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„Vom Übersetzen“ – Festspielrede von Carolin Emcke

13. Aug. 2016

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Sebastian Drüen/Ruhrtriennale 2016

Vom Übersetzen

Festspielrede zur Eröffnung der Ruhrtriennale 2016

Von Carolin Emcke

1.

Meine Damen und Herren,

Reden gehören normalerweise zu der einzigen Text-Gattung, die zu schreiben mir leicht fällt. Oder sagen wir: an der ich nicht so leide wie an allen anderen. Und so hatte ich auch freimütig bis naiv zugesagt, als die Anfrage kam, hier heute zu sprechen. Ehrlich gesagt, lockte mich auch die Aussicht auf Karten für Glucks „Alceste“ in der Inszenierung von Johan Simons, die ich mir so würde erschleichen können. Das, dachte ich, wäre ein hervorragender Deal. Eine Rede gegen Musik. Sprechen gegen Zuhören. Ich würde ganz gewiss mehr bekommen, als ich anzubieten hätte. Das war der ursprüngliche Plan. Nicht gerecht, aber günstig.

Nun aber steh ich hier vor Ihnen und muss zugeben: Selten ist mir eine Rede so schwer gefallen wie diese. Selten hatte ich so wenig Zutrauen zu öffentlichen Reden als Instrumenten der Verständigung wie in diesen finsteren Zeiten. Vielleicht, das wäre noch etwas bedenklicher, müsste ich sogar zugeben: Selten hatte ich so wenig Zutrauen zu der Zeit, so wenig Verständnis von der Zeit, in der wir leben.Wie, so frage ich mich, sollte ich Ihnen eine Rede halten?

„Reden,“ schrieb Ingeborg Bachmann in einer ihrer Frankfurter Poetik-Vorlesungen, „Reden hieße: Sonden vorantreiben, die, sich am Weg reibend, die Sondierung herstellen.“ Eine Sonde, das ist ein Gerät, mit dem es möglich ist, in entlegene Regionen oder in uneinsehbare Zonen zu schauen. Mit einer Sonde lässt sich etwas beobachten oder gar dingfest machen, auf das man sonst keinen Zugriff hätte. Ein Sonde dringt vor, wie ein verlängerter Arm oder wie ein wanderndes Auge, und entdeckt, was zuvor nicht zu ahnen oder verstehen war.

Das wäre schön, wenn das tatsächlich noch gelänge: langsam, mit der Sonde der Sprache, nachdenklich, auf Erkundung zu gehen, in die entlegensten Winkel der unverständlichen Phänomene der Wirklichkeit, in die unzugänglichen Zonen der Gesellschaft zu dringen – und nach und nach so die Realität abzusuchen nach Antworten auf die Fragen, die uns zurzeit vermutlich alle bedrängen.

Selten hatte ich so wenig Zutrauen zu öffentlichen Reden als Instrumenten der Verständigung wie in diesen finsteren Zeiten.

Carolin Emcke
(c) Siegersbusch Film/Ruhrtriennale 2016

Mir fallen da gleich eine Unmenge an Fragen ein, auf die ich, so sondierend und tastend, gern eine Klärung suchen wollte:

Wie lässt sich dieses Gefühl der Ohnmacht aushalten, das sich einstellt, jeden Tag, wenn wir die Nachrichten im Radio oder im Fernseher oder im Netz verfolgen, und wieder von einer Krise oder einem Krieg oder einem Putsch nach einem Putsch erfahren. Ja, nicht nur erfahren, sondern sie in Echtzeit mitverfolgen. Diese Ohnmacht hat paradoxerweise damit zu tun, dass die Gleichzeitigkeit der Geschehnisse und unserer Zeugenschaft uns suggeriert, wir könnten daran teilhaben und auch darauf einwirken. Und dann können wir es eben nicht so einfach.

Es ist dieses virtuelle Miterleben, das uns einbindet ohne uns tatsächlich einzubinden – das nicht auszuhalten ist. Es gibt keine Unschuld des Nicht-Wissens mehr. Wir sehen die Bilder von den gefesselten, ganz offensichtlich geschlagenen Menschen in der Türkei, wie sie der Welt vorgeführt werden, triumphal, als sei es eine Jagdbeute, und unser Zuschauen lässt uns zu untätigen Mitwissern werden. Wir sehen die Gefangenen des sogenannten IS, denen eine Rolle in ihrem eigenen Hinrichtungs-Video zugewiesen wird. Wir sehen und hören dem amerikanischen Präsidentschafts-Wahlkampf zu, der immer schriller, immer aggressiver wird in seiner Logik der Eskalation, und wissen: Das ist längst kein rhetorisches Spiel mehr.

Bei alledem werden wir zu optischen Komplizen von etwas, das uns moralisch entsetzt. Wir werden in eine virtuelle Realität hineingezogen, die real ist, deswegen bedrängt sie uns so, und die eine Unmittelbarkeit behauptet, die irreal ist, deswegen lässt sie uns so verstört zurück.

Mindestens mir geht das so. Seit ich bei dem Krieg in Syrien zuschauen muss. Diese ganze quälend lange Zeit hindurch, in der ich Menschen, echte, reale Menschen verhungern und sterben weiß. In der sie vor meinen Augen verrecken, weil es keine Flugverbotszonen gibt, keine humanitären Korridore, und deswegen kein Brot, kein Öl, kein Wasser, kein Leben. Ich erlebe das Sterben in Echtzeit – seit fünf Jahren – und kann mich nicht daran gewöhnen.

Das wäre schön, wenn das tatsächlich noch gelänge: langsam, mit der Sonde der Sprache, nachdenklich, auf Erkundung zu gehen, in die unzugänglichen Zonen der Gesellschaft zu dringen – und nach und nach so die Realität abzusuchen nach Antworten auf die Fragen, die uns zurzeit vermutlich alle bedrängen.

Carolin Emcke

Natürlich weiß ich, dass auch in Nigeria Menschen sterben und im Sudan und im Jemen, aber ich schaue dem nicht auch noch zeitgleich zu. Das macht das eine Leid nicht wertvoller oder leidvoller als das andere. Das ist keine Forderung dafür, einfach die Informationen auszublenden oder einzustellen. Es beschreibt nur die erhöhte Qual der Echtzeit-Zeugenschaft.

Dabei ist nicht das Zuschauen obszön, sondern das, was geschieht. Nicht das Miterleben ist zynisch, sondern die menschenverachtende Grausamkeit, die nicht mehr heimlich verborgen, sondern unheimlich vorgeführt wird, um uns zu Beteiligten einer Inszenierung zu machen, der wir uns verweigern wollen.

Und mir geht das bei den jüngsten Entwicklungen in der Türkei so. Bei diesem unwirklich eiligen Rückbau einer Demokratie – in Namen der Demokratie. Diesen sogenannten Reinigungs-Maßnahmen, eine eigenwillige Form autoritärer Hygiene, bei der nicht die Gesellschaft geschützt, sondern aufgerieben und gleichgeschaltet wird.

Wie das auszuhalten sein soll? Ich weiß es nicht.

Wie, also, sollte ich Ihnen eine Rede halten?

Eine andere Frage, die ich gern sondiert wüsste: Wie lässt sich dieses Klima der öffentlichen Verrohung erklären, diese unfassbar entgrenzte Schäbigkeit, mit der hier, in unserer Demokratie, aber auch an anderen Orten in Europa gehetzt und agitiert wird? Wann hat das begonnen, dass ungefiltert und hemmungslos jede innere Unanständigkeit heraus gepoltert werden darf, ganz gleich wie verletzend, ganz gleich wie schamlos, ganz gleich wie falsch? Seit wann gilt eigentlich Hass als authentischer als Achtung? Seit wann darf Rassismus als Sorge umetikettiert werden? Seit wann muss man sich kümmern um diejenigen, die brüllen und zündeln (weil sie angeblich abgehängt und ausgeschlossen sind), und nicht um diejenigen, die angebrüllt und ausgeschlossen werden? Seit wann wurde ein „guter Mensch“ zu etwas, das diffamiert und bespottet werden kann? Seit wann muss man sich für selbstverständliche Freundlichkeit anderen gegenüber, für Differenzierung zwischen Individuen und Kollektiven oder auch nur selbstkritische Nachdenklichkeit entschuldigen? Seit wann?

Ich habe, fürchte ich, sozial etwas den Anschluss verpasst, denn all diese Umdeutungen von Höflichkeit und Respekt habe ich immer noch nicht verstanden, und ich will und werde sie auch nicht mitmachen.

Wie, also, sollte ich Ihnen eine Rede halten?

Wann hat das begonnen, dass ungefiltert und hemmungslos jede innere Unanständigkeit heraus gepoltert werden darf, ganz gleich wie verletzend, ganz gleich wie schamlos, ganz gleich wie falsch?

Carolin Emcke

Wann, so würde ich auch fragend sondieren wollen, ist ein offenes, neugieriges Gespräch, eines, das an Erkenntnis interessiert ist und nicht an wechselseitigen Vorwürfen und Verdächtigungen, eigentlich altmodisch oder unmöglich geworden? In der gegenwärtigen polarisierten Diskussions-Kultur scheint das kaum mehr möglich: dieses Reden, das noch tastend und suchend, sich bewegt, das Sonden vorantreibt, die, sich am Weg reibend, die Sondierung erst herstellt.

Es wird gern so getan als seien die eigenen Werte doch geklärt, es wüssten wir um die eigene Tradition, als kennten wir die Normen, die unsere Gesellschaft als aufgeklärte, säkulare und demokratische Gesellschaft definieren – und mehr brauchte es dann nicht. Als müssten sich nur die anderen, die Zugezogenen, die Neuen, die Fremden dem anpassen. Wir behandeln unsere Werte gelegentlich, als wären sie unser Besitz, als gehörten sie uns, ein für alle Mal, als ließen sie sich in die Garage stellen oder in eine Vitrine, zum Vorführen, aber nicht zum Anwenden.

„Was ist Aufklärung?“, fragte der Schriftsteller und Überlebende der Shoah Jean Améry in einem Essay über Lessing, „Was ist Aufklärung, wenn wir absehen, einen Moment lang, von der Historizität, die den Begriff einengt und damit bis zur Unkenntlichkeit verwandelt hat? Doch wohl nur die ständige kritische Anfechtung des von ihr selbst Hervorgebrachten, und also die logisch ohn’ Unterlass sich läuternde Anwendung des Menschenverstandes, der die Menschheit überstehen ließ und meiner festen Überzeugung nach überstehen lassen wird.“ So Améry.

Die ständige kritische Anfechtung des von ihr selbst Hervorgebrachten – wann hätte es das zuletzt gegeben? Dass in der öffentlichen Debatte daran erinnert wird, dass die Aufklärung, der aufklärerische Geist, die aufgeklärte Gesellschaft immer auch sich selbst zum Objekt hat. Dass Aufklärung also immer nur dort statthat, wo sie sich nicht begnügt, dass Aufklärung kein abgeschlossenes Projekt ist, kein Ding, das einem gehört, sondern eine sich perpetuierende Aufgabe, ein dynamischer Prozess, ein Modus der Denkens, Sondierens, nach Erkenntnis oder Lösungen Suchens.

Das ist der Grund, warum mir das Reden heute so schwer fällt. Weil es so sinnlos geworden scheint. Weil schon zu viele mit dem Gestus des Immer-Schon-Gewusst-Habens sprechen. Jenes Sprechen aber, das noch keine Antworten parat hat, keine fertigen Dogmen, sondern fragil daherkommt, nimmt sich bescheiden aus. Ungeschützt auch. Weil es schwer ist, gegen das ständige Misstrauen, gegen die selbstgewisse und laute Hetze nicht mehr als die eigene leise Nachdenklichkeit anbieten zu können.

Wie, also, sollte ich Ihnen eine Rede halten?

Wir behandeln unsere Werte gelegentlich, als wären sie unser Besitz, als gehörten sie uns, ein für alle Mal, als ließen sie sich in die Garage stellen oder in eine Vitrine, zum Vorführen, aber nicht zum Anwenden.

Carolin Emcke

2.

Noch dazu steht über der Ruhrtriennale dieses Jahr der Reigen des altehrwürdigen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, alles Begriffe, die, wie es scheint, ihre Wirkungsmacht verloren haben. Sie wurden so oft zitiert, so oft behauptet, so oft versprochen, und galten doch immer nur für einige wenige, aber nicht für alle, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die Werte der französischen Revolution und der Aufklärung, sie sind längst zu rhetorischen Schilden verhärtet, die wir als Gesellschaften vor uns hertragen, um uns zu schützen vor... ja, vor was eigentlich?

Davor, dass wir sie wirklich ernst meinen und anwenden könnten? Dass Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit wirklich universal gelten könnten? Davor, dass wir sie erklären und verteidigen müssten, denen gegenüber, denen sie nichts mehr bedeuten oder die sie verachten? Den Fanatikern mit ihren nationalistischen oder pseudo-religiösen Dogmen.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, sie sind nicht erst jetzt und nicht nur von außen bedroht, sondern sie sind schon lange und durch eigenes Versagen zu Worthülsen verkommen, zu Emblemen, in deren Namen der Krieg gegen den Terror geführt oder fragwürdiges nation building probiert wurde, es sind allzu oft Banner expansiver Ideologien geworden, nicht Normen inklusiver Menschenrechte.

Die ständige kritische Anfechtung des von ihr selbst Hervorgebrachten – wann hätte es das zuletzt gegeben?

Carolin Emcke

Was sollte Freiheit in der Gegenwart auch heißen, in einer Zeit, in der nur noch die eigene Freiheit gemeint ist, die des eigenen christlichen Glaubens, der eigenen britischen oder französischen oder polnischen oder deutschen Herkunft, der eigenen (Hetero-)Sexualität, aber nicht mehr die der anderen? Was sollte denn auch Freiheit heißen, in einer Zeit, in der jeder Anschlag auf die Freiheit, auf die Freiheit des Zeichnens und der Kritik wie bei Charlie Hebdo, auf die Freiheit des homosexuellen und queeren Begehrens und Liebens wie in Orlando, auf die Freiheit des schieren Lebens wie in Paris, auf die Freiheit des anderen Glaubens, wie bei den Angriffen auf die jüdische Schule in Toulouse oder das Museum in Brüssel, in der all diese Angriffe auf die Freiheit beantwortet wird mit Sicherheits-Gesetzen, die die Freiheit einschränken.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – das sind reflexhafte Appelle geworden, magische Namen, die unsere Angst verhüllen sollen, Angst vor der Gewalt, Angst vor dem Terror, Angst vor dem, was es am meisten braucht: nämlich... Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.  Sie werden nur noch gerufen wie der Name von „Rumpelstilzchen“, als könnte mit dem Aussprechen der Worte auch der Bann gebrochen werden – aber sie werden nicht mehr ausbuchstabiert, mit Leben und mit Phantasie gefüllt, sie werden nicht mehr befragt und abgeklopft, nicht mehr mit Substanz gefüllt oder durch Kritik verändert.

Einfach eine Rede zu halten über Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – daran glaube ich zurzeit nicht mehr. Das reicht nicht. Das gab es schon zu oft. Das klingt nur wie eine Wiederholung.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – das sind reflexhafte Appelle geworden, magische Namen, die unsere Angst verhüllen sollen.

Carolin Emcke

3.

In dem wunderbaren Roman „Vor der Zunahme der Zeichen“ schreibt der deutsch-tamilische Autor Senthuran Varatharajah: „Vokalzeichen werden in der tamilischen Grammatik, uyir eluttu, Seelen-Buchstaben, Konsonanten mey eluttu, Körper-Buchstaben, genannt. Die Konsonant-Vokal-Verbindungszeichen heißen uyir-mey-eluttu,  Buchstaben mit Körper und Seele.“

Das ist eine zarte Spur, die Varatharajah hier legt mit den Körperbuchstaben, den Seelenbuchstaben und den Verbindungen aus beiden, den Buchstaben mit Körper und Seele. Es ist das, was es braucht für eine Re-Humanisierung unserer Gesellschaften: Wir müssen die Verbindungen zwischen den demokratischen Vokalen und Konsonanten wieder herstellen, wir müssen die Seelen-Buchstaben wieder mit den Körperbuchstaben verbinden.

Was das heißt?

Es braucht Übersetzungen der Begriffe und Werte, die ausgehöhlt und verstümmelt worden sind, es braucht eine Übersetzung von Normen in Anwendungen, es müssen Begriffe in Erfahrungen übersetzt werden, damit sie vorstellbar werden in ihrer Substanz, damit wieder deutlich und nachvollziehbar wird, woraus sie bestehen, damit erlebbar wird,  wann und warum der Rechtsstaat einen schützt, dass subjektive Rechte nicht nur passiv vorhanden, sondern dass sie auch aktiv einklagbar sind, dass eine Demokratie nicht einfach die Diktatur der Mehrheit bedeutet, wie es sich die AfD oder Ukip oder der Front National wünschen, sondern eben auch den Schutz der Minderheit, es braucht eine Übersetzung der Gesetze und Paragraphen, der Expertensprache in demokratische Wirklichkeiten, es braucht Erzählungen davon, wie die Freiheit schmeckt, wie die Gleichheit sich anfühlt, wie die Brüderlichkeit klingt.

Es braucht Erzählungen davon, wie die Freiheit schmeckt, wie die Gleichheit sich anfühlt, wie die Brüderlichkeit klingt.

Carolin Emcke

Die demokratischen Gewissheiten sind nicht mehr gewiss, wenn wir nicht in der Lage sind, sie auch zu übersetzen in reale Ansprüche, in lebensweltliche Realitäten, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, sie zählen nur etwas, wenn sie auch in vielstimmige Versionen einer offenen, pluralen Gesellschaft aufgefächert, wenn sie übersetzt werden in die unterschiedlichsten Sprachen und Bilder, wenn sie aus Körperbuchstaben und Seelenbuchstaben und aus Buchstaben mit Seelen und Körpern bestehen.

Das ist genau das, was die Ruhrtriennale tut, und was Theater und Musik und Oper und Tanz eben besser können als jede Rede zur Eröffnung.

Vergessen Sie die Eröffnungsrede.

Lassen Sie sich ein auf all die Verwandlungen, Übersetzungen, auf all die Körper-und-Seelen-Buchstaben der endlosen, dynamischen, lebendigen Aufklärung in der Musik, im Tanz, im Theater.

„Alceste“ erzählt von Freiheit und von Solidarität – besser als jede Rede das könnte.

Damit Sie nun nicht Ihr Geld zurück verlangen oder ich meine Eintrittskarte für Johan Simons’ „Alceste“ wieder verliere, will ich Ihnen aber doch selbst eine solche Übersetzung liefern. Ich mag vielleicht keine vernünftige Rede halten können, aber ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen, eine, von der ich hoffe, dass sie eben das tut: eine Norm wieder mit einer Anwendung verbindet, einen Begriff, einen dieser abgegriffenen Begriffe in einen Kontext stellt, sodass er uns hilft, ein Wort, das der Gleichheit nämlich, in eine Erzählung bettet, die wie eine Sonde sich voran bewegt, langsam, und dabei, sich am Weg reibend, hoffentlich Sondierung herstellt.

Es ist eine Geschichte zur Gleichheit wie ich sie verstehe.

Wir können prüfen, ob wir Gleichheit wirklich zugestehen.

Carolin Emcke

4.

Als ich 16 war, in den 80er Jahren, also noch vor dem Ende des Kalten Krieges, reiste ich auf Projekt-Fahrt mit der Schule nach Ungarn. Meine Mutter brachte mich mit dem Auto morgens zu der Stelle, an der der Bus uns alle einsammeln würde. Meine Mutter war die wunderbarste Mutter auf der Welt, und ich erinnere diesen Morgen besonders deutlich, weil es eines der wenige Male in meinem Leben war, dass wir uns furchtbar stritten. Ich saß neben ihr, auf dem Beifahrersitz im Wagen, der Rucksack für zwei Wochen Reise hinten im Kofferraum, als meine Mutter einen Fleck auf meiner Hose bemerkte.

So könne ich nicht reisen, befand meine Mutter, mit einer dreckigen Hose, das gehörte sich nicht. Ich war 16 und pubertär, es war morgens früh, und ich war unausgeschlafen, wir waren bereits unterwegs und herrje, was machte da so ein kleiner Fleck (um ehrlich zu sein, soo klein war er jetzt wieder auch nicht)?

Aber meine Mutter war ganz und gar nicht nachgiebig. Sie war sichtlich entsetzt, dass ich vorhatte, so abzufahren. Ich war genervt und wollte nicht einsehen, was daran so schlimm sein sollte, wir bogen mit dem Wagen schon auf die Zielgeraden, kurz vor der Schule ein, als ich sagte:

„Aber Mami, wir fahren doch nur nach UNGARN...“

Ich erinnere mich noch genau, wie abrupt meine Mutter abbremste. Es war ein einziges klitzekleines Wort, es waren drei Buchstaben, die absolut nicht durchgehen würde bei ihr. „Nur“. Wir fahren doch „nur“ nach Ungarn. Es hätte auch Spanien oder Haiti oder Afghanistan sein können. Das spielte keine Rolle. Das war es ja gerade. Es spielte keine Rolle.

Es ging nur darum, dass ihr Kind, ich, ernsthaft glauben konnte, ein anderes Land, eine andere Gegend, andere Menschen wären weniger wert, sodass es sich weniger lohnte oder weniger nötig wäre, sich für sie fein zu machen. Dabei war hier noch nicht einmal von „fein“ die Rede. Sondern eben nur sauber. Dass ich glauben konnte, es sei gleich, wie ich den Menschen gegenüber stünde, nur weil es der Osten war, dass ich glauben konnte, die normalen Standards der Höflichkeit – und das war Kleidung für meine Mutter: ein Ausdruck von Respekt und Höflichkeit – könnten herabgesenkt oder ausgehebelt werden, weil es doch „nur“ Ungarn war... das war inakzeptabel.

Wir drehten um und ich musste zuhause eine andere Hose holen.

Ich erinnere mich noch wie schockiert ich war. Mindestens so sehr über den unüblichen Zorn meiner Mutter wie über mich selbst. Als der Bus an der ersten Tankstelle stoppte, rief ich dann auch an, um mich zu entschuldigen. Es war wieder gut. Aber ich werde diese Szene im Auto nie vergessen.

Wann immer da von dem Wert der Gleichheit gesprochen wird, von einem Gesetz, einer Norm, die angewandt werden soll, wann immer Sie sich beobachten im Umgang mit Andersgläubigen, Andersdenkenden, übersetzen Sie sie in diese Geschichte.

Carolin Emcke

Das ist für mich Gleichheit. Und so übersetzt sich der Begriff der Gleichheit. Und so, in dieser Geschichte, lässt sie sich verstehen und überprüfen, jeden Tag, in all unseren kleinen Gesten und Worten, in der Art und Weise wie wir anderen Menschen begegnen: wir können prüfen, ob wir insgeheim denken, „och, so ein kleiner Fleck auf unserer Hose“ machte da doch nicht so viel aus, ob wir insgeheim denken, es brauchte nicht gar so viel Anstrengung für die anderen, weil sie etwas anders aussehen, weil sie dunkelhäutig sind, weil sie ein Kopftuch tragen oder eine Kippa, weil sie etwas anders glauben oder trauern als die Mehrheit, weil sie etwas anders lieben, sich für anderes begeistern oder über anderes echauffieren.

Wir können prüfen, ob es uns selbstverständlich ist, wie es meiner Mutter selbstverständlich war, dass wir uns gleichermaßen höflich benehmen, dass unsere Vorstellungen von Religionsfreiheit auch dann gelten, wenn auf einmal andere Formen oder Zeichen der Frömmigkeit betroffen sind, ob wir uns gleichermaßen für die Versammlungsfreiheit einsetzen, auch wenn davon Versammlungen und Meinungen betroffen sind, die uns nicht behagen, ob wir Gleichheit wirklich zugestehen, auch denjenigen, die vielleicht nicht gleichartig, aber eben doch gleichwertig sind.

Und so möchte ich Sie heute eben nur mit dieser kleinen Erzählung und diesem Bild entlassen: Wann immer da von dem Wert der Gleichheit gesprochen wird, von einem Gesetz, einer Norm, die angewandt werden soll, wann immer Sie sich beobachten im Umgang mit Andersgläubigen, Andersdenkenden, übersetzen Sie sie in diese Geschichte und fragen Sie sich, wie Sie selbst dastehen, wie höflich, wie respektvoll, ob Sie nicht vielleicht doch noch einmal umkehren sollten und sich eine andere Hose anziehen.

Herzlichen Dank.

Carolin Emcke ist Journalistin und Philosophin. Viele Jahre arbeitete sie als Redakteurin und Krisengebietsreporterin beim „Spiegel“ und für „Die Zeit“, seit 2008 als freie Publizistin. Sie wurde für ihre Arbeit mehrfach ausgezeichnet, im Oktober 2016 erhält sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Zu ihren Buchveröffentlichungen zählen „Von den Kriegen – Briefe an Freunde“, „Stumme Gewalt – Nachdenken über die RAF“, „Wie wir begehren“ und der Essayband „Weil es sagbar ist – Zeugenschaft und Gerechtigkeit“. Im Herbst 2016 erscheint ihr neues Buch „Gegen den Hass".

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