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5 Fragen an... Johan Simons

11. Apr. 2017

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Heike Kandalowki/Ruhrtriennale 2016

2017 beschließt Johan Simons seine Zeit als Intendant der Ruhrtriennale. „Seid umschlungen“ war seit der Spielzeit 2015 das Motto seiner Ruhrtriennale. In diesem Jahr blickt er mit „Freude“, „schöner“, „Götterfunken“ in die Zukunft. Ein Grund mehr ihm ein paar Fragen zu stellen.

Ruhrtriennale: In dieser Spielzeit thematisierst du Zukunftsvisionen. Was erwartet die BesucherInnen während des Festivals?

Johan Simons: Es wird das dritte und letzte Jahr meiner Intendanz. Ich habe das Gefühl, dass die Vorstellung, die wir von der Zukunft hatten, vor drei Jahren ganz anders war als jetzt. Die Welt hat sich in den vergangenen drei Jahren unglaublich schnell geändert, viel schneller als während der Jahre, in denen ich Intendant der Münchner Kammerspiele war, scheint mir. In München hatten wir das Gefühl noch an einer Welt bauen zu können, jetzt scheint unsere Welt aus den Fugen. Die Nachrichtenlage wird zunehmend schneller, alarmistischer, beunruhigender. Alle bekommen ständig und sofort mit, was überall auf der Welt passiert. Innerhalb einer Sekunde wissen wir scheinbar alles über das Elend in der Welt: Attentate, Umweltkatastrophen, populistische Tendenzen etc. Twitter beispielsweise hat so viel Macht, dass Populisten wie Trump in einer Sekunde mit einer Aussage alle geltenden Ideale über Bord werfen können. Argumente spielen keine Rolle mehr, nur noch das Bauchgefühl. Eine Sekunde bedeutet heute etwas anderes als früher. In einer Sekunde können heute Millionen verdient und verloren werden. Davon handelt auch „Cosmopolis“, das ich diesen Sommer als Musiktheater bei der Ruhrtriennale inszeniere. Das Nachdenken verschwindet aus der Zeit, es gibt nur noch das Jetzt. Ein Festival hat für mich aber die Aufgabe, dem etwas gegenüber zu stellen. Die Ruhrtriennale, das sind sechs Wochen Reflexion, in denen sich Zeit intensiviert.

© Heike Kandalowski / Ruhrtriennale 2016

RT: Welchen Stellenwert haben Utopien für dich? Künstlerisch, politisch und persönlich?

JS: Ich verweise hier gerne auf Gerard Mortier, den Gründungsintendanten der Ruhrtriennale, der immer sagte, dass das 20. Jahrhundert uns deutlich gemacht hat, wie gefährlich es ist, Utopien politisch realisieren zu wollen. Für ihn ist der einzige Ort, an dem Utopien möglich sind, die Musik. Ein Komponist wie Beethoven kann uns in seiner 9. Sinfonie für einen Augenblick wirklich das Gefühl geben, dass alle Menschen Brüder werden können. Am Ende seiner „Missa Solemnis“ lässt er uns im „dona nobis pacem“ von Weltfrieden träumen – das ist ergreifend. Ich denke auch an die Schlusstakte von „Pelléas et Mélisande“ von Claude Debussy, da scheinen wir für einen kurzen Moment loszukommen von allem Materiellen. Künstlerische Utopien können eine Gesellschaft dazu inspirieren, über die Zukunft nachzudenken. Während politische Utopien oft eine konkrete Handlung von den Menschen fordern, regen utopische Entwürfe der Kunst eher den Einzelnen dazu an, eigene Zukunftsvisionen zu entwickeln.

RT: In der Musiktheaterproduktion „Cosmopolis“ – deiner letzten Regiearbeit als Intendant der Ruhrtriennale – fährt ein junger Spekulant mit seiner Limousine durch New York. Mit wem würdest du gerne einen Tag in einer Limousine verbringen?

JS: Mit Slavoj Zizek, ein engagierter Philosoph, der über verschwundene Errungenschaften nachdenkt. Er redet nicht nur über Utopien, sondern auch über ihr Verschwinden. Er wagt es zu sagen, dass manche Ideen von früher, so wie zum Beispiel der Kommunismus, vielleicht wertvoller waren als viele zeitgenössische Ideologien wie der Neoliberalismus. Sie sind nur falsch interpretiert oder falsch umgesetzt worden. Ihm möchte ich gerne mal auf den Zahn fühlen und mit ihm seine Thesen diskutieren.

© JU/Ruhrtriennale 2015

RT: Mit der Ruhrtriennale hast du das Ruhrgebiet „umschlungen“. Warum? Und wer umschlingt eigentlich dich?

JS: Ich habe versucht, das Ruhrgebiet mit Kunst und mit der Ruhrtriennale zu umschlingen, weil ich finde, dass die Ruhrtriennale ein ganz anderes Festival ist als die vielen anderen Kunstfestivals. Die Ruhrtriennale findet in alten Industriegebäuden statt, in denen Menschen jahrzehntelang hart gearbeitet haben. Diese Gebäude sind jetzt zum kulturellen Erbe geworden, aber wir dürfen ihren Ursprung nicht vergessen. Die Ruhrtriennale sollte sich nicht nur an eine Kulturelite richten, sondern an alle BewohnerInnen des Ruhrgebiets. Wir müssen auf die Leute zugehen, zum Beispiel indem wir unerwartete Konzerte auf öffentlichen Plätzen spielen oder neue Spielorte entdecken, zu denen wir die Menschen einladen. Das meinte ich mit „umschlingen“. Wenn ich an „Accattone“ in Dinslaken denke, meine erste Inszenierung als Ruhrtriennale-Intendant, dann war das auch ein „Umschlingen“. Auf einmal sind wir an einem ganz neuen Ort und begegnen Menschen, die vorher noch nie bei der Ruhrtriennale waren. Der Weg von der Zentralwerkstatt zur Kohlenmischhalle der Zeche Lohberg, den die ZuschauerInnen zu ihren Sitzplätzen gehen mussten, war für mich schon ein Teil der Inszenierung, ein künstlerisches Umschlingen. Die Leute waren ein Teil der Inszenierung. Es war wie eine Prozession.

Und wer umschlingt mich? Meine Frau natürlich.

© Edi Szekely / Ruhrtriennale 2015

RT: Was sind deine schönsten Festivalerinnerungen oder –momente? Dein Souvenir aus bald drei Jahren Ruhrtriennale?


JS: Die Tatsache, dass in diesem Festival „Ritournelle“, die Nacht der elektronischen Musik, neben einem Avantgarde-Stück wie „Prometeo“ von Luigi Nono stattfindet. Bei der Ruhrtriennale ist ein ganz breites Programm möglich, das ganz unterschiedliche Menschen erreichen kann. Ganz schön fand ich immer, dass man diese Vielfalt auch in den Hallen sehen kann. In der Jahrhunderthalle zum Beispiel. Während man sich in der einen Halle ein Theaterstück ansieht oder ein Konzert besucht, kann man in den anderen Teilen des Gebäudes schon die Bühnenbilder von anderen Stücken in der Probenphase sehen. Dass die Vielfältigkeit und Wandelbarkeit der Orte auch auf diese Art sichtbar wird, gefällt mir.

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