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The Rest is Noise - Etappe 2, Schlosstheater Moers

04. Dez. 2015

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Christoph Sebastian/Ruhrtriennale

„Musik mitten im Lärm“

Glockengeläut dringt von draußen herein. Die letzten Gäste nehmen, ein Glas Wein oder eine Brezel in der Hand, ihre Plätze ein. Auch auf der Bühne sitzen ZuschauerInnen inmitten von Instrumenten, Tischlampen und einem alten Radio. „The Rest is Noise“ gastiert im Schlosstheater Moers. Das fünfköpfige Ensemble des Schlosstheaters schlüpft in die verschiedensten Rollen, von George Gershwin (Patrick Dollas) bis zu Kurt Weill (Frank Wickermann), und versetzt uns gleich zu Beginn des Leseabends in die wilden Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts.

© Christoph Sebastian/Ruhrtriennale

Der erste Teil handelt von amerikanischen Komponisten von Ives bis Ellington. Alex Ross, der Autor von „The Rest is Noise“, beschreibt den Paradigmenwechsel, der sich in einem rebellischen Amerika der Zwanziger vollzieht. Klassische Komponisten sind nicht mehr allein der Motor des musikalischen Fortschritts. Andere Erneuerer treten hervor, Amerikaner, denen oft der Schliff der Konservatoriumsausbildung fehlt. Und immer häufiger sind es Schwarze. Populäre Musik gilt nicht mehr als geistlose Unterhaltung, sondern als Kunst und ihre Schöpfer als Avantgarde. So schreibt Carl van Vechten (Patrick Dollas), amerikanischer Musikkritiker, über ein Livekonzert von Louis Armstrong in einem New Yorker Nachtclub:

„Diese Musik war frei und ohne Worte, und der Mann mit der Trompete trieb sie voran und sah nicht zurück. Furios war sie, lustvoll und tödlich für jede andere Art von Musik. Funkelnagelneu.“

Bereits der tschechische Großmeister Antonín Dvořák (Matthias Heße) erkannte am Ende des 19. Jahrhunderts die Kraft afroamerikanischer Musik und bemerkte hellsichtig, dass die zukünftige Musik der USA auf die der schwarzen Amerikaner gründen würde. Aus den Orchesterwerken, die Dvořák vorhergesagt hatte, wurde jedoch Jazz. Dennoch waren die Konzertsäle Amerikas immer noch Tummelplatz europäischer Komponisten. Und selbst ihre amerikanischen Pendants – zum Großteil immer noch weiße Männer – mussten sich mühsam ihren Platz erkämpfen. Einer von ihnen war Charles Ives.

© Christoph Sebastian/Ruhrtriennale

Ives (Frank Wickermann) zeigt einen kompromisslosen musikalischen Erfindergeist, der nicht selten in Überforderung seiner Musiker endet. Sehr zu seinem Leidwesen, denn Ives hatte kaum Gelegenheit, seine Orchesterstücke auszuprobieren. Späte Anerkennung, wie durch ein Konzert seiner Symphonie Nr. 4 von Leonard Bernstein in den fünfziger Jahren, konnte ihn mit dem Musikbetrieb nicht versöhnen. Von seinen Kompositionen konnte er nicht leben und musste als Versicherungskaufmann arbeiten. Doch selbst dies tat seinem Pioniergeist keinen Abbruch: Ives gilt als Erfinder der Lebensversicherung.

Für Alex Ross (Magdalene Artelt) verkörperte kaum einer die Jazz Ära in den hektischen Zwanzigern so sehr wie George Gershwin. „Ein Mann, in dem alle misstönenden Tendenzen der Ära sich zu süßer Harmonie vereinigten.“ Patrick Dollas tritt als George Gershwin ans Mikrofon:

„Oft höre ich Musik mitten im Lärm.“

Gershwin wuchs auf in der Lower East Side von Manhattan, einem sprichwörtlichen Schmelztiegel, in dem sich von osteuropäischen über afroamerikanische bis hin zu jiddischen Einflüssen alles mischte. Bereits mit 26 Jahren saß er bei der Uraufführung einer seiner bekanntesten Kompositionen Rhapsody in Blue selbst am Klavier und wurde minutenlang vom Publikum gefeiert. Die Kritiken waren jedoch gegensätzlich und reichten von „signifikanter Stil“ bis hin zu „banal, schwach und konventionell“. Ungeachtet der Kritik komponiert Gershwin weiter und veröffentlicht später drei Preludes für Klavier, die seitdem zum Repertoire eines jeden Pianisten gehören. So auch zu dem der Pianistin Sachiko Hara, die auch in Moers den Leseabend musikalisch begleitet und Gershwins Three Preludes erklingen lässt.

© Christoph Sebastian/Ruhrtriennale

Zur selben Zeit begann auch Duke Ellington (Carl Oesterhelt) sich einen Namen zu machen. Den womöglich wichtigsten Rat gab ihm der Altmeister afroamerikanischer Musik Will Marion Cook (Frank Wickermann): „Versuch nie, jemand anders zu sein als du selbst.“ In den 20er Jahren sorgt Ellington, seit Schulzeiten aufgrund seiner guten Manieren „Duke“ genannt, mit seinem Orchester und seinen Auftritten im Cotton Club für Furore und wird in den 30ern zur Berühmtheit des Jazz. Kurz vor der Pause ertönt Ellingtons In a Sentimental Mood aus dem alten Radio auf der Bühne.

© Christoph Sebastian/Ruhrtriennale

Der zweite Teil spannt einen großen Bogen vom Jazz in New York zum Berlin der Zwanziger. Kurt Weill (Frank Wickermann) und Bertolt Brecht (Matthias Heße) betreten die Bühne. In nur drei Wochen erarbeiten sie das Singspiel „Mahagony“, das gleich mit drei Innovationen auftrumpft: einem zehnköpfigen Orchester – sechs Bläser, Klavier, Schlagzeug, zwei Streicher. Einer Komposition aus in sich abgeschlossenen Stücken. Und einer neuen Art von Gesang, die sich auf populäre Musik bezieht. Bei seiner Uraufführung auf Hindemiths Baden-Badener Festival wird „Mahagony“ vom Publikum bejubelt. Im darauffolgenden Jahr feiert „Die Dreigroschenoper“ im Theater am Schiffbauerdamm Premiere. Unter Hochdruck erschaffen Brecht und Weill eine neue Musikform, Kunst fürs Volk, die sich an der Grenze von Kunstmusik und Unterhaltung bewegt und Sozialkritisches thematisiert. Bertolt Brecht (Matthias Heße) tritt ans Mikrofon und singt „Das Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“:

„Ja, renn nur nach dem Glück
Doch renne nicht zu sehr!
Denn alle rennen nach dem Glück
Das Glück rennt hinterher.“

© Christoph Sebastian/Ruhrtriennale

Arnold Schoenberg entwickwelt derweil die Zwölftonmusik als Gegenentwurf zur populären Tanzmusik. Schoenberg (Marissa Möller) rebelliert gegen den Geschmack der breiten Masse und macht dabei eine bahnbrechende Entdeckung: „Zwölf Tastenschritte braucht man, um vom mittleren C auf dem Klavier zum nächsten C – darüber oder darunter – zu gelangen. Zwölf aufeinander folgende Halbtonschritte bilden die sogenannte chromatische Tonleiter.“ Mit Weill verbindet Schoenberg nicht viel mehr als ein leidenschaftlicher Disput, denn Weill wirft Schoenberg Missachtung des Publikums vor: „Das Publikum will eine Musik hören, die es auch versteht, ohne dass sie erklärt wird.“

© Christoph Sebastian/Ruhrtriennale

Die „Goldenen Zwanziger“ finden ihr jähes Ende am Black Friday, als der New Yorker Börsenkrach die ganze Welt erschüttert und die Weichen für politische Umbrüche und radikale Kräfte stellt. Nicht nur die Musik wird aggressiver … Anfang der Dreißigerjahre sprechen Brecht und Weill kaum mehr miteinander, zu tief sind die weltanschaulichen Gräben zwischen beiden. Ihr Meisterwerk „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ begibt sich jedoch auf einen Siegeszug durch die Welt. Ihre Songs erreichen die USA, wo sie als amerikanische Popklassiker ein neues Leben finden. Bob Dylan erinnert sich an den Moment, als er 1962 bei einer Revue „Brecht on Brecht“ zum ersten Mal „Seeräuber Jenny“ (Pirate Jenny) hört:

“This wasn’t a protest song, this was a song that dealt with things that were actually happening and there was no love thy neighbour in it at all. (…) It was like Picasso’s painting “Guernica“.“


Die dritte Etappe von „The Rest is Noise“ im Schauspiel Dortmund widmet sich der Musik in Stalins Sowjetunion und im Amerika Franklin D. Roosevelts.

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