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5 Fragen an...Matthias Pintscher

06. Jun. 2016

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Jean Radel

Der Komponist und Dirigent Matthias Pintscher ist seit 2013 Musikdirektor des Ensemble InterContemporain. Im Rahmen der Ruhrtriennale spielen die Klangregisseure des IRCAM und das Ensemble InterContemporain unter der Leitung von Matthias Pintscher das Kultwerk „Répons“ von Pierre Boulez. In der beeindruckenden Kulisse der Duisburger Kraftzentrale wird das Stück zweimal nacheinander aufgeführt. In der Pause können die Zuschauer die Plätze wechseln, um „Répons“ aus einer anderen Perspektive zu hören. Wir haben Matthias Pintscher fünf Fragen gestellt...

Ruhrtriennale: Raummusik ist bei der Ruhrtriennale ein wichtiger Bestandteil. Dieses Jahr stehen Carré und Répons auf dem Programm. Wie ist es für dich, sowohl als Komponist als auch als Dirigent auf den Spuren von jemandem wie Pierre Boulez zu wandeln? Und was sind die wichtigsten Dinge, die du von ihm als Dirigent und Komponist gelernt hast?

Matthias Pintscher: Da gibt es natürlich so viel zu zu sagen, wo fängt man an? Was mir sofort einfällt ist, dass Pierre Boulez uns allen so viel hinterlassen hat. Und das ist auch das, was ihn so ausgezeichnet hat. In erster Linie ist es das unerbittliche und  konsequente Durchsetzen von Ideen, um damit zu ermöglichen, dass die Musik unserer Zeit für ein breites Publikum hörbar ist. Die Konzertsäle, die dafür kreiert wurden, das Ensemble InterContemporain und IRCAM, all das sind ja Initiativen, die er nicht für sich selbst sondern für uns geschaffen hat, damit wir die Möglichkeit haben, diese Musik zu erleben. Er hat sich nicht eigene Denkmäler gesetzt, sondern einfach seine Kraft und Energie dafür eingesetzt, Orte und Institutionen zu schaffen, in denen folgende Generationen spazieren gehen können. Da ist ein Werk entstanden, das nicht nur aus Noten besteht. Es ist auch ein menschliches Erbe.

© Jean Radel

RT: Répons wird oft als eines der wichtigsten Werke der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Was genau macht es zu einem so wichtigen Werk?

MP: Es ist natürlich nicht nur ein großes Werk, weil es formal groß und aufwendig ist. Es ist wirklich eine absolute Synthese von Live-Elektronik und echten Instrumenten geschaffen worden. Für mich ist Répons das absolute Exempel, indem sich die Live-Elektronik wirklich mischt und sich auf die gleiche Ebene zur akustischen Musik begibt. Das zu erreichen, dass die Elektronik nicht nur etwas irgendwie Dazugestelltes ist, also Kosmetik, ist sehr schwierig. Bei Répons wird die Elektronik ein absolut essentieller Bestandteil des akustischen Klangs. Es ist ein Stück von unglaublicher Virtuosität. Und es gibt wenige Komponisten, die auch mit Stille so genial gearbeitet haben – mit diesem Moment, in dem die Resonanz ausklingt oder fast ausgeklungen ist. Quasi wie eine Form von Ausatmen.

RT: Warum, glaubst du, war es für Komponisten wie Stockhausen, Boulez und Nono wichtig, dass die Musik auch den Raum erfüllt?

MP: Musik klingt eh immer in einem Raum. Und dieser Wunsch, den Zuhörer von allen Seiten mit Klängen zu umgeben, ist vielleicht ein Versuch, sich der Natur zu nähern. Mit Raummusik ist eine Art Musik entstanden, die den Urzustand von Klang ausdrückt. Es ist, als sei die Musik noch gar nicht geformt und entwickelt. Dieser archaische Zustand von Klang hat Stockhausen und Boulez sehr fasziniert. Beide hatten das Bedürfnis, diesen Klang noch physischer zu machen, sodass man nicht im Wiener Musikverein sitzt und von vorne beschallt wird, sondern der Klang von allen Seiten kommt – durch den Körper hindurchgeht und auch zurückgegeben werden kann. Ich finde es ganz wichtig beim Erleben von Kunst, dass es eine Interaktion gibt. Klang, Gesten und Emotionen können in alle Richtungen gehen.

© Jean Radel

RT: Bei der Ruhrtriennale wird Répons zweimal nacheinander gespielt, mit einer Pause dazwischen -  ebenso bei Carré. Worauf muss das Publikum besonders achten? Hast du einen Tipp für Ruhrtriennale-BesucherInnen, die diese Musik überhaupt nicht kennen?

MP: Glücklicherweise ist das wie bei jeder Art von Musik: Es gibt keine Tipps, wie man Musik hört, denn jeder hört sie anders. Ein Werk wie Répons, das eine so große Offenheit und Farbigkeit hat, und diese spezifische Physikalität der Klänge… Das ist etwas, bei dem jeder Zuhörer sofort auf irgendeiner Ebene einsteigen kann. Sei es über die Geste, die Farbe, oder schlicht das Staunen über die unglaubliche Virtuosität – nicht nur der Soli, sondern auch der Instrumente. Das alles hat Momente, die so stark sind, dass jeder diesen Raum betreten kann. Die musikalische Tür ist bei Répons so weit geöffnet, dass jeder auf irgendeiner Ebene hineintreten kann.

Große Kunst ist für mich nicht die, die eine fertige Botschaft rausschickt, sondern die, die uns den Raum lässt, Dinge über uns selbst zu erfahren. Der Künstler wird zum Medium. Er ermöglicht uns, etwas zu sehen, zu hören oder lesen, das schon in uns war, zu dem wir aber vorher keinen Zugang hatten. Und ich denke, Répons ist ein Werk von einer solchen Weite und Räumlichkeit. Da ist Platz für uns alle drin. Es ist ein großer Raum, in dem wir zuhören, spazieren gehen und uns fallen lassen können.

RT: Wie ist es für dich, dieses Stück aufzuführen – sowohl mit dem Ensemble, für das es geschrieben wurde, als auch mit IRCAM, dem Forschungsinstitut für Akustik / Musik, das von Pierre Boulez gegründet wurde?

MP: Ich bin immer wieder erstaunt, wie intensiv diese Musik klingt, wenn wir Répons spielen, ähnlich wie bei „Sur Incises“ – Stücke von einer solchen Eleganz, einer solchen Virtuosität. Und dieses Ensemble hat auch eine wahnsinnige Intensität. Die Musik ist ein Teil unserer DNA, es ist die Musik des Ensemble InterContemporain. Ich will gar nicht sagen, dass Pierre Boulez die Musik quasi für dieses Ensemble maßgeschneidert hat. Das ist wie ein Anzug, der einfach gut passt. Es gibt Anzüge, die passen dir nie so richtig. Und dann gehst du in einen Laden und da hängt dieser Anzug, der einfach passt, und dann wird gar nicht mehr groß darüber nachgedacht.

Die Musik ist auch aus diesem Sinn für Klang der französischen Musiker heraus entstanden. Gleichzeitig bleibt aber immer noch mehr herauszufinden. Es gibt auch Raum für Nuancen und für Unterschiede. Die Musiker des Ensembles haben eben aufgrund der vielen Erfahrung mit dem Werk eine noch größere Flexibilität des Reagierens und ich glaube, das zeichnet sie aus. Die Freiheit im Aufführen dieses Werkes ist ein Aspekt, der mich immer bezaubert, berührt, und wirklich sehr bewegt.

© Luc Hossepied
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