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Trauer um Daniel Josefsohn (1961 – 2016)

14. Aug. 2016

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Daniel Josefsohn

Die Ruhrtriennale trauert um Daniel Josefsohn, einen der inspirierendsten zeitgenössischen Fotografen. Josefsohn hatte für die Ruhrtriennale 2016 einen Meisterkurs für junge FotografInnen gegeben. Die Werke, die er selber für das Projekt „BUDE BETT BARGELD“ fotografierte, sind die letzten, die er vor seinem Tod realisieren konnte. Josefsohn verstarb nach schwerer Krankheit am 13. August 2016. Die Eröffnung seines Fotoprojekts und das Erscheinen des zugehörigen Katalogs einen Tag zuvor konnte er nicht mehr miterleben. Mit Daniel Josefsohn verliert die Ruhrtriennale einen kreativen Wegbegleiter und hoch geschätzten Freund.

Ein Nachruf von Vasco Boenisch

Daniel Josefsohns Euphorie war legendär. Wenn er für eine Sache Feuer gefangen hatte, kannte er kein Halten mehr. Der Vorschlag, bei der Ruhrtriennale einen Meisterkurs für junge FotografInnen zu geben, begeisterte ihn so, dass fortan kaum eine Woche verging, in der Daniel nicht anrief mit neuen Ideen und neuen Titelvorschlägen. Manche absurd. Manche genial. Schließlich fiel die Wahl auf „BUDE BETT BARGELD“, natürlich wie immer bei ihm in Großbuchstaben. Groß und laut – das gefiel ihm gut. Und doch, auch das gehört zur traurigen Wahrheit, gab es immer häufiger die Zeiten der Funkstille. Wo man nichts von Daniel hörte. Wenn es ihm wieder schlechter ging, wenn er höllische Schmerzen hatte und nicht mal Kraft zu telefonieren oder für eine seiner launigen E-Mails.

Dennoch wollte er das unbedingt machen. Und manchmal hatte ich das Gefühl, dass ihn der Job bei der Ruhrtriennale auch anspornte. Er träumte sogar von einer Professur für Fotografie. Seit Mitte der Neunziger hat Daniel Josefsohn mit seiner Bildsprache die deutsche Fotografie nachhaltig geprägt. Er war, und wird es immer bleiben, ein Unikum. Leidenschaftlich, gewitzt, manchmal hintersinnig, manchmal plakativ, immer auf den Punkt. Nie langweilig. Manchmal auch plakativ bis an die Schmerzgrenze – wie die Idee mit den roten Clownsnasen im afghanischen Kriegsgebiet, seinem größten Traum, von dem er im Interview für den soeben erschienenen Katalog „BUDE BETT BARGELD / Licht unserer Tage“ (Distanz Verlag) erzählt. Daniel Josefsohn verstand es wie kein Zweiter, die ästhetischen Ideale von Pop und Politik leichtfüßig-bissig zu vereinen.

Und jetzt wollte er davon etwas weitergeben, von der Energie, die ihn zu seinen besten Bildideen gebracht hatte – und die er seit seinem Schlaganfall 2012 und seiner halbseitigen Lähmung nur noch begrenzt selbst ausleben konnte. Vier junge FotografInnen wollte er bei der Ruhrtriennale im Rahmen des Nachwuchsprogramms Campustriennale entflammen. Nach seinen Regeln. „Wenn zu unseren Kursen Teilnehmer kommen mit diesen großen schwarzen Bildmappen – gleich rausschmeißen. Das ist zwar alles lieb gemeint, aber darauf kommt es nicht an. Nicht darauf, wie es gemacht ist, sondern entscheidend ist die Idee“, sagte er noch kurz vorher in einem Gespräch mit Julian Röder, das in besagtem Katalog dokumentiert ist und das sich jetzt rückblickend wie ein Vermächtnis liest.

Ja, Daniel konnte Menschen auch vor den Kopf stoßen mit seinem Eigensinn. Seiner Eigen-Art. Jene Eigenart, die der Foto-, Medien-, Werbe- und Theaterlandschaft so viele grandiose Motive und Kampagnen beschert hat. Daniels eigene Energie war ihm der Maßstab für alle anderen. Das bekamen auch die vier TeilnehmerInnen seines Meisterkurses zu spüren. Und es trieb sie an. Daniel trieb sie an. Er sagte ihnen, wie sie ihre Ideen schärfen, zuspitzen und manchmal schon mit dem richtigen Bildausschnitt pointieren konnten. Von Daniel kamen immer klare Ansagen. Eine Besprechung dauerte selten länger als fünf Minuten. „Man weiß es einfach“, war Daniels schlicht-entschiedene Antwort auf die Frage, woran man ein gutes Foto erkenne. Daniel wusste es einfach.

Heute wissen wir: Die drei Motive, die Daniel Josefsohn selber während des Meisterkurses im Juni 2016 im Ruhrgebiet für „BUDE BETT BARGELD“ realisierte, sind seine allerletzten Fotografien. „BUDE“ zeigt einen Bild-Zeitung lesenden Yuppie vor einer Gartenlaube. Erst auf den zweiten Blick sieht man, wie eine fremde Hand aus der Laubentür heraus nach der Hausnummer greift. „Man muss schmunzeln können“, erklärte Daniel immer wieder sein Credo. Für „BARGELD“ kam noch einmal der legendäre weiße Stormtrooper-Helm zum Einsatz, den Daniel Josefsohn auf einigen seiner berühmtesten Bilder verwendet hat. Diesmal liegt er wie ein Zeugnis aus vergangenen Tagen im Gras vor dramatischer Ruhrgebiets-Industriekulisse.

Ich habe Daniel das letzte Mal am 22. Juni gesehen. Wir wählten die Motive aus, die nachher im Katalog erscheinen sollten. Daniel saß im Rollstuhl, er aß ein paar von den belgischen Pralinen, die ich von Proben aus Gent mitgebracht hatte, und sagte beim Durchblättern der Bilder „Gut“ und „Nein“, tatsächlich sagte er häufiger „Nein“ als „Ja“, aber am Ende kam eine starke Auswahl zustande. „BUDE BETT BARGELD“ – wo du lebst, wo du liebst, und wofür du dein Geld ausgibst. Was ich jetzt erst erfuhr: Offenbar hatte Daniel damals zu Karin Müller, seiner Lebensgefährtin und Mutter ihres gemeinsamen Sohnes, gesagt, man solle BUDE BETT BARGELD auf seinen Grabstein schreiben. Ich vermute, er hat das noch im Spaß gesagt. Wobei man sich bei Daniel da nie sicher sein konnte.

Er hat es nicht mehr miterlebt. Die öffentliche Präsentation des Katalogs, die Eröffnung der Ausstellung bei der Ruhrtriennale. Das war am vergangenen Freitag. Daniel ließ wissen, er könne nicht nach Bochum reisen. Und wir wussten, dass es ihm schlecht ging, wieder schlechter ging, aber hofften doch wie selbstverständlich, dass er sich schon wieder berappeln würde. So wie sich Daniel immer wieder berappelt hatte in den vergangenen Jahren. Die Welt ohne Daniel, jetzt, schon? Unvorstellbar.

Und nun ist er weg. Wirklich weg. Samstagmorgen entschlafen, nach schwerer Krankheit, wie man dann so schreibt. Daniel Josefsohn ist nicht mehr, der große, genialische, getriebene DJ ist nicht mehr. Die Lücke ist unermesslich. Zu speziell waren seine Bildideen, zu liebenswürdig war er selber, der Kindskopf, Visionär, Weltklassefotograf. Die Idee, das war das Letzte, was er seinen Nachkommen noch mit auf den Weg gab, die Idee ist das Entscheidende, was zählt in der Fotografie. Und Daniel hatte noch so viele Ideen. Wir hatten noch viel vor.

Vor „BUDE BETT BARGELD“ hatte es übrigens noch andere Titelvorschläge gegeben. „Packe immer nur so viel auf ein Foto, wie drauf passt, dann muss man hinterher nicht so viel quatschen“, war einer. Er liest sich wie die Quintessenz von Daniels Schaffen. Ein anderer: „Schade, dass nicht alle Fotografen große Klasse sind“.

Schade – unfassbar jammerschade ist es, dass dieser Mensch und Künstler jetzt schon gehen musste. Die Fotografie und die Welt, sie sind ohne ihn langweiliger, erwartbarer, angepasster. Grau.

Vasco Boenisch ist Dramaturg der Ruhrtriennale und Mit-Herausgeber des Katalogs „BUDE BETT BARGELD / Licht unserer Tage“.

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