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„Delusion of the Fury“ in Taiwan – Ein Tourtriennale-Bericht

03. Nov. 2016

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Monique Stolz/Ruhrtriennale

Unser Festival ist noch gar nicht allzu lange vorbei  und schon sitze ich auf meinem Koffer und bemühe mich, dass er zugeht…
 
Eine Woche Taiwan – zwei Vorstellungs-Outfits, Jeans, T-Shirts, Pulli, Wechselschuhe, Laptop, Ladekabel, Reiseapotheke, Kreditkarte, Reisepass. Und los geht´s zum Düsseldorfer Flughafen. Zehn Stunden später, Nebel über Peking. Oder Smog? Vier Stunden warten im Pekinger Flughafen. Menschenleer. Dann noch einmal drei Stunden Flug und schon sind wir nach nur 13 Stunden in einer anderen Welt – in Taipeh. Völlig übermüdet, 33°C, hohe Luftfeuchtigkeit, chinesische Schriftzeichen und Jetlag, geht es noch mal zwei Stunden im Kleinbus nach Taichung, südlich von Taipeh. Zu müde, um sich umzuschauen, nutzen die KollegInnen die Zeit für ein Nickerchen im Bus. Ich gebe noch alle Telefonnummern, die ich in Taichung benötigen könnte, in mein Handy ein, schicke eine SMS an meinen Internetbetreiber, um Internet für die nächste Woche zu haben und checke online, ob der Fahrer uns tatsächlich zum richtigen Hotel fährt…

© Monique Stolz/Ruhrtriennale

Kurz nach Mitternacht. Mein Hotelzimmer im 6. Stock wackelt. Blick aus dem Fenster. Kaum Wind. Taifunausläufer eher unwahrscheinlich. War es tatsächlich die Erde, die kurz gebebt hat? Kann das sein? Oder bin ich so übermüdet und gejetlagged, dass ich mir sogar schon wackelnde Wände einbilde…?! Was soll ich tun?? Auf eine Durchsage vom Hotel warten? Gibt es einen Erdbebenalarm? Mein letztes Erdbeben habe ich als Kind erlebt und kann mich kaum noch daran erinnern. Nach kurzer Beratung mit KollegInnen per Handy glaube ich dann, dass es wohl tatsächlich ein Erdbeben gewesen sein muss, falls wir nicht alle unter einer "Kollektiv-Gefühls-Fatamorgana" leiden.

Am nächsten Tag frage ich dann Liyun, unsere Projektmanagerin, die uns seitens des Theaters betreut, ob diese „kleinen“ Erdbeben alltäglich sind und wie sie damit umgehen. Sie antwortet mir, dass so etwas tatsächlich häufiger vorkomme und sie dann kurz abwarten würden. Dauere das Beben länger als ein paar Sekunden, liefen sie auf die Straße. Aha. Also kein Grund zur Panik. In den ersten Sekunden zumindest nicht. Die Erfahrung ist irgendwie angsteinflößend – wie ausgeliefert wir den Naturgewalten doch sind. Ein vollkommen neues Gefühl für mich.

Vielleicht sitzt auch unser Publikum am Abend in der Vorstellung, nicht wissend, was da gerade mit ihnen passiert und lässt sich einfach darauf ein, und schaut, was diese Seh- und vor allem Hörerfahrung mit ihnen macht. Ein Musiktheaterbeben.

© Wonge Bergmann für die Ruhrtriennale 2013

Das National Taichung Theater ist völlig neu. Wir sind erst die zweite Gruppe, die das Haus bespielen darf. Ehrfurchtsvoll blickt unsere Crew auf den neuen Bühnenboden, der noch gar keine Kratzer aufweist. Absolut ungewohnt. Da alles neu ist, für uns ebenso wie für das Team des Theaters, hakt es hier und da noch etwas. Es trifft vor allem die Tonabteilung. Wir finden nigelnagelneue Technik vor, die wir zuerst noch auspacken und dann einrichten müssen. Die Zeit bis zur Premiere läuft, also schmeißen wir den ursprünglichen Ablaufplan um. Alle stärken dem Tonteam den Rücken und ermöglichen ihnen noch etwas mehr Zeit. Die erste Probe klingt aufgrund der Umstände noch etwas wackelig. Aber die Premiere ist auf den Punkt. Und die zweite Vorstellung dann noch besser. Der Ton ist erleichtert. Das Publikum ist begeistert. Ich, von so viel Teamgefühl und gegenseitiger Unterstützung, auch.

© Monique Stolz/Ruhrtriennale

Jede Tour ist anders. Fühlt sich anders an. Und diese nach Taiwan ist sehr sinnlich. Nicht nur wegen der bebenden Erde, sondern ganz besonders wegen des Essens. Messer und Gabel? Fehlanzeige. Hier wird mit Stäbchen gegessen. Wir sitzen alle sehr viel länger beim Essen, als wir es sonst täten. Die Fingerfertigkeit braucht Übung. Ob es so unseren Musikern der Musikfabrik ging, als sie plötzlich ein völlig anderes Instrument spielen mussten, als sie es ihr ganzes Leben über gelernt und getan hatten? Wie Kinder schauen wir, wie unsere taiwanesischen KollegInnen die Dinger benutzen. Aber auch geschmacklich ist das Essen hier eine Erfahrung. Hühnerfüße und Entenköpfe sind an mir als Hauptzeit-Vegetarier vorbeigegangen und wecken eher mein sozialwissenschaftliches Interesse als meinen Appetit. Stattdessen Stinky Tofu – sehr empfohlen von einem früheren Kollegen, der durch seine taiwanesische Frau einen absoluten Insiderblick in diese Kultur werfen darf. Und auch mein „Fettnäpfchenführer“, ein fantastisches Geschenk meiner KollegInnen, sagt ganz klar, wer Stinky Tofu nicht probiert habe, sei nicht in Taiwan gewesen.

 

© Monique Stolz/Ruhrtriennale

Auf einem Nachtmarkt mit zig verschiedenen Essensständen traue ich mich. Der Geruch verrät sofort, wo ich mich anstellen muss. Zur Abwechslung muss ich auf keine Bilder zeigen, um zu bestellen. Der Tofu ist das einzige, was der junge Mann mir gegenüber verkauft. Tofu am Spieß. Zwei frittierte Stücke in einer Pommesschale.
Der Geruch ist gewöhnungsbedürftig, der Geschmack auch. Der erste Biss schmeckt nicht. Geschmackliche Vergleiche mit sehr würzigem Käse treffen es nur bedingt. Die nächsten Bissen schmecken dann besser. Aber trotzdem schaffe ich nur einen Spieß…
Ich war definitiv in Taiwan!

© Monique Stolz/Ruhrtriennale

Auch der Entzug einiger grundlegender Kenntnisse, die wir im Alltag nicht zu würdigen wissen, da so selbstverständlich, wirft mich hier zurück in eine Zeit, als ich noch nicht lesen und schreiben konnte. War das irgendwann nervig, immer die Eltern fragen zu müssen: „Was steht da?“.

Hier ersetzen drei liebenswürdige Übersetzerinnen unsere Eltern. Deutsch – Mandarin und umgekehrt. Lost in Translation. Sie unterstützen unsere Crew bei technischen Gesprächen, helfen uns bei der Essensbestellung, übersetzen ganze Speisekarten, helfen mir bei der Übersetzung der gesammelten Kassenbons, begleiten uns zum Zoll, auf Busfahrten und in Restaurants. Tausend Dank!

Aber auch das ist ein ausgeliefert Sein. Ein um Hilfe bitten dürfen und auch müssen. Vertrauen müssen, auf diese völlig fremden Menschen. Zumindest für mich, als jemanden, der gerne die Kontrolle behält und Dinge ohne die Hilfe anderer erledigt, eine Herausforderung. Und auch das ist ein schönes Gefühl, wenn man sich darauf einlässt. Und ich schaffe es, mich darauf einzulassen. Für kurze Zeit sind diese Menschen unsere Familie. Manche KollegInnen sind das natürlich mehr als andere. Die KollegInnen in Taiwan sind es vor allem durch ihre Herzlichkeit. Ich liebe meinen Job!!!


Monique Stolz arbeitet seit 2013 als Tour Managerin bei der Ruhrtriennale. Bereits seit November 2014 war sie mit den KollegInnen aus Taichung in Kontakt, um die Vorstellungen von „Delusion of the Fury“ am National Taichung Theater gemeinsam vorzubereiten.

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