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Pop-Panorama der Gegenwart – Ritournelle am Eröffnungswochenende der Ruhrtriennale

19. Jul. 2016

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Marcus Simaitis

Kunst muss nicht immer verkopft sein. In erster Linie ist sie sinnliche Erfahrung – etwas, das man sehen, hören und fühlen kann. Das Denken setzt selbst bei den knochenharten Hegelianern zeitlich erst nach dem Sinnesreiz ein. Re-flektieren ist eben immer danach. Warum aber sich für eines entscheiden, wenn man beides haben kann?

Nicht nur deshalb, aber auch um diese Gewissheit zurück ins Gedächtnis zu rufen, rollt Ritournelle immer gleich zu Anfang der Ruhrtriennale an. Ein Festival im Festival als Panorama avancierter elektronischer Pop-Musik zwischen Noise und Love Songs, Körper und Geist.

© Marcus Simaitis

Die zeitgenössischste Form von Liedern für Verliebte liefern derzeit die drei Posterboys von Moderat. Spätestens mit ihrem dritten Album „III“ haben sie sich in die Pop-Premier-League der außergewöhnlichen Gentlemen katapultiert und füllen Stadien weltweit. Auf der großen Bühne der Jahrhunderthalle Bochum stehen sie gemeinsam mit dem vielleicht spannendsten Sound-Tüftler der Gegenwart, der dann auch eher die Noise-Sparte repräsentiert: Oneohtrix Point Never, der eigens für dieses Konzert seine Probenarbeit mit Anohni unterbricht. Zusammen mit Hudson Mohawke ist er für den musikalischen Untergrund des neuen Anohni-Projektes, der ehemals als Antony Hegarty bekannten Queer-Pop-Ikone,  verantwortlich. Bei der Ruhrtriennale findet eins von lediglich zwei Deutschland-Konzerten dieses Jahr statt. Nach Berlin Anfang des Jahres spielt er am 13. August in Bochum.

Moderat: Running (Quelle: youtube)
Quelle: soundcloud.com/oneohtrix-point-never

Und schließlich: die Grand Dame postfeministischer Punk-Attitude: Peaches. Angesichts einer immer düsteren soziopolitischen Gegenwart scheint ihr Kampfruf für befreite Körperlichkeit zu Beginn des Millenniums heute aktueller denn je: „Fuck the pain away“. Gar nicht so weit weg von „Seid umschlungen“, finden wir.

Quelle: soundcloud.com/peaches-rocks

Freie Körper unter freiem Himmel gibt es auch in diesem Jahr wieder am  gemeinsam mit dem Goethebunker programmierten Wasserturm-Floor, der in diesem Jahr mit einer besonderen Licht-Installation von Matthias Singer ausgestattet wird. Mit Club-Größen wie Âme live (aka Frank Wiedemann, die eine Hälfte von Howling), Ben UFO und Lena Willikens sowie den Goethebunker Residents Ahmet Sisman und Quartier Midi werden hier Gefühle in Echtzeit produziert. People in Motion. Getanzt wird nirgendwo besser.

© Paris-Musée de l'Armée, Dist.RMN-GP/Foto: Emilie Cambier
Quelle: soundcloud.com/benufo

Dieses Jahr haben wir das Nacht-Programm um eine weitere wunderbare Indoor-Location ergänzt: Im Industrial-Chic der Turbinenhalle feiert das raster-noton-Label um Alva Noto und Byetone (alias Carsten Nicolai und Olaf Bender) ihr zwanzigjähriges Bestehen. Abstrakte niederfrequente Techno-Klänge zum Hören und Fühlen treten hier in direkten Dialog mit eindrücklicher Video-Kunst fürs Auge. Richard Wagner wäre begeistert gewesen!

Wer bei viel Input für die Sinne eine kurze Pause für Kontemplation einlegen will, sollte abends den Weg zur neu gestalteten Installation „The Good, the Bad and the Ugly“ des Atelier Van Lieshout suchen. Im Refektorium liest der Musikjournalist Jens Balzer aus seinem neuen Buch „Pop - Ein Panorama der Gegenwart“, das in Insiderkreisen jetzt schon als Standard-Werk gilt. Außerdem gibt es unter dem Titel „Family Affairs“ einen Public Talk mit ausgewählten Ritournelle-KünstlerInnen und den elektronischen Spezialisten von thump, dem Magazin für Clubkultur von VICE.

Zum Abschluss ein Eindruck aus dem letzten Jahr:

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