeit mit dem Eingreifen von Musik und Sprache konfrontiert. Was die ZuschauerInnen sehen und hören, passiert quasi im Moment, das Bühnengeschehen ist nicht geplant. Kannst du sowohl den Begriff „Thinkspiel“ als auch den Kreativprozess etwas genauer beschreiben?

NS: Der Begriff „Thinkspiel“ stammt von Philippe Manoury. Ich denke, er verwendet ihn in Abgrenzung zu anderen Opern (auch seinen eigenen), die bei aller Größe und Dynamik oft hermetisch sind. Philippe möchte, dass es nicht nur formal sondern auch lebendig ist, sinnlich – aber eben auch denkend. Dafür hat er sich eine offene Arbeitsweise, wie ich sie verfolge, ausdrücklich gewünscht. Anders als bei seinen bisherigen Opern komponiert er bei „Kein Licht.“ keine abgeschlossene Partitur, die dann nur noch geübt und geprobt wird, sondern einzelne Module, die wir erst während der Proben also im Prozess zu einer fertigen Oper zusammenführen werden. Diese werden verwoben mit Szenen ohne Musik und Sequenzen, die mit Live-Elektronik arbeiten, die teils direkt von der gesprochenen Sprache angesteuert wird. Teile der Musik entstehen also erst während der Vorstellungen – andere sind natürlich vorkomponiert. Eine solche Form findet ihre Entsprechung in den Texten von Elfriede Jelinek. Auch hier hat man den Eindruck, der Text wäre nie fertig und würde die ganze Zeit weiterdenken. Das macht die Texte so unmittelbar und gegenwärtig. Jelinek hat bis vor wenigen Wochen noch weitergeschrieben: einen dritten Teil zu „Kein Licht.“, in dem es um Donald Trump geht. Dazu konnte Philippe dann noch etwas komponieren und der Text konnte in die Proben einfließen. So etwas wäre normalerweise in der Oper undenkbar!

 

Nicolas Stemann bei den Proben zu "Kein Licht." © Ircam

RT: Du hast unter anderem an der Theaterakademie Hamburg bei Jürgen Flimm, dem Intendanten der Ruhrtriennale 2005-2007/8, studiert. Gibt es etwas, was dich mit der Ruhrtriennale verbindet oder anders gefragt, was du mit der Ruhrtriennale verbindest?

NS: Jürgen Flimm hatte mich damals gefragt, ob ich etwas bei der Ruhrtriennale machen möchte. Ich hatte zu der Zeit gerade mit dem Tanzprojekt „El Colegio del Cuerpo“ aus Kolumbien gearbeitet, und hatte vorgeschlagen, mit ihnen hier ein Projekt zu machen. Leider haben wir das dann doch nicht realisiert. Deshalb freue ich mich umso mehr, dieses Jahr hier arbeiten zu können.


RT: Bereits seit 2002 arbeitest du regelmäßig mit der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek zusammen. Bist du mittlerweile ein „Jelinek-Experte“?

NS: „Kein Licht.“ ist, glaube ich, meine elfte Jelinek-Inszenierung. Dabei muss ich sagen, dass ich noch immer nicht weiß, wie es geht. Von Revue über Tragödie bis zum offenen Happening – ich habe eine Menge mit ihren Texten veranstaltet und erlebt. Das Schöne ist, dass sie sich noch immer über meine Inszenierungen freut und noch immer neue Dinge entstehen – wie jetzt etwa diese Oper. 2002 als ich „Das Werk“ inszenierte, wusste eigentlich kaum einer, wie man mit diesen Texten umgehen soll. Einar Schleef war gerade gestorben, und dann gab es noch den eher realistischen Zugriff Jossi Wielers. Aus meiner Generation gab es niemanden, der sich da herangetraut oder sich dafür interessiert hat. Ich denke, ich habe viel ausprobiert und dadurch auch die Tür für andere RegisseurInnen geöffnet. Sie schreibt ja sehr viel – mehr als ich inszenieren kann. Da müssen jetzt auch mal andere ran.


RT: Utopien und Zukunftsvisionen stehen im Fokus der diesjährigen Ruhrtriennale-Spielzeit. Wie würdest du folgenden Satz beenden: Denke ich an die Zukunft, dann…?

NS: „…bin ich sehr besorgt.“ Es tut mir leid, dass ich mit mehr im Moment nicht dienen kann.

„Kein Licht.“ feiert am 25. August Premiere bei der Ruhrtriennale. Alle Infos gibt es hier.

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