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The Rest is Noise - Halbzeit im Schauspiel Dortmund

25. Jan. 2016

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Christoph Sebastian

Der Zuschauerraum blieb an diesem Abend leer. Stattdessen lud das Ensemble des Schauspiel Dortmund das Publikum der dritten Etappe der Lesereihe „The Rest is Noise“ in die Intimität des Bühnenraums ein. Im schummrigen Licht der Leselampen erinnerte die Bühne so an ein immenses Wohnzimmer. Zuvor ging es quasi durch die Hintertür auf die Bühne – raus aus dem Foyer, quer über den Hof, durch die kalte Abendluft bis zum Bühneneingang.

 

© Christoph Sebastian

Zur Halbzeit der gemeinsamen Etappenreise im Theater Dortmund widmet sich das siebenköpfige Schauspielensemble rund um Friederike Tiefenbacher (Alex Ross) den Kapiteln  „Die Kunst der Angst – Musik in Stalins Sowjetunion“ und „Musik für alle – Musik im Amerika Franklin D. Roosevelts“.

Im ersten Teil des Abends steht mit dem Komponisten Dmitri Schostakowitsch, dem Frank Genser seine Stimme verleiht, wohl eine der tragischsten Figuren der Sowjetzeit im Fokus. Er wird schließlich zum wichtigsten musikalischen Opfer von Stalins System, als dessen Befürworter er zunächst gilt.
Es ist Januar, das Jahr 1936 hat gerade begonnen, im Moskauer Bolschoi Theater kommt es während der Aufführung von  Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ und unter der Anwesenheit von Stalin zu polizeilichen Übergriffen. Schnell offenbart sich den Zuhörern an diesem Abend das Verhältnis von Politik, Macht, Ideologie und Musik.

„Selbst wenn die Geschichte uns nie erweisen kann, was Musik genau bedeutet, so kann Musik uns doch einiges über Geschichte erzählen.“ (Alex Ross)

© Christoph Sebastian

Die Bochumer Symphoniker, die neben der Pianistin Sachiko Hara zur musikalischen Untermalung der Lesung beitragen, spielen einige Passagen aus Schostakowitschs Streichquartett Nr.8 c-moll und beschwören damit die ganze Tragik, Verzweiflung und Traurigkeit der Stalin-Zeit musikalisch herauf.

„Schostakowitsch hätte belohnt werden sollen, damit er weiter arbeiten kann, anstatt nun schreiben zu müssen, was immer man ihm aufträgt.“
(Wsewolod Meyerhold, Regisseur).

Immer wieder vermischen sich Passagen des Streichquartetts mit den Gedanken, Erinnerungen und Aufzeichnungen aus Briefen und Tagebüchern des Komponisten und seinen Zeitgenossen wie Wsewolod Meyerhold, Andrei Platonow, Wiktor Schklowski oder Juri Schaporin. Noch in der Pause hängen die Zuhörer den Worten und der Musik ergriffen nach.

© Christoph Sebastian

Mit Tom & Jerry, Walt Disney und Charlie Chaplin geht es im zweiten Teil der Lesung fröhlicher und losgelöster weiter. Neben Musik und Text werden jetzt auch Cartoons im Schauspiel Dortmund gezeigt und sorgen für allgemeines Gelächter. Beeinflusst von Arnold Schoenbergs Zwölftonmusik jagen Tom & Jerry über die Leinwand im Theater Dortmund.

Aufgemischt wird das Bühnengeschehen auch durch viele Künstler und Zeitgenossen, die jetzt, verkörpert von Dortmunder Ensemblemitgliedern, eifrig zu Wort kommt. So beschreibt Arnold Schoenberg (Andreas Beck) sein Leben in Hollywood. Eleonore Roosevelt (Julia Schubert) hilft Hanns Einsler (Andreas Beck) bei seinem Visumsantrag und Walt Disney (Carlos Lobo) und Igor Strawinsky (Julia Schubert) streiten heftig über ihr gemeinsames Filmprojekt „Fantasia“.  Den bunten Künstlerreigen aus dem vermeintlichen Paradies Hollywood schließt Sachiko Hara mit Rachmaninoff-Etüden ab.

© Christoph Sebastian

Die beiden jeweils unterschiedlich gestalteten Teile des Abends zeigen ganz nebenbei auch den spannenden wechselseitigen Einfluss von Musik und Zeitgeschehen im 20. Jahrhundert. Politik und soziales Umfeld prägten die Komponisten, umgekehrt war ihre Musik Spiegel dieser Zeit.

„Im 20. Jahrhundert ist das musikalische Leben in eine brodelnde Masse verschiedenster Kulturen und Subkulturen zerfallen, die alle ihren eigenen Kanon, ihre eigene Sprache entwickelt haben. Was eine Gruppe von Hörern erfreut, verursacht einer anderen Kopfschmerzen.“ (Alex Ross)




Die vierte Etappe der Lesereise, am Donnerstag, 04. Februar, wendet sich den Komponisten Olivier Messiaen, Pierre Boulez und John Cage zu und verspricht ein Leseabend zwischen reinster Stille und reinstem Lärm zu werden.

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