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Ein Tag als Statistin bei der Ruhrtriennale

23. Aug. 2016

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Das Projekt

Im Internet erfahre ich, dass der Künstler Aernout Mik StatistInnen für einen Film sucht, der wiederum ein Teil von Johan Simons Musiktheater ist. Das Projekt nennt sich „Die Fremden“. Der Drehort wird aus einem künstlich aufgebauten Flüchtlingslager bestehen, das bewohnt werden sollen. Die DarstellerInnen werden StatistInnen genannt, aber im Grunde kann jeder zu einem Hauptdarsteller / zu einer Hauptdarstellerin werden. Ob die Geflüchteten die Fremden sind oder ob ihnen die anderen und die Umgebung fremd sein werden, weiß ich noch nicht.

Ich kenne bereits einige Videoinstallationen von Aernout Mik, in denen große Gruppen von Menschen gezeigt werden, die alle ziemlich aktiv sind, aber in einer tonlosen, extrem langsamen und spannungsgeladenen Kamerafahrt eingefangen werden. Häufig verweisen sie auf politische Events, spielen aber mit den Graden an Realität und Fiktion. Daher will ich unbedingt wissen, wie es bei einem solchen Set zugeht und einmal die Seite der Produktion betrachten.

© Ruhrtriennale 2016

Das Casting

Nach einer Vorauswahl im Internet lande ich beim Casting in Gelsenkirchen und treffe dort den Künstler. Wir werden in kleinen Gruppen interviewt. Ein selbstbewusster Mann Mitte vierzig stellt sich vor.  „Ich bin eigentlich ein leicht introvertierter Typ, aber es macht mir Spaß über meine Grenzen hinauszugehen“, sagt er. Das bin ich auch, denke ich, verpasse aber meinen Einsatz das zu sagen. Der Künstler antwortet auf eine sehr bodenständige Art, dass er sich so ebenfalls beschreiben würde. Mein Einsatz ist jetzt überflüssig, ich möchte nicht opportunistisch wirken. Trotzdem erzähle auch ich von meinem Interesse und werde zum Dreh eingeladen. Den sympathischen zweiten Bewerber treffe ich nicht wieder, aber vielleicht ist ihm etwas dazwischen gekommen.

Die Anreise

Ich fahre gemeinsam mit Gisbert nach Marl. Gisbert, genannt Gisi, ist ein authentischer Ruhrpott-Typ in den Fünfzigern, der früher bei Opel gearbeitet hat und jetzt in Bochum öfters auf der Bühne steht. Außerdem begleiten uns Cara und Frank, zwei sympathische Chemiestudenten. Wir treffen uns bereits um 8 Uhr in der Mischhalle der Zeche Auguste Victoria. Die Zeche wurde erst vor Kurzem geschlossen und der Boden ist gänzlich mit schwarzer Kohle gefüllt. An diesem Ort wird dann im September auch die Weltpremiere des Stücks stattfinden.

Beim Frühstück lernen wir die circa 60 anderen StatistInnen kennen. Man kommt sofort ins Gespräch und fühlt sich auf eine besondere Art miteinander verbunden. Hier und da trifft man bekannte Gesichter. Nach kurzer Zeit kennen sich fast alle und helfen sich bei den Kostümen. Es wird darauf geachtet, dass man zwar alte, gebrauchte Kleidung trägt, aber trotzdem nicht "verlottert" aussieht. Hauptsächlich haben wir die Kleidung selbst mitgebracht. Einigen wird noch etwas anderes übergezogen. Wir lachen gemeinsam über die eine oder andere bunte Trainingsjacke aus den 80ern und 90ern.

© Ruhrtriennale 2016

Die Sache mit der Polizei

Die kulturellen Identitäten der TeilnehmerInnen sind recht vielfältig, auch wenn die meisten hauptsächlich Deutsche und Niederländer sind. Da vorher darüber geredet wurde, dass Nicht-EU-Bürger eine Arbeitserlaubnis mitbringen sollten, gehe ich zunächst davon aus, dass auch Geflüchtete mitspielen könnten, und erkläre mir so die Anwesenheit der Polizisten. Wenn man bedenkt, wie erschreckend oft es in Flüchtlingsunterkünften im letzten Jahr zu einem Brand gekommen ist, und wie leicht die mit mehreren Tonnen Kohle ausgelegte Zeche anzuzünden gewesen wäre, versteht man vielleicht, warum mich diese Vorsicht nicht verwundert hat. Bevor ich mich frage, ob ich meine Rolle schon angenommen habe und mir die Autorität der Polizei jetzt leichtes Unbehagen bereitet, sehe ich wie ein Polizist mit dem Lauf seiner Waffe herumspielt. Plastik, denke ich, und jetzt wird mir klar, dass auch die Polizisten nur Statisten sind.

© Ruhrtriennale 2016

Action! - Der Dreh

Der Dreh dauert zwei Tage und jeweils 10 Stunden, inklusive Mittagspausen. In der Halle stehen ca. 80 Feldbetten im Quadrat, darüber monströse Scheinwerfer mit gleißendem Licht. Über den Betten kreist ein Kamerakran, gleichzeitig wird mit einer Steadycam gefilmt. Da man nie genau weiß, wo sich die Kameras gerade befinden, wen sie mit ihrem extremen Zoom anpeilen und weil man nicht hineinschauen möchte, fühlt man sich ständig beobachtet und bleibt stets in der Rolle. Wer eine Pause benötigt, legt sich ins Feldbett und stellt sich schlafend. Einige schlafen tatsächlich ein, froh, endlich die frühe Anfahrt zu kompensieren. Wirklich gemütlich ist es nicht, die Halle ist unglaublich kalt. Komfort erwartet hier aber auch niemand. Ich bekomme eine winzige Ahnung, wie es sich anfühlt mit 60 Menschen in einem Raum zu leben, ständig beobachtet zu werden und in der Schlange auf meine Papiere zu warten. Aber es ist nicht zu vergleichen mit der Lage eines Geflüchteten. Gott sei Dank, habe ich keine traumatische Erfahrung und den Vorteil heute Abend in meiner eigenen Wohnung zu schlafen.

© Ruhrtriennale 2016

Die Rolle

Aernout Mik und sein Team geben uns Anweisungen über ein Megafon oder rufen laut in den Raum hinein. Wir werden gebeten spontan einen Monolog aufzusagen, zu murmeln und dann laut zu werden. Auch wenn der Ton nachher nicht verwendet wird, ist das keine einfache Aufgabe, denn die Nachbarn links und rechts hören zu und die Kamera zielt dann vielleicht genau auf dein Gesicht. Schnell zeigt sich hier vor Ort, wer bereits Schauspielerfahrung hat, wer sich zu sehr bemüht und wem das besonders leicht fällt. Ich bekomme die Anweisung, gemeinsam mit fünf Männern, plötzlich einen Streit zu provozieren, erst verbal und dann körperlich. Ich bin kein besonders aggressiver Typ Frau, dennoch gehe ich aus mir heraus. Ich versuche so authentisch wie möglich zu wirken. Besonders gut kann das David. Er ist erst 18 Jahre, spielt aber im jungen Schauspielhaus. Ich bin völlig fasziniert davon, wie er plötzlich eine unglaubliche Wut aufbaut. Dass Gefühle kontextlos, quasi auf Knopfdruck abgerufen werden können, fasziniert mich.

Filmstill aus Aernout Miks Filminstallation für „Die Fremden“, gefilmt 2016 in der Zeche Auguste Victoria in Marl © Aernout Mik
Filmstill aus Aernout Miks Filminstallation für „Die Fremden“, gefilmt 2016 in der Zeche Auguste Victoria in Marl © Aernout Mik

Der Abschied


Nach zwei Tagen Dreh sind dann alle völlig erledigt. Wir haben uns gegenseitig von unseren Leben erzählt, fiktive und reale Monologe voreinander gehalten, gemeinsam gegessen, Kleidung getauscht und Feldbetten geteilt. Viele hoffen darauf, später nicht aus dem Film geschnitten zu werden. Nicht in der Masse untergegangen zu sein. Letztendlich ist das Ganze für uns nur ein Spiel. Aber auch ein Spiel, indem man etwas über seine eigene Rolle in einer Gruppe erfährt und über das Verhältnis eines Einzelnen zu einer Masse. Spannend wird es dann noch einmal, wenn wir alle das Ergebnis sehen. Denn wie wir von außen wirken und wen die Kamera wann eingefangen hat, kann ich kaum voraussagen. Verdient haben sich ihren Auftritt alle. Für das besonders hohe Engagement bedankt sich auch der Künstler. Diese Art von Dreh ist immer ein Wagnis, sagt er, bei dem man die Dynamik der Gruppe nicht genau vorhersagen kann. Er entlässt uns mit einem letzten Imbiss und herzlichen Worten.

Von Julika Bosch

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