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Rhapsodie Ruhr

25. Sep. 2015

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Ein Freitagnachmittag, der Sommer endet langsam. Seit zwei Stunden laufe ich neben einem fremden Menschen durch die ehemalige Kohlearbeitersiedlung Lohberg. Zuvor: Ferien in Deutschland. Auf dem Rückweg nach Paris, wo ich seit einigen Jahren lebe, will ich noch einen Abstecher ins Ruhrgebiet machen um mir Accattone anzusehen. Zwischen alter und neuer Heimat suche ich auf der Couchsurfing-Seite nach einem Schlafplatz – und finde die 53-jährige Krankenschwester Birgit und ihre zwei Katzen.

© Alina Buchberger

Als ich nachmittags an der Haltestelle Bergmannstraße aus dem Bus steige, fühle ich mich wie ein Fremdkörper, mit meinem riesigen lila Rucksack, neugierig, müde und verschwitzt, die platten Füße durch die scheinbar immergleichen, seltsam märchenhaften Straßen Lohbergs schiebend. Endlich stehe ich - unentschlossen - vor meiner Bleibe für diese Nacht.  Aus der Hintertür kommt mir der katzenhütende Nachbar lächelnd entgegen. Dirk. Er ist übrigens der Fremde vom Anfang. Birgit ist noch auf der Arbeit, also stellen wir mein Gepäck in der Wohnung ab, sind sofort mitten im Gespräch, und nutzen die Zeit bis zur Vorstellung für eine ausgiebige Ortstour. Lobreden auf Lohberg, auf die bunt belebt gemischten Gärten, die Schätze der kleinen Bücherei und das heimliche Traumhaus, das Dirk eines Tages zu kaufen gedenkt. Auch mir hat es der gleichgültige Charme der grauen, alten Gebäude angetan, Risse durchziehen die Wände der einfachen bis stattlichen Häuser wie schwarze Adern, alles ist umgeben von Dunkelgrün, der Himmel voll Wolken. Birgit, die mich nach der Aufführung mit frisch bezogener Couch und Käsebroten empfängt, lebt auch gern in Lohberg. Es ist spät, und wir sprechen über Arbeit, über Bücher und über das Couchsurfen. Zum Reisen kommt Birgit nicht oft, also holt sie sich gegen das Fernweh die Ferne nach Lohberg, erklärt sie mir, und ich packe mir ihre kleine Philosophie in meinen Rucksack.

© Alina Buchberger

Zwei Woche später bin ich wieder unterwegs im Ruhrgebiet – Prometeo soll es sein. Also Duisburg. Philipp ist 28, seit einem Jahr ganz offiziell Englischlehrer. Auf meine Anfrage antwortet er prompt, und gleich doppelt: Couch kann ich haben, und auch noch eine Begleitung zur italienischen Anti-Oper. Besser geht es ja gar nicht! Ein richtiger Kenner ist der Philipp, von der Triennale und eigentlich auch sonst von allem, und es ist schön, vor der Vorstellung den Kartoffelsalat und danach Gedanken zu Nono und der Welt zu teilen. Am nächsten Vormittag rauscht Wagners Rheingold aus den Lautsprechern in Philipps Wohnung – gemeinsames Einstimmen auf meinen Samstagabend. Wieder allein fahre ich nach einem Spaziergang durch Duisburg-Ruhrort nach Bochum, dem Ruf des Goldes folgend. Umständliches Umziehen auf der Toilette des Regionalexpresses, Zubbeln und Zerren an Nylonstrümpfen, Blick in den verschmierten Spiegel. Draußen poltert dumpf ein blau-weißes Meer grölender Fußballverliebter – Vorbereitungen auf den Premierenabend, die im Hotelzimmer gemütlicher wären.

© Alina Buchberger

Die letzte S-Bahn trägt mich nach der glänzenden Premierenfeier an den Rand der Stadt, nach Bochum-Gerthe. In ein wunderschönes Haus, das Millionen Geschichten zu erzählen scheint, genau wie die lächelnde, gemütliche und vor allem gastfreundliche Patchwork-Familie, die mir für diese letzte Nacht ein Heim bietet. Gleich schlafen, oder noch ein Bier, fragt Jörg? Der Müdigkeit zum Trotz wähle ich das Bier, das Eintauchen ins fremde Leben, Herantasten, Blicke tauschen, wer bist denn du so? Neue Horizonte erkunden, Geschichten erzählen. Fühlt sich an als wäre ich Rhapsodin der modernen Welt, ihr gebt mir Obdach, Speis und Trank, ich sing euch ein Lied aus der Fremde. Der nächste Morgen huscht vorbei, es geht weiter zum bewegenden Werkstattgespräch mit André Richard und Ingo Metzmacher. Verstohlener Blick auf mein Handy – Nachricht von Margret. „Hi, wir bringen Dir gleich noch Sachen von Dir zur Jahrhunderthalle… (Schlafanzug)“ . Hab ich vergessen. Als ich auf den Platz vor der Halle trete, stehen sie schon da und warten auf mich. Gemeinsam lugen wir durch die Fenster der Installationen auf dem Vorplatz. Das unerwartete Wiedersehen vor meiner Rückreise nach Paris macht ein warmes Gefühl im Bauch, wie ein Honigbonbon. Allein durchs Ruhrgebiet ziehen, verloren in der Wildnis zwischen Hauptbahnhöfen und Schachtanlagen, unabhängig, erkundend, sieben Sachen auf dem Rücken, zwischen Bühnenrausch und Klangwelten, das ist gut.  Auch gut ist dieses Gefühl, dabei tatsächlich Menschen begegnet zu sein.

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