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Seid umschlungen - Festivalwochenende Nummer sechs

21. Sep. 2015

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Mit Die stille Kraft feierte am Freitag Ivo van Hoves Schauspieladaption des gleichnamigen niederländischen Roman-Klassikers von Louis Couperus Premiere. Die Bühne, getaucht in Nebelschwaden und Dauerregen, entführt das Publikum in eine Geschichte, die zur Kolonialzeit in Java spielt. Westliche und östliche Kultur scheinen anfangs zu harmonieren, doch eine ‘stille Kraft’, eine dämonische Magie des Orients, lässt das scheinbar geordnete Leben des niederländischen Residenten Otto van Oudijck und seiner Familie aus den Fugen geraten. Harry de Vit begleitet die eindrucksvollen Bilder mit abendländischen Klaviermelodien und ursprünglichen Percussion-Sounds. Mit der Inszenierung läutet das Ensemble der Torneelgroep Amsterdam den ersten Teil einer Couperus-Trilogie im Rahmen der Ruhrtriennale 2015-2017 ein, die eine neue Annäherung an sein literarisches Schaffen ermöglicht.

© Jan Versweyveld

Auf der Bühne von PACT Zollverein zeigte Meg Stuart / Damaged Goods ihre neue Tanzproduktion UNTIL OUR HEARTS STOP. Während  die sechs PerformerInnen und drei Musiker die Grenzen ihrer Körper – von experimentell bis provokant – ausloteten, waren die ZuschauerInnen dazu angehalten, ihre eigene Wahrnehmung von Nähe und Distanz zu spüren – und dabei ihre ganz persönlichen Grenzen zu ziehen. Jegliche Bühnenkonventionen wurden hierbei konsequent in Frage gestellt. Die dabei entstehende Vertrautheit zu den Akteuren und dem Raum erzeugte eine und wohlige Stimmung, die mitunter zu ausgelassenem Lachen, aber auch zu Tränen rührte.

© Iris Janke

Unter dem Titel Vom Gebiet zur Stadt wurde am Samstag in der Jahrhunderthalle in Bochum der „Zukunftsrats Ruhr” gegründet. Ziel des Zukunftsrates ist es, die BürgerInnen des Ruhrgebietes direkter als bisher in politische Entscheidungen mit einzubeziehen. Hinter der Initiative, die an diesem Tag auch ihre erste konstituierende Sitzung abhielt, stehen das Kulturwissenschaftliche Institut Essen und die Ruhrtriennale. Professor Claus Leggewie (Direktor des KWI) erhofft sich, dass der Zukunftsrat dem Revier mehr Fantasie, mehr Denkanstöße und mehr Raum für Diskussion bringt.

Der Samstagabend bot ein kontrastreiches Musikprogramm rund um die Jahrhunderthalle Bochum: Von opulent-impulsiv bis minimalistisch, von zurückgenommen bis tanzbar. Im Fokus aber stand eins: Romantik.

Teodor Currentzis und sein gefeiertes Orchester MusicAeterna, die seit der Rheingold-Premiere die Jahrhunderthalle in Beschlag genommen haben, machten für einen Abend Wagner-Pause: Mit dem Violinkonzert in e-moll von Felix Mendelssohn Bartholdy und der dritten Sinfonie von Johannes Brahms führten sie ihre Entdeckungsreise durch die deutsche Romantik fort. Der Bogen der Solistin Olga Volkova glitt so sanft und doch kraftvoll über die Saiten – begleitet von der dichten wie leidenschaftlichen Spielweise des Ensembles – dass das Publikum nach mehr verlangte. Und das bekamen sie auch: Um der Brahms-Sinfonie einen nahezu revolutionären Charakter zu verleihen, ließ Currentzis seine MusikerInnen im Stehen spielen. Seinen unermüdlichen Drang zum Musizieren bewies MusicAeterna mit unerwarteten Zugaben – so etwa Prokofievs Tanz der Ritter aus Romeo und Julia.

© Pedro Malinowski

Das Refektorium wurde in dieser Nacht in Nebel und gedämmtes Licht gehüllt. Das Mülheimer Kollektiv Bohren & Der Club of Gore bezeichnet sich selbst als „romantischste Band Nordrhein-Westfalens“. Mit einer einzigartigen Mischung aus Jazz, Doom Metal und Ambient Sounds erzeugten sie beim beim Publikum eine sphärisch geladene, fast melancholische Stimmung. Im Anschluss sorgte das DJ-Team Schwarze Katze Weißer Kater mit seiner aus der Bochumer Rotunde bekannten Party „Beatz und Bohnen“ für einen erneuten Taktwechsel. Mit Balkan Beats, Swing und Latin kamen alle Romantiker, Nachtschwärmer und Tanzwütigen so auf ihre Kosten.


Der Sonntag lud zum Diskutieren ein: Vormittags fand das letzte Werkstattgespräch statt, nachmittags das Symposium “Domesticate me”:

Zu Gast beim letzten Werkstattgespräch war diesmal der belgische Theatermacher Jan Decorte, dessen Tanz-Performance Much Dance bei der Ruhrtriennale zu sehen war. Moderiert von Anke Engelke sprachen er und Johan Simons über ihre langjährige Zusammenarbeit und die daraus erwachsene Freundschaft, die ihr künstlerisches Schaffen gegenseitig befruchtet hat. Außerdem verriet Jan Decorte, warum es ein Jahr gedauert hat, bis seine Frau seinen Heiratsantrag annahm.

© Edi Szekely

Beim Symposium Domesticate me diskutierten der Künstler Joep van Lieshout, Journalist und Autor Ulrich Grober sowie der Grünen-Politiker Jürgen Trittin, ob das Paradigma ‚Zurück zur Natur‘ wirklich die Glücksformel des Städters der Gegenwart ist. Sind Selbstversorgung und Einsamkeit die wahre Utopie oder doch Spinnerei? Wie viel Ökologie wollen, nicht: können, wir uns wirklich leisten? Diese und weitere Fragen thematisierten die Gesprächspartner und lieferten spannende Antworten sowie persönlichen Standpunkte und Herangehensweisen. Musikalisch begleitet wurde das Symposium von Hauschka am Piano und Kai Angermann am Vibraphon.


Nach einem weiteren ereignisreichen Wochenende startet die Ruhrtriennale am Montag in ihre letzte Festivalwoche....

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