Skip to main content

Teentalitarismus – Ein Manifest

06. Dez. 2016

Title image

Heike Kandalowski/Ruhrtriennale 2016

Wenn man die Wünsche und Forderungen von Jugendlichen sechs Wochen in den Fokus stellt, dann sollten diese auch gehört werden. Also verfassten die Jugendlichen der Gruppe „Mit Ohne Alles“ ein Manifest. Mit ihren Wünschen, Erwartungen und konkreten Forderungen an die Gesellschaft, deren Teil sie sind.
 

MANIFEST

[Hand auf's Herz]


Wir sind Teenager im Jahr 2016,
geboren, emigriert nach oder geflohen in ein Land
namens Deutschland,
und wir leben im Ruhrgebiet.

Wir repräsentieren diverse Sichtweisen
der Mitglieder unserer Gruppierung.
Über die folgenden Forderungen haben wir lange
gemeinsam nachgedacht und diskutiert.
Erwartungsvoll teilen wir unsere Formulierungen der Ziele
und bitten Sie, alles in Ihrer Macht stehende zu tun,
um diese in die Tat zu überführen.
Im Folgenden haben wir formuliert, was uns sehr wichtig ist.

© Heike Kandalowski/Ruhrtriennale 2016

Städte
--------
An den diensthabenden Oberbügermeister und die Mitglieder
des Stadtrates:

Als Schülerinnen und Schüler sind wir auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen.
Da die Busse vor und nach der Schule so übervoll verkehren, ist eine pünktliche Ankunft in der Schule oftmals gefährdet.
Der Einsatz von mehr oder größeren Bussen könnte dem Problem entgegenwirken.
Zusätzlich wäre es sinnvoll, die Abfahrtszeiten auf Monitoren ablesen zu können, um eventuelle Verspätungen abfangen zu können.

Ich bin eine Zeit lang jeden Tag zu spät gekommen.
Mein normaler Bus kommt um 23 nach 7
und der ist dann meistens zu voll
und der E-Bus kommt nicht pünktlich.
Dann komm ich zu spät und muss Protokolle schreiben.
Wir werden nicht reingelassen.
Wir verpassen eine ganze Doppelstunde.

Die Einführung der generell kostenlosen Beförderung durch die Verkehrsmittel der Bogestra und angrenzender Städte im Ruhrgebiet für Kinder und Teenager bis zum 18. Lebensjahr wird von uns erhofft, nicht nur zur Nutzung von Freizeitangeboten, sondern, um den verpflichtenden Schulbesuch zu erleichtern. Eine Aufrüstung aller Stadtbusse mit kostenlosem W-LAN ist wünschenswert.

Um mehr Teenagern den Zugang zu Bildungsangeboten durch Kultur und Sport zu ermöglichen, wäre ein genereller Eintrittserlass zielführend.
Gerne stehen wir für Gespräche zur Verfügung, die zu einer Erweiterung der Angebote führen sollen, die sich an Kinder und Teenager richten.

Wir sind Teenager,
wir bekommen kaum Geld,
wir verdienen kein Geld,
wir dürfen nicht arbeiten.
--------

© Heike Kandalowski/Ruhrtriennale 2016

SCHULE
--------

Die im Folgenden dargelegten Probleme sind gerichtet an den Schulrat, das
Schulministerium, DirektorInnen und LehrerInnen der Schulen NRWs:

Um Familien mit einem geringen Einkommen weitestgehend zu unterstützen, fordern wir, dass jegliche verpflichtenden und benötigten Schul- und Unterrichtsmaterialien von der Schule gestellt oder bezahlt werden (wie z. B. Taschenrechner und Bücher). Des Weiteren wünschen wir der jetzigen und folgenden Generation, eine technisch angepasste Inneneinrichtung, um ein modernes Lernen zu ermöglichen.

Wir müssen 105 Euro für Mathe ausgeben.

Die Oberstufenschüler müssen 85 Euro für einen Taschenrechner bezahlen.

Die Kursfahrt nach Auschwitz kostet 100 Euro.

Wir müssen 50 Euro zahlen für zwei Bücher.

Der Schülerausweis kostet 1 Euro, das Schließfach 20 Euro. Kopierkosten von 10 Euro pro Schuljahr.

Durch Erneuerung und bessere Instandhaltung der Toiletten und eine Verschönerungder Klassenräume würde das Schulleben angenehmer gestaltet werden.

Förderlich wäre eine für SchülerInnen zugängliche, aktuelle Vertretungsplan-App, um den Schulalltag besser strukturieren zu können.

Wichtig für uns ist eine ausgewogene und gesunde Ernährung, die durch die Optimierung der Räumlichkeiten der Mensa sowie der Qualität des Essens erheblich verbessert werden würde. Leider ist es den SchülerInnen während den Pausen nicht möglich, zügig mit Essen versorgt zu werden. Dadurch ist eine Verspätung in den folgenden Unterricht nahezu unvermeidbar.

Des Weiteren wäre eine einfachere Zugänglichkeit und die Vielfalt des Schüleraustauschangebots angebracht, um sich im Ausland weiterzubilden und etwas von der Welt zu sehen.

Da es einigen LehrerInnen heutzutage schwer fällt, sich durchzusetzen, schlagen wir Schülerinnen und Schüler vor, dass Lehrerinnen und Lehrer eine Art Durchsetzungstraining machen, in dem sie sich darin fortbilden, wie sie sich den nötigen Respekt verschaffen können. Zudem wünschen wir uns, dass uns LehrerInnen als gleichberechtigte Menschen gegenübertreten. Zusätzlich würden wir zu einer Sozialprüfung raten, bei der in praktischen Tests die Fähigkeiten der LehrerInnen überprüft werden und die alle drei bis vier Jahre wiederholt wird.

Einmal, als ich Englisch gesprochen habe, hat meine Lehrerin mich fast zum Weinen gebracht.
Mein Matherlehrer auch.
Bei uns hat sie drei zum Weinen gebracht.
Uns hat sie rausgeworfen.

Da LehrerInnen den Unterricht teilweise sehr eintönig gestalten und sehr an den vorgesehenen Lehrplan gebunden sind, würden wir es begrüßen, wenn wir den Unterricht interessanter gestalten könnten, indem wir an der Lehrplangestaltung beteiligt werden. Dazu gehört, dass uns die Themen des Lehrplans auf unser zukünftiges Leben vorbereiten, wie zum Beispiel Selbstständigkeit, Haushaltsführung, Steuererklärungen schreiben etc.


Diese Formulierungen wurden von den Mitgliedern der Gruppe diskutiert, beschlossen und zum ersten Mal am 24. September 2016 veröffentlicht.

Es zeichnen als Verantwortliche: Mit Ohne Alles

 

© Heike Kandalowski/Ruhrtriennale 2016

Kollektiver Monolog

Wer seid ihr?
Wir sind jung, und wir haben das Leben noch vor uns.
Wir sind:
Die, die alles raus lassen müssen.
Die, die zu viel Hoffnung haben.
Die, die alles preisgeben.
Die, die auf die Tränendrüsen drücken.
Die, die alles hinterfragen.
Die Spätzünder, die Expressionisten,
die, die zu viel denken.

Wir schwitzen voll viel. Wir sind sehr sehr nervös. Und wir sind auch sehr sprachlos, und wir wissen nicht, was unser erster Schritt sein soll.
Wir haben Angst, nicht alle Fragen beantworten zu können.
Es gibt so viel worüber wir nachdenken:
Was wir später mal erreichen werden.
Oder:
Wenn es einem Freund von uns schlecht geht.
Oder:
Wenn eine Person, die uns wichtig ist, ihr Leben nicht auf die Reihe bekommt.
Uns bedrückt am meisten:
Irgendwann unsere Eltern nicht mehr zu haben.
Dass wir mal sterben.
Dass alle Menschen scheiße sind.
Uns macht aus, dass wir wild sind.
Wir wissen nicht, was Liebe ist.
Wir sind die, die zu viel denken.

Wer seid ihr?
Wir sind gutaussehende Menschen.
Wir beeindrucken andere.
Wir wussten das nicht, dass wir gut aussehen. Wir haben das von anderen Menschen gehört. Wir haben gelernt, nicht auf die Meinung von anderen zu hören,
sondern auf unser eigenes Gefühl. Wir sind die Schönheit der Welt.
Wir haben Angst vorm Vergessen werden. Wir haben Angst, unsere Stimme zu verlieren. Die, mit der wir reden und singen können.
Wir haben Angst, wenn viele Menschen um uns herum sind. Menschen, von denen wir
Abstand wollen.
Menschen, vor denen wir uns ekeln. Die, die draußen rumlaufen und mit denen wir noch keinen Kontakt hatten.
Menschen, die wir nicht kennen.
Wir haben Angst im Dunkeln. Draußen rumzulaufen, wenn es schon Nacht ist.
Wir studieren den Expressionismus und wir haben gelernt, dass dunkel negativ ist. Wir denken über die Nacht nach, weil sie dunkel ist, und das ist negativ.
Wir sind die, die zu viel denken.
Wir sind die Schönheit der Welt. Wir haben das von anderen Menschen gehört.
Von Menschen, die uns nicht kennen.

Wer seid ihr?
Wir sind die, die zu viel denken.
Wir haben Angst jemanden zu verletzen. Mit Worten. Mit der Wahrheit. Mit Sachen, die wir irgendwie nicht sagen möchten, weil wir wissen, dass, wenn wir es sagen, werden wir jemanden verletzen bzw. werden wir die Wahrheit sagen.
Wir haben Angst ausgeschlossen zu werden von anderen. Von einer Gruppe, der wir uns angeschlossen haben, weil wir davon ausgehen, dort etwas zu lernen, was wir vorher noch nicht konnten. Etwas Soziales.
Wir blamieren uns, wenn wir zum Beispiel erkältet sind und in der Straßenbahn die ganze Zeit nießen. Wenn wir aus Versehen, wenn wir was trinken, wo was Klebriges drin ist und wir das jemandem übers Hemd schütten. Wenn wir ein altes Handy von Mama und Papa bekommen und im Auto einen Anruf bekommen und man muss es aufklappen.
Wir haben Angst anderen Menschen nicht zu gefallen. Dass wir anders sind. Nicht der Norm entsprechen.
Die Norm ist eine ungeschriebene Regel, der alle Menschen entsprechen sollen.
Sie legt ungefähr ein Menschenbild fest.
Unser Deutschlehrer hat gesagt: Wenn ein Haufen von Menschen ohne Brille ist und jemand eine Brille hat, entspricht dieser Mensch nicht mehr der Norm.
Wir sind die, die zu viel denken.
Die Norm ist eine ungeschriebene Regel, der alle Menschen entsprechen sollen.
Sie legt ungefähr ein Menschenbild fest: der schlank ist, keine Brille trägt, weiß ist.
Wir können sagen, dass wir alle schwarz sind, also kommt das automatisch in unsere Seele rein.
Wir sind die, die zu viel denken.
Wir sind die Spätzünder, die Expressionisten.
Wir haben Angst nicht alle Fragen beantworten zu können.



Der Kollektive Monolog entstand in von She She Pop entwickelten Dialogspielen im Rahmen eines Workshops während der Ruhrtriennale 2016. Das Manifest entstand während der Spielzeit 2016, u.a. in einem Workshop mit der Dichterin Nora Gomringer.



Teentalitarismus wird gefördert von der Stiftung Mercator.

Tickets