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Spannend wird es, wenn es schief läuft – Owen Pallett und s t a r g a z e mit neuen Songs bei PACT Zollverein

05. Sep. 2015

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Owen Pallett

Eine Geige liegt verkabelt quer über einem roten Keyboard. Darunter ein schwarzer Kasten mit Knöpfen und Pedalen. Ein schmaler Mensch mit ernstem Blick und hippem Shirt betritt die Bühne, spielt mit routinierter Fingerfertigkeit Akkorde ein, greift dann zur Geige, die er zupft, streicht, klopft, als Schlagzeug benutzt – so selbstverständlich, als wäre sie nur ein weiterer Körperteil. Die Füße bedienen die Loop-Station. So legen sich Samples über Samples, in steter Repetition entstehen tiefe, harmonisch komplexe Soundlandschaften, über die bald eine fragile, leichte Singstimme intelligente Lyrics transportiert. Ob die „New York Times” Recht damit hat, Owen Pallett als „The World’s Most Popular Gay Postmodern Harpsichord Nerd” zu bezeichnen, wollen wir hier nicht entscheiden. Aber ein interessanter Mensch ist er auf jeden Fall. Violine spielt der Kanadier, seit er drei ist, später folgte ein Kompositionsstudium. Die klassische Ausbildung benutzte er am Beginn seiner Karriere, um mit seinem Soloprojekt „Final Fantasy“ unkonventionelle Popmusik auf der Grenze zwischen zeitgenössischer Komposition, Mainstream und Avantgarde zu machen. Benannt hat er sich dabei nach dem gleichnamigen Computerspiel, obwohl er zugab, dass er niemals ausreichende Geduld an der Konsole hatte. Trotzdem benutzte er einmal auch eine Melodie aus „Super Mario Bros.“ als Basis für seine Klangarchitekturen, die  The Guardian teilweise gar an György Ligeti erinnern, und war fasziniert von der Ästhetik japanischer Videogames, die er selbst als „big gay thing“ bezeichnet: Eine bunte Bild- und Reizüberflutung, die ein fast lächerliches Gefühlschaos zu produzieren imstande sei. Dasselbe gelte manchmal auch für seine eigene Musik, sagte er Pitchfork.


Das ambitionierte Künstlertum hinderte Pallett jedoch nicht daran, auch kommerziell erfolgreich zu sein. Ganz im Gegenteil: Er arrangierte unter anderem Streichersätze für Taylor Swift und Robbie Williams, tritt mit Arcade Fire auf, mit denen er 2010 auch einen Grammy für das Album des Jahres („The Suburbs“) gewann, arbeitete mit Mika, Duran Duran, Franz Ferdinand, Caribou und anderen. 2014 kam dann die Oscar-Nominierung für seinen Soundtrack zu Spike Jonzes „Her“. Außerhalb der Indie-Musikszene gab es u.a. Zusammenarbeiten mit dem Barbican, dem Toronto Symphony Orchestra, dem National Ballet of Canada und Bang on a Can.


Seit Dezember 2009 tritt Pallett unter eigenem Namen auf. 2013 erschien sein viertes Album „In Conflict“, auf dem er sich mit Gender Trouble, Sucht und Depression auseinandersetzt. Pallett meint dazu: „Die meiste Zeit in meiner Karriere war ich konfrontiert mit ziemlich banalen Fragen darüber, inwiefern meine Sexualität meine Musik beeinflusst. So bekam ich zunehmend Lust darauf, meine Musik selbst diese Fragen beantworten zu lassen.” Seine Texte allerdings handeln trotz der süß-melancholischen Harmonien, mit denen sie unterlegt sind, mehr von Kämpfen, Zweifeln und Straucheln als von erfolgreicher Selbstakzeptanz. So ist „The Secret Seven“ dem 18-jährigen Violinisten Tyler Clementi gewidmet, der sich 2010 das Leben nahm, nachdem sein Mitbewohner ihn beim Sex mit einem Mann gefilmt und per live stream im Internet gezeigt hatte. „The Passions“ wiederum beschreibt eine Liebesaffäre mit expliziten Worten: „You hooked your pinkies on my jeans/I'm twenty-eight and you're nineteen/Compassion, compassion.“


Auf der Ruhrtriennale wird Pallett nun mit einem elfköpfigen Ensemble des Berliner Kollektivs s t a r g a z e (musikalische Leitung: André de Ridder) neues Material vorstellen – das zugehörige Album wird im Frühjahr 2016 erscheinen. Es verspricht wieder persönlich zu werden, und auch nicht ganz problemfrei. Denn: „I’m not sure if this is symptomatic of a depressive mind, or a creative mind, or both,” sagt Pallett, „But whether you’re talking about sunny Brian Eno or stormy Lars von Trier, things are at their most interesting when they’re going wrong.”

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